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Ohne Tiefkühlpizza und Supermarkt
Die Kinder der Ferienaktivitäten Rambrouch erfuhren, wie ihre Großeltern zur Schule gingen.

Ohne Tiefkühlpizza und Supermarkt

Louis Reding
Die Kinder der Ferienaktivitäten Rambrouch erfuhren, wie ihre Großeltern zur Schule gingen.
Lifestyle 3 Min. 15.03.2012

Ohne Tiefkühlpizza und Supermarkt

Vieles hat sich in den vergangenen hundert Jahren in ganz Luxemburg geändert. In ganz Luxemburg? Nein, in der Thillenvogtei in Wahl ist wortwörtlich alles beim Alten geblieben. Und dies nicht unbedingt zum Nachteil, bietet das Landmuseum doch Gruppen ein ideales Ausflugsziel, um während eines Tages das Alltags- und Arbeitsleben im Luxemburg des 19. und 20. Jahrhunderts zu entdecken.

Von Louis Reding

Vieles hat sich in den vergangenen hundert Jahren in ganz Luxemburg geändert. In ganz Luxemburg? Nein, in der Thillenvogtei in Wahl ist wortwörtlich alles beim Alten geblieben. Und dies nicht unbedingt zum Nachteil, bietet das Landmuseum doch Gruppen und vor allem Schulklassen ein ideales Ausflugsziel, um während eines Tages das Alltags- und Arbeitsleben im Luxemburg des 19. und 20. Jahrhunderts zu entdecken.

„Was darf man in einem Museum nicht tun?“, fragt Jean Ney die Teilnehmer der Ferienaktivitäten der Gemeinde Rambrouch. Die artigen Kinder wissen natürlich sofort die richtige Antwort: „Man darf nichts anfassen!“ Doch im lebendigen Landmuseum in Wahl gilt diese Vorschrift nicht, ganz im Gegenteil: Jeder soll bei der Arbeit mithelfen und selbst erfahren, wie die Menschen früher gelebt haben.

Zuerst zeigt der Inhaber der Thillenvogtei der kleinen Gruppe, die in den alten Schulbänken Platz genommen hat, mit welchem Material man sich vor 100 Jahren zufrieden geben musste. Die Schultasche und die Bücher waren abgenutzt, da die älteren Geschwister sie schon benutzt hatten, man besaß kein Heft, sondern nur eine kleine Schiefertafel, und von einer Schachtel voll Buntstifte konnte man damals auch nur träumen.

„Alles wurde selbst hergestellt, man hatte nicht genug Geld“

Jean Ney erklärt den Kindern auch, dass man vor 100 Jahren nicht in den Supermarkt einkaufen gehen konnte und dass man deshalb alles selbst herstellen musste. „Es war auch damals nicht immer angenehm, Mutter zu sein. Der Haushalt musste geführt werden, die zehn oder mehr Kinder mussten erzogen werden, es musste gekocht werden, die Schweine mussten gefüttert werden, und freitags musste auch noch Brot gebacken werden.“

Das Brotbacken können die Kinder nun selbst ausprobieren. Es gehört zu einer der zahlreichen Aktivitäten, für die sich Gruppen im Museum anmelden können und wird normalerweise zusammen mit einer oder zwei anderen Aktivitäten kombiniert. Die angebotenen Aktivitäten hängen auf einem Bauernhof natürlich von der Jahreszeit ab.

Also auf zu Bäckerin Nicole in die Backstube. Vor 100 Jahren hatte man nicht die Zeit, sich auszuruhen, während der Brotteig zum Aufgehen am Ofen stand. Und so müssen sich auch die Kinder aus Rambrouch und Umgebung, nachdem sie das Feuer im Backofen angezündet und den Teig vorbereitet haben, einer anderen Arbeit widmen. Jean Ney erklärt kurz, wie man das Getreide mit der Hand aussäte und im Sommer mit der Sense mähte. Dann müssen die Kinder sich schon wieder selbst betätigen.

Bei der schweißtreibenden Arbeit des Dreschens erfahren die Kleinen, wie gut man es heutzutage hat, und dass die Maschinen uns vieles im Leben erleichtern. Nachdem sie das Getreide per Hand gedroschen haben, lernen die Teilnehmer der Ferienaktivitäten aber auch noch, wie die ersten Dreschmaschinen funktionierten, bei denen man noch an einer Kurbel drehen musste, um sie in Gang zu setzen und das Getreide vom Stroh zu trennen.

„Es geht in der Thillenvogtei darum, jedes Kind zu beschäftigen“, so Jean Ney. Und Beschäftigung haben die Jungen und Mädchen wahrlich genug, denn nach dem Dreschen geht es schon wieder in die Küche, wo man neben den Broten auch kleine Pizzas herstellt. Dann werden die Brote in den Ofen geschoben und müssen dort gebacken werden, bis sie schön knusprig und braun sind.

Wäsche waschen wie zu Großmutters Zeiten

Diese Zeit nutzt man, mit Schürze bekleidet, um zu entdecken, wie man die Wäsche früher am Waschbrunnen gereinigt hat. Nach dem Einseifen, Reiben, Klopfen und Schwenken der Wäsche weiß man, dass auch diese Arbeit durch die Erfindung der Waschmaschine im Laufe der vergangenen 100 Jahre erheblich erleichtert wurde.

Eine kleine Stärkung käme jetzt gerade recht. Wie gut, dass man auf dem Weg zur Küche schon die herrlich duftenden Pizzas wahrnimmt. Wieder einmal ist das Motto der Thillenvogtei zu erkennen: „Riechen, schmecken und fühlen“. Nachdem man die Pizza mit Genuss verzehrt hat, ist es schon wieder Zeit zur Abreise und jeder darf eines der selbst gebackenen Brote mit nach Hause nehmen.

Die Thillenvogtei zählte, seit ihrer Eröffnung im Jahre 1991, schon zahlreiche kleine und große Besucher aus ganz Luxemburg, aber auch aus dem nahen Grenzgebiet. Der Bauernhof, der fast komplett im Originalzustand aus der Zeit um das Jahr 1900 erhalten ist, ist für alle Gruppen das ganze Jahr über zugänglich, außer im Dezember, dann werden Renovierungsarbeiten vorgenommen. Wer die Thillenvogtei besuchen will, muss sich im Voraus unter der Telefonnummer 83 81 80 anmelden.

Das Museum besitzt übrigens auch eine große Sammlung alter Landmaschinen und traditioneller Kleidung, welche des Öfteren auf Ausstellungen in der Umgegend zu bewundern sind.