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Oase im Kanal
Lifestyle 6 Min. 13.04.2019

Oase im Kanal

Blick auf den Fisherman's Beach auf Herm: Die Temperaturen steigen auch im Sommer selten über 20 Grad Celsius.

Oase im Kanal

Blick auf den Fisherman's Beach auf Herm: Die Temperaturen steigen auch im Sommer selten über 20 Grad Celsius.
Foto: Karsten-Thilo Raab
Lifestyle 6 Min. 13.04.2019

Oase im Kanal

Auf der kleinen Insel Herm, einer Nachbarinsel von Guernsey, unterliegt nicht nur das Wetter großen Schwankungen.

von Karsten-Thilo Raab 

Dieses Jacke-an-Jacke-aus-Wetter ist irgendwie anstrengend und schön zugleich. Der Wind weiß auch nicht, was er will. Mal weht eine steife Brise, dann wiederum kaum mehr als ein laues Lüftchen. Wenn dann noch die Sonne hinter den Wolken hervorlugt, ist es schlagartig warm – richtig warm. Kein Wunder, dass auf dem kleinen Island im Golf von St. Malo tropische Pflanzen gedeihen. Der Tidenhub ist in dieser Form außerhalb der Kanalinseln wohl nirgendwo in Europa so extrem. Bis zu zwölf Meter schwankt der Wasserspiegel zwischen Ebbe und Flut.

„Ideale Bedingungen für meine kleine Austernzucht“, schwärmt Justin De Carteret. Das Spiel der Gezeiten und die dadurch bedingte Zirkulation des Wassers und der Nährstoffe wirken sich, so der Hüne mit dem markanten Pferdeschwanz weiter, überaus positiv auf das Wachstum und den Geschmack der begehrten Schalentiere aus. Während in den meisten Regionen Europas Austern erst nach drei bis vier Jahren eine Größe von acht bis 14 Zentimetern, und damit Handelsreife erreichen, sind die Muscheln in den Gewässern vor Herm binnen 18 Monaten reif für den Verzehr.

50 Tonnen Austern pro Jahr

„Unser Ziel ist es, hier bis zu 50 Tonnen an Austern pro Jahr zu produzieren“, erklärt Justin De Carteret und fügt lachend hinzu, damit so etwas wie ein Großunternehmer auf Herm zu sein. Und dies mit nur zwei Mitarbeitern. Aber so ist das auf der mit einer Fläche von gerade einmal zwei Quadratkilometern kleinsten, bewohnten Kanalinsel. Nur 55 Menschen leben hier dauerhaft.

Auf Herm und der Nachbarinsel Jethou leben nur rund 80 Einwohner.
Auf Herm und der Nachbarinsel Jethou leben nur rund 80 Einwohner.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Aber Herm ist keine Insel zum Altwerden. Denn hier darf nur dauerhaft mit seiner Familie leben, wer auch einer geregelten Arbeit nachgeht. Ist das Rentenalter erreicht, müssen selbst diejenigen, die hier geboren wurden oder mehr oder weniger ihr ganzes Leben auf Herm verbracht haben, die Insel verlassen. „Das klingt hart, aber wer sich entscheidet, hier zu leben und zu arbeiten, akzeptiert damit auch die Rahmenbedingungen“, räumt Lesley Bailey ein.

Seit Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den Kindern auf der malerischen Insel. Allerdings sieht sie den eigenen Nachwuchs meist nur am Wochenende. Zwar gibt es auf Sark eine kleine Grundschule mit derzeit sechs Kindern, doch sobald die Mädchen und Jungen auf eine weiterführende Schule gehen, reisen sie montags morgens mit dem ersten Boot nach Guernsey. Dort drücken sie dann die Schulbank und leben bei Gastfamilien, ehe es dann freitags nachmittags mit dem Boot zurück nach Herm geht.

„Für die Kinder und Eltern ist dies anfangs wirklich hart, aber es geht nun mal nicht anders“, unterstreicht Lesley. Und da gerade im Herbst und Winter die See recht rau sein kann, sollen und können die jungen Schüler auch nicht täglich hin und her pendeln.

Gefischt wird hier nur wenig: Haupteinnahmequellen sind der 
Tourismus, der Gemüseanbau und der Verkauf von Briefmarken.
Gefischt wird hier nur wenig: Haupteinnahmequellen sind der 
Tourismus, der Gemüseanbau und der Verkauf von Briefmarken.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Fahrrad fahren ist verboten

„Dafür leben wir hier wie im Paradies“, ist nicht nur Lesley davon überzeugt, tausendfach für die vermeintlichen Entbehrungen entschädigt zu sein. Denn Herm ist eine Oase der Ruhe, eine Insel der Entschleunigung. Ohne Hektik, ohne Lärm und ohne großen Luxus. Die Insel ist autofrei – und auch Fahrrad fahren ist hier verboten. Nur ein paar Traktoren helfen bei der Landwirtschaft und beim Transport sperriger Güter.


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Das Leben ist hart und entbehrungsreich; die Zahl der Freizeitaktivitäten überschaubar. Lediglich zwei Pubs sorgen für Zerstreuung. Richtig einkaufen lässt sich hier auch nicht. Der kleine Inselshop hält neben Souvenirs nur wenig Ess- und Trinkbares vor – und dies auch nur während der touristischen Saison von Ostern bis Oktober. In der kalten Jahreszeit können sich die Insulaner dann nur im Pub mit frischer Milch und Brot eindecken.

Gleichwohl ist Herm für viele ein Stück Paradies mitten in Europa – ein Inseltraum mit acht weitgehend unberührten Stränden, romantischen Buchten, wilden Klippen, türkisblauem Wasser und karibischem Flair. Dank des milden Klimas gedeihen hier Palmen und andere tropische Pflanzen, aber auch wilder Ginster, Bärlauch und die lila-blauen Atlantischen Hasenglöckchen in Hülle und Fülle.

Umrundung in anderthalb Stunden

Bei gerade einmal 2,4 Kilometern Länge und einer Breite von 800 Metern lässt sich die herrlich grüne Insel bequem in anderthalb Stunden umrunden. Auf den schmalen Pfaden entlang der Strände und Klippen lassen sich immer mal wieder Kaninchen und Fasane blicken, während sich in den Gewässern vor Herm reihenweise Robben und Delfine tummeln. Unter den mehr als 100 Vogelarten, die hier jahreszeitlich bedingt anzutreffen sind, erfreuen sich besonders von März bis Juni die Papageientaucher an der so genannten Puffin Bay im Südosten der Insel großer Beliebtheit.

Auf dem Küstenpfad: Wanderer können die Insel in anderthalb Stunden umrunden.
Auf dem Küstenpfad: Wanderer können die Insel in anderthalb Stunden umrunden.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Der Shell Beach am nordöstlichen Ende der Insel ist bekannt für seine farbenfrohen Muschelfragmente, aber auch für die intensive Sonneneinstrahlung. Und so endet ein unvorsichtiges Sonnenbad an dem schneeweißen Sandstrand nicht selten mit einem fiesen Sonnenbrand, dem „Herm-Burn“. Mit dem erhitzten Körper ließe es sich natürlich wunderbar in den sanften Fluten am Shell Beach eintauchen. Allein wäre dies ein Bad der Extreme.

„Das Wasser erwärmt sich selbst in heißen Sommern auf kaum mehr als 17, 18 Grad Celsius“, weiß Lesley zu berichten. Die Powerfrau selber kann das nicht schocken. Im Gegenteil. Sie stürzt sich mindestens zweimal pro Woche in die Fluten, um dann, nur mit dem Badeanzug bekleidet, einen Sprint bergauf zu ihrem warmen, kleinen Cottage zurückzulegen.

Ihr Wohnhaus liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Manor House, dem Stammsitz der Inselpächter, fast in der Mitte von Herm. Gleich nebenan befindet sich mit der St. Tuguals Kapelle ein kleines Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert. Ein Kleinod ist auch das winzige Gefängnis, das sich unweit des Hafens halb versteckt zwischen dem Tennisplatz des Hotels White House und dem vorgelagerten kleinen Strand unter Palmen duckt. Der im 18. Jahrhundert fertiggestellte Rundbau aus Bruchstein erinnert optisch an einen zu groß geratenen Bienenstock und bietet – völlig luxusbefreit – Platz für maximal einen Gefangenen.

„Ich kann mich nicht erinnern, wann das Gefängnis zum letzten Mal genutzt wurde“, so Lesley, mit Blick auf die Tatsache, dass Herm wohl zu den wenigen Orten der Welt gehört, auf denen Kriminalität wie ein Fremdwort anmutet. Da wundert es nicht, dass lediglich drei Insulaner abwechselnd ehrenamtlich als Hilfspolizisten fungieren. Wobei die Hobby-Staatsmacht in der Regel nicht viel zu tun hat. Fast scheint es, das einzige denkbare Verbrechen wäre, Herm nicht bezaubernd schön zu finden – was tatsächlich eines wäre. 


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