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Napoleon, Thunfische und der Brexit
Lifestyle 7 Min. 22.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Napoleon, Thunfische und der Brexit

Es geht auch grün: Felsformation Lot im Süden der Insel Saint Helena.

Napoleon, Thunfische und der Brexit

Es geht auch grün: Felsformation Lot im Süden der Insel Saint Helena.
Foto: dpa
Lifestyle 7 Min. 22.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Napoleon, Thunfische und der Brexit

Seit Oktober 2017 hat die Insel Saint Helena einen Flughafen. Der Tourismus wächst und gibt den Inselbewohnern neue Hoffnung. Der Aufschwung ist dringend nötig – denn vom Brexit ist auch das britische Überseegebiet mitten im Atlantik betroffen.

von Christian Selz

Die Durchsage klingt wenig beruhigend: "Es könnte gleich einen kurzen Moment des Unbehagens geben", meldet die Chefstewardess im Landeanflug auf Saint Helena. Die Vulkaninsel liegt fast mittig zwischen Angola und Brasilien im Südatlantik und wird seit Oktober 2017 erstmals von Linienflügen angesteuert.

Die Landung auf dem windigen Eiland ist ruppig. Saint Helena ist auf den ersten Blick kein besonders wirtlicher Ort. Napoleon wurde 1815 hierher verbannt. Steile Berge, dunkles Vulkangestein, kaum eine Pflanze hält sich in dieser kargen Landschaft. Doch der erste Eindruck täuscht.

Dass Saint Helena auch Geborgenheit vermitteln kann, wird schon auf dem Fußweg von der Maschine zum brandneuen Terminal klar, in dessen Obergeschoss die Inselbewohner dicht gedrängt stehen, um der Ankunft von Neulingen und lange vermissten Familienangehörigen beizuwohnen. Nicht wenige sind aus beruflichen Gründen gekommen, Derek Richards zum Beispiel. Seit vergangenem Jahr betreibt er mit seiner Frau Linda ein kleines Gästehaus in Saint Pauls, zehn Autominuten von der Hauptstadt Jamestown entfernt.

Die beiden Zimmer der Herberge sind ans Wohnhaus angebaut, gegessen wird gemeinsam mit den Gastgebern. "Ich hatte es schon lange vorher geplant, aber die Leute kamen ja nicht regelmäßig", erklärt der 52-Jährige. Der Flughafen, sagt er, habe die gesamte Dynamik der Insel verändert. Sie sei nun nicht nur für Touristen besser erreichbar, sondern auch die Einheimischen hätten es leichter, in den Rest der Welt zu gelangen. "Du bist nicht mehr fünf Tage auf einem Boot, wenn du in den Urlaub fahren willst."

Genau dies war bisher die Realität – und Saint Helena daher kein Touristenziel. Das britische Postschiff "RMS St Helena" verband die Insel seit 1990 mit dem Mutterland und vor allem mit dem näher gelegenen Hafen Kapstadt in Südafrika. Die monatliche Ankunft von Fleisch, Gemüse, Medikamenten – und schon immer auch ein paar Reisender – bestimmte über Jahrzehnte den Puls der Insel. Nun, da die Luftbrücke etabliert ist, hat das altehrwürdige Schiff am 10. Februar 2018 den Dienst quittiert. Eine Ära ging zu Ende.

Das britische Postschiff "RMS St Helena" hat die Insel seit 1990 versorgt - im Februar hat das Schiff seinen Dienst aufgegeben.
Das britische Postschiff "RMS St Helena" hat die Insel seit 1990 versorgt - im Februar hat das Schiff seinen Dienst aufgegeben.
Foto: dpa

Ein Fünkchen Wehmut

Das letzte Einlaufen des Postschiffs Ende Januar von Südafrika aus war ein Ereignis, das viele sentimental gemacht hat – zum Beispiel Gregory Phillips. Der 39-Jährige hat das Schauspiel von seinem Arbeitsplatz im Old Fort aus mit dem Fernglas beobachtet, hoch oben über der Hauptstadt Jamestown. Einst als Verteidigungsanlage eingerichtet, beherbergt die Festung heute den halbstaatlichen Strom- und Wasserversorger. Das Schiff mit dem blau-weißen Rumpf und dem dicken gelben Schlot hat Phillips viermal nach Kapstadt und zurück gebracht.

"Viele Leute mögen es, per Schiff zu reisen", sagt der gelernte Klempner. Dann schweigt er kurz und blickt aufs Meer. Er habe gehört, dass auf dem neuen Schiff, das nur noch Güter bringt, die Frachtgebühren pro Container stiegen. Dabei seien die Lebenshaltungskosten jetzt schon so teuer. Der Brexit hat die Preise steigen lassen. Nun hofft man auf der Insel, dass der Tourismus die Wirtschaft ankurbelt und so die Abhängigkeit von der britischen Regierung verringert.

Investiert wurde bereits kräftig, sowohl von Privatleuten wie den Richards als auch seitens der Inselregierung. Letztere hat im Stadtzentrum drei historische Reihenhäuser komplett renovieren lassen, miteinander verbunden und so ein elegantes Hotel aus dem Boden gestampft. Man habe zunächst versucht, private Investoren zu finden, erzählt Gouverneurin Lisa Phillips. "Aber das war schwierig, weil der Flughafen noch nicht eröffnet war."

Saint James oder auch Jamestown ist die Hauptstadt von Saint Helena - und ein kleiner, überschaubarer Ort.
Saint James oder auch Jamestown ist die Hauptstadt von Saint Helena - und ein kleiner, überschaubarer Ort.
Foto: dpa

Lisa Philipps lädt ein zum Gespräch in ihrem Bürosaal im Castle, ursprünglich eine der ersten Befestigungsanlagen, die die Briten errichtet hatten. Vor den Fenstern in der Bucht liegen die Boote der Fischer und ein paar Jachten auf einem spiegelglatten Atlantik. Hinter ihrem Schreibtischsessel hängt ein blaustichiges Bild der Queen an der Wand. Doch diese abgeschiedene Idylle ist vor den Problemen der Welt nicht gefeit. Phillips klagt über die Auswirkungen des bevorstehenden Brexits, der jetzt schon die Nahrungsmittelimporte verteuert habe und die Fortsetzung der EU-Förderprogramme auf Saint Helena gefährde. Wirklich abgekoppelt von Europa war die gern als "abgelegenster Ort der Welt" beworbene Insel aber ohnehin schon seit Jahrhunderten nicht mehr.


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Den Portugiesen, die sie 1502 entdeckten, diente der unbewohnte und insgesamt nur 121 Quadratkilometer große Flecken Land zunächst als Versorgungsstation. Sie brachten Nutztiere, pflanzten Obstbäume und füllten ihre Trinkwasservorräte auf. Die strategisch wichtige Lage rief aller ursprünglichen Geheimhaltung zum Trotz jedoch bald auch andere europäische Großmächte auf den Plan. Vor allem Holländer und Engländer balgten sich um das Eiland. 1657 übergab die britische Krone die Rechte zur Verwaltung Saint Helenas an die Britische Ostindien-Kompanie. Die Besiedlung begann.

Wer auf Saint Helena in der Natur wandern geht, erlebt wohltuende Einsamkeit.
Wer auf Saint Helena in der Natur wandern geht, erlebt wohltuende Einsamkeit.
Foto: dpa

Der britische Einfluss ist bis heute nicht zu übersehen. Bezahlt wird in dem britischen Überseegebiet, dessen Verwaltung direkt dem Außenministerium in London untersteht, mit dem Saint-Helena-Pfund. Die Währung ist an das britische Pfund gekoppelt. Auf den engen, in den Stein gehauenen Straßen, gilt – wenn überhaupt zwei Autos aneinander vorbei passen – Linksverkehr. Und auch die Amtssprache ist Englisch. Selbst wenn die Saints, wie sich die Inselbewohner nennen, das Englisch in einer Mundart interpretieren, die sie ebenfalls Saint getauft haben und an eine gejodelte Mischung aus schottischem Hochlandkauderwelsch und US-Südstaaten-Slang erinnert.

Luxuriöses Exil

Die Lebensart weicht deutlich von der Hektik europäischer Metropolen ab. Auf den traßen grüßt jeder der nur 4 500 Einwohner jeden. Staus und wütende Schimpftiraden gestresster Verkehrsteilnehmer gibt es nicht – und kann es auch nicht geben, weil man sich ja kennt und sicher schon bald wieder sieht. Auch Kriminalität ist ein Fremdwort, die Einwohner schließen nicht einmal ihre Autos ab. Heute kommen Menschen aus genau diesen Gründen nach Saint Helena. Vor 200 Jahren aber war es dieses Provinzielle, das den berühmtesten Inselbewohner wider Willen – Napoleon Bonaparte – auf die Palme brachte. Von 1815 bis zu seinem Tod 1821 lebte der französische Militärdiktator auf St. Helena, zwar verbannt und bewacht von den Briten, aber durchaus in gehobenem Stil.


SRT-Bild Archivnummer: 1470001463, MADEIRA, Oliver Gerhard, Beschreibung: Blick über die Berge zum Pico do Arieiro. do Arieiro.
Honorarpflichtiges Motiv, www.srt-bild.de, Tel. 08171/4186-6, Fax 4186-85, Konto Postbank München IBAN DE73700100800384573808, BIC PBNKDEFF. Orig.-Name: OGE_PT17_9825.JPG, Motiv max. verfügbar in 2944 x 1965 px.
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Edle Weine aus Madeira und Kapstadt sowie Schinken aus Spanien seien Napoleon geliefert worden, der auch sein Haus nach Lust und Laune verlassen durfte, berichtet Trevor Magellan. "Er konnte sich frei bewegen, aber wo konnte er schon hin?" Magellan, schon lange Rentner, führt heute zweimal die Woche Touristen durch das Gästehaus, in dem Napoleon die ersten sieben Wochen seines Aufenthalts lebte. Seitdem der Flughafen eröffnet wurde, hat er viel zu tun: 32 Besucher seien in der vergangenen Woche gekommen, heute allein schon wieder 25, wie er stolz berichtet. Zuvor aber – das gibt er zu – ist er manchmal ganz allein geblieben. Mit dem Geist Napoleons natürlich.

Wer Einsamkeit sucht, muss heute aus Jamestown hinausfahren. Der Ort mit seiner Einkaufsstraße und dem kleinen Hafen ist eine Art Miniaturzentrum der Insel. Von hier legen die Boote ab, die Taucher zu den Riffen bringen, wo sich bunte Doktorfische, Felsenbarsche und Muränen tummeln. Hauptattraktion zwischen November und März sind die gigantischen Walhaie, die als Planktonfresser schnorchelnde Wegbegleiter tolerieren.

Knochenjob: Thunfischfang mit Peter Benjamin vor Saint Helena.
Knochenjob: Thunfischfang mit Peter Benjamin vor Saint Helena.
Foto: dpa

Neben den Touristenbooten legen aber auch die alten Fischerkähne noch immer aus der Bucht ab. Peter Benjamin ist einer von nur noch sieben Berufsfischern, die morgens um 4 Uhr in See stechen, um im Schutz der Nacht die scheuen Köderfische und anschließend dicke Gelbflossenthunfische zu fangen. Wann immer es geht, nimmt er dazu auch Gäste mit.

Von einem durchgestylten Hochseetrip auf einer funkelnden Jacht haben diese Ausfahrten freilich wenig. Nicht einmal einen Fischfinder hat der kauzige 57-Jährige an Bord. "Wenn du 41 Jahre zum Fischen gefahren bist, hast du das im Kopf", sagt Benjamin. Und hält Wort. Schon bald umkreisen die Meeresräuber das Boot. Während seine beiden angelnden Passagiere minutenlang mit einem einzigen Fisch kämpfen, schlägt Benjamin mit einem Stock auf die Wasseroberfläche, um die fünf bis sieben Kilogramm schweren Thunfische einen nach dem anderen aus dem Wasser zu hieven.

Es ist diese Mischung aus Leichtigkeit und Leiden, aus rauer Landschaft und perfekter Ruhe, die Saint Helena besonders macht. Daran ändern auch die knapp 80 Flugpassagiere noch nichts, die nun wöchentlich landen. 


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