Museumsinsel Hombroich

Wo Kunst eine eigene Insel hat

Rostfarbene Metallfiguren verbergen sich im dichten Grün.
Rostfarbene Metallfiguren verbergen sich im dichten Grün.
Foto: Rotger Kindermann

von Rotger Kindermann

Wer auf den Kieswegen seine eigenen Schritte hört, glaubt, dass er den Park nur für sich hat. Die sanfte Auenlandschaft wird umsäumt von der Erft, immer wieder unterbrochen von Teichen und kleinen Nebenflüssen. Aber alle Wege führen irgendwann zur Kunst. Links und rechts liegen verwitterte Baumstümpfe und wenn man gerade in die Natur eingetaucht ist, steht plötzlich ein Pavillon in der Lichtung, lugt ein Mauerwerk durch die Büsche oder rostfarbene Metallskulpturen verbergen sich im dichten Grün.

Ein „offener Versuch“

Höchst unterschiedliche Kunst hat im „Museum Insel Hombroich“ ein Zuhause gefunden. Gleich zu Beginn des Rundgangs stellt sich der „Turm“ in den Weg, eine monumentale, kastenförmige Skulptur von Erwin Heerich, die begehbar ist. Das Haus mit dem schönen Namen „Schnecke“ zeigt Aquarelle von Paul Cézanne, Zeichnungen von Gustav Klimt und Lovis Corinth, Drahtskulpturen von Norbert Kricke oder Plastiken von Medardo Rosso. Im „Zwölf-Räume-Haus“ findet der Besucher Kunst aus China und Persien, archäologische Sammlungen aus Afrika, Ozeanien und Mexiko sowie Möbelobjekte von Marcel Breuer und Gerit Rietveld. Im „Labyrinth“ dominieren ebenfalls Kunstwerke aus dem frühen China, aus der Ming-Zeit und aus dem Khmer-Reich. Insgesamt 16 verschiede Räumlichkeiten laden Kunstliebhaber zwischen Kassenhaus und Cafeteria zur Betrachtung ein. Und angeregt durch die wunderschöne Flora und das vielstimmige Vogelgezwitscher kann jeder auch zum Naturliebhaber werden.

Raum für kreative Entfaltung

Der Düsseldorfer Sammler und Kunstmäzen Karl-Heinrich Müller (1936-2007) hatte den Traum von einem Museum, das „Kunst parallel zur Natur“ zeigt, und er konnte ihn vor 30 Jahren im unberührten Tal der Erft zwischen Grevenbroich und Neuss verwirklichen. Noch heute besticht die weiträumige Anlage durch eine gewisse Wildheit. „Als offenen Versuch“ hatte Müller sein Projekt damals gestartet, doch diesen Status hat der Museumspark schon lange hinter sich gelassen. Die Bauwerke sind ein wenig in die Jahre gekommen, aber die Spuren der Zeit beeinträchtigen in keiner Weise die Atmosphäre. Wer über die Wege der Insel Hombroich wandert, fühlt sich wie ein Pilger auf der Suche nach Inspiration, die Erfahrung von Form und Farbe in der Natur liegt zwischen den Kunstobjekten. Hier könnte sich ein Besucher sogar verirren, ohne das Gefühl zu haben, verloren zu sein. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine weitere „Insel der Glückseligen“, die Raketenstation Hombroich, von Kunstkennern „Rakete“ genannt. Es handelt sich um eine grüne Insel der Kunst, nicht von Wasser – aber von endlosen Weizenfeldern umgeben, wo der Blick neue Horizonte eröffnet. Zu Zeiten des kalten Krieges befand sich hier eine NATO-Raketenbasis, von „Glückseligkeit“ konnte damals keine Rede sein. Im Rahmen der Abrüstung von Mittelstreckenraketen wurde sie Ende der 1980er-Jahre demontiert. Und wieder war es Karl-Heinrich Müller, der das Areal erwarb, rekultivierte und zum Kunst- und Ausstellungsgelände umbauen ließ. Eingebettet in eine dichte Pflanzenwelt – arbeitet hier eine Vielzahl von Künstlern, Musikern und Choreografen, für die die Raketenstation wahrhaftig „eine Insel des Glücks zur kreativen Entfaltung“ bedeutet.

Im Sommer hatten 16 internationale Künstler aus den Bereichen Tanz und Performance zwei Wochen lang die Möglichkeit, ohne Projektzwang zu arbeiten. Dabei ging es u. a. um das Erforschen von Stimmfarben und wie sie eine Verbindung zum Körper aufbauen. Während der Zeit wohnen die Teilnehmer gemeinsam im Gästehaus „Kloster“ auf dem Gelände. Interessierte Besucher konnten an zwei Tagen der offenen Tür mit den Künstlern über ihre Arbeiten sprechen. Es gehört zum Konzept der Raketenstation, in Workshops und Symposien persönliche Begegnungen mit Bildhauern, Autoren oder Philosophen zu inszenieren.

Neues Haus für Musiker

Im Laufe der Jahre kamen weitere Ausstellungsräume hinzu. 2004 wurde das Kunsthaus der „Langen Foundation“ eröffnet, ein markanter verglaster Bau des Stararchitekten Tadao Ando. Dort werden Werke des Berliner Künstlerduos FORT (Jenny Kropp und Alberta Niemann) gezeigt. Zu sehen sind u. a. Installationen und architektonische Elemente aus unserer urbanen Umgebung, die durch subtile Eingriffe eine surreale und irritierende Wirkung auf den Betrachter entfalten. Eine Bereicherung des Kunstensembles auf der Raketenstation ist die Skulpturenhalle, mit der sich der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte ein Denkmal errichtet hat. Ein imposanter 700 qm großer Schauraum unter einem ellipsenförmigen Dach, in dem eigene und fremde Werke zugänglich gemacht werden. Mit der 2016 eröffneten Halle, mit dem Siza-Pavillon (historische Fotografien), mit anderen Atelierräumen und skulpturalen Baukörpern kann man einen Ausstellungsmarathon besichtigen, der sich mit aktuellen und traditionellen Kunstströmungen auseinandersetzt.

Als neueste Attraktion auf der Raketenstation wurde kürzlich ein „Haus für Musiker“ fertiggestellt. Seine Grundsteinlegung erlebte es bereits vor elf Jahren, aber vieles auf dieser atypischen Insel nimmt mehr Zeit in Anspruch. Kunst verträgt keine Hast. Was den Besucher dieses Kulturraumes sicherlich beeindruckt, sind die außergewöhnlichen Formen der Bauten, die Stille, die Natur, und was ihn verwundert, ist die unzureichende nonverbale Kommunikation. Hinweisschilder oder Wegweiser sind (gleichfalls auf der Insel) so spärlich, dass manche es als Ärgernis empfinden. Zur Erschließung des Geländes muss man sich mit einer gedruckten Skizze begnügen. Vielleicht wird auf diese Weise die Fantasie angeregt und die Besichtigung zum kreativen Prozess.

Reiseinformationen

Öffnungszeiten: Museumsinsel: April bis September 10-19 Uhr, ab Oktober bis 18 Uhr geöffnet; Langen Foundation: täglich 10-18 Uhr; Skulpturenhalle: Freitags bis Sonntag 10-18 Uhr. Tickets: Erwachsene 15 Euro, Ermäßigt 7 Euro Anreise: über A 61/A 46 Richtung Neuss, Abfahrt Kapellen, dann ausgeschildert. Informationen unter: www.inselhombroich.de