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Mit dem Wind nach Westen
Lifestyle 5 Min. 15.08.2019

Mit dem Wind nach Westen

Einsam führen die Gleise des „California Zephyr“ streckenweise durch die Wildnis.

Mit dem Wind nach Westen

Einsam führen die Gleise des „California Zephyr“ streckenweise durch die Wildnis.
Foto: dpa
Lifestyle 5 Min. 15.08.2019

Mit dem Wind nach Westen

Zwei Tage, drei Stunden und 20 Minuten dauert die Reise von Chicago an die Bucht von San Francisco. Im „California Zephyr“ genießen Fernzugfans die lange Reise.

(dpa) - Sanft schwingt die Schlafkoje hin und her. Die nachtblauen Vorhänge wippen sacht im steten Rhythmus der Zugräder. Leise summend vibrieren die dicken Fensterscheiben. Draußen ist es längst stockfinster. Der „California Zephyr“ schnauft langsam die Ostflanke der Rocky Mountains hinauf.

Unten in der dunklen Ebene funkeln Stadtlichter. Bei seiner letzten Abfahrt in Denver hatte der Fernzug über 14 Stunden Verspätung. Doch der pochende Herzschlag des Zuges beruhigt genervte Gemüter, Reisestress ist abgeschüttelt.

Verspätungen an der Tagesordnung

Gut 3900 Kilometer ist die „Zephyr“-Strecke lang. Täglich verkehrt der Zug in beiden Richtungen zwischen Chicago und Emeryville an der Bucht von San Francisco. Unterwegs kreuzen seine Gleise etwa drei Viertel des amerikanischen Kontinents. Sie verlaufen durch wogende Weizenfelder und verschlafene Farmstädtchen in Illinois und Iowa, überqueren den mächtigen Mississippi nach Nebraska, führen weiter nach Denver und mitten durch die Rocky Mountains, entlang am Großen Salzsee bei Salt Lake City in Utah bis zur Kasinostadt Reno, dann hinauf in die verschneite Sierra Nevada und endlich hinunter an den blauen Pazifik.

Die Union Station in Denver ist ein wuchtiger Prachtbau im romanischen Stil.
Die Union Station in Denver ist ein wuchtiger Prachtbau im romanischen Stil.
Foto: dpa

Voll ist der „Zephyr“ selten. Curtis Keeton seufzt. Wer habe schon planmäßig zwei Tage, drei Stunden und 20 Minuten Zeit für so eine Strecke? Seit 38 Jahren arbeitet der gemütliche Mittfünfziger mit Bäuchlein und Brummstimme als Schlafwagenschaffner an Bord.

Die kleinste Schlafkabine in den doppelstöckigen Waggons ist ein echtes Platzwunder auf gut zwei Quadratmetern. Die beiden Polstersitze links und rechts am Fenster lassen sich nachts zu einem Bett flachlegen. Über die Armlehne klettert man auf eine von der Wand geklappte zweite Pritsche, gerade mal 61 Zentimer schmal.


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Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Hinter den Scheiben sind Bergsilhouetten im fahlen Mondlicht zu erkennen. Schneeflecken leuchten, Sterne blinzeln. Plötzlich scheint alles Außenlicht wie ausgeknipst. Das muss der Moffat Tunnel sein, zehn Kilometer bohrt er sich durch James Peak, durchschneidet die kontinentale Wasserscheide tief unter dem Gebirgskamm bis auf die Westseite der Rockies. Der Zug ruckelt. Das samtige Schwarz tut ein Übriges. Der „Zephyr“ hat seine Passagiere endlich in den Schlaf gewiegt.

Frühstück inbegriffen

Am nächsten Morgen duftet es nach frischem Kaffee. Auf dem Gang steht ein großer Thermosbehälter zur Selbstbedienung. Dazu gibt es im Speisewagen Buttermilch-Pfannkuchen und vor den Fenstern Utah - wie eine gerahmte Westernkulisse: stachelige, graugrüne Salbeibüsche auf staubigem Prairieboden, rundliche Kamelrücken-Hügel, dahinter dramatische Sandsteinklippen.

An hölzernen Strommasten hängen die Leitungen durch. Hier bleicht ein Häufchen verstreuter Knochen in der Sonne. Dort streiten zwei nackthalsige Geier, argwöhnisch beäugt von einer Familie grasender Gabelhorn-Antilopen, die missbilligend die Köpfe heben, als der Zug vorüberbraust.

Die Golden Gate Bridge in San Francisco empfängt die Zugreisenden am Ende der Reise.
Die Golden Gate Bridge in San Francisco empfängt die Zugreisenden am Ende der Reise.
Foto: dpa

Wo sonst bekommt man eine Portion Wilder Westen im Schlafanzug serviert? „I love it!“, ruft Denise Miller verzückt und rührt aufgeregt in ihrer Kaffeetasse. Ganz familiär sitzt man jeweils zu viert an Gemeinschaftstischen. Die blonde Großmutter aus Wisconsin steckt noch im karierten Pyjama. Ihr Enkelkind will sie besuchen, schon zum zweiten Mal per Fernzug. Das sei viel entspannter als mit dem Flugzeug.

Fernzugfans sind ein kurioses Völkchen. Viele sind Senioren, viele sind Urlauber und für viele ist der Weg das Ziel. So etwa für einen überzeugten Überland-Reisenden wie Alasdair Hastewell. Den „change of pace“, den Tempowechsel liebt der vollbärtige Mathematikstudent aus Boston. Weiße Flecken gibt es heute nicht mehr auf der Landkarte, wohl aber im Mobilfunknetz. Hier könne man richtig abschalten. Empfang hat der „Zephyr“ nur selten.

Die gewölbten Panoramafenster im "Lounge Car" bieten grandiose Aussichten.
Die gewölbten Panoramafenster im "Lounge Car" bieten grandiose Aussichten.
Foto: dpa

Weit ist hier der Horizont. Deckenhohe, gewölbte Panoramafenster im „Lounge Car“ erteilen eine Lektion in Fernsicht. Wolkenmassen türmen sich in allen vier Himmelsrichtungen auf. Stunde um Stunde braust der „Zephyr“ darauf zu und scheint doch nicht näher zu kommen. Das rückt auch Lebensperspektiven zurecht.

Regentropfen klatschen an die Scheiben. Der „Zephyr“ bremst, rollt auf ein Nebengleis und steht erstmal still im Nirgendwo. „Diese Güterzüge“, sagt Schaffner Clay Hardy und zuckt mit den Achseln. Eigentlich sei der Frachtverkehr gesetzlich verpflichtet, der Personenbeförderung Vorfahrt zu gewähren. Daran halten würden sich die Güterzüge meist nicht. Nach Amtrak-Angaben sind Langstreckenzüge nur zu 43 Prozent pünktlich. Im „Zephyr“ stört das niemanden.


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