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Mit dem Elefanten zu neuem Glanz
Lifestyle 5 Min. 10.05.2019

Mit dem Elefanten zu neuem Glanz

Im Zentrum der Stadt: die spätgotische Kathedrale von Nantes.

Mit dem Elefanten zu neuem Glanz

Im Zentrum der Stadt: die spätgotische Kathedrale von Nantes.
Foto: Marc Thill
Lifestyle 5 Min. 10.05.2019

Mit dem Elefanten zu neuem Glanz

Marc THILL
Marc THILL
Die Stadt Nantes erfindet sich stets neu – und das mit spektakulärer Kultur und einem altbewährten Savoir-vivre.

Behäbig setzt sich der überdimensionierte Elefant in Bewegung, schlägt ein paarmal mit den Ohren und verlässt die Werkhalle. Der Dickhäuter ist aus Metall und Holz – ein Geschöpf, das geradewegs einem Science-Fiction-Film entlaufen sein könnte. Keine Angst, das Tier ist friedfertig, prustet ab und zu Wasser auf die Touristen, worauf dann lautes Gekreische ausbricht.

Der Elefant ist die Besucherattraktion in Nantes, der sechstgrößten Stadt Frankreichs, die nahe der Atlantikküste an der Loiremündung liegt. Mit bis zu vier Kilometern in der Stunde bewegt sich die Tiermaschine über eine ehemalige Industriebrache, die sogenannte „Île de Nantes“. Dort mitten in der Loire befand sich einst eine Schiffswerft. Davon übrig geblieben sind ein Kran und ein paar leere Fabrik- und Lagerhallen. Der Niedergang kam in den 1980er-Jahren. Hafenanlagen, Schiffswerft und Fabriken machten dicht, die Zahl der Arbeitslosen explodierte und ebenso stark stieg der Alkoholkonsum.

Imaginäre Welten

Jahrzehnte später hat Nantes die Krise gemeistert und sich von einer industriegrauen Stadt in eine grüne, kreative und kulturelle Metropole verwandelt. Den riesigen Kran, von dem der Blick regelrecht angezogen wird, hat man leuchtend gelb angestrichen. Etwas plump und verlassen steht er in der Landschaft, wird Titan genannt, und reckt sich 63 Meter hoch in den blauen Himmel über Nantes. Vielleicht ist er wie ein warnender Zeigefinger, der daran erinnert, dass Reichtum nicht immer auf festen Fundamenten steht.

Der Elefant im Tiermaschinenpark.
Der Elefant im Tiermaschinenpark.
Foto: Marc Thill

In Nantes ist der Umbruch von Industrie zu Kunst und Kultur greifbar mit einer Fülle an kulturellen Festivals und viel Kunst im urbanen Milieu. Moderne Architektur wurde derweil auf der „Île de Nantes“ hochgezogen, und in die ehemaligen Hangars, in denen man einst Bananen aus den Kolonien lagerte, sind trendige Bars eingezogen. Einheimische aber auch Touristen chillen dort auf gemütlichen Terrassen – zu Füßen die Loire, in der Ferne die untergehende Sonne.

Ein Kollektiv aus Künstlern, Ingenieuren und Handwerkern hat mit „Les Machines de l'Île“ einen spektakulären Tiermaschinenpark auf der Insel aufgebaut – Kreaturen aus Holz und Metall, mechanische Geschöpfe, die an die imaginären Welten eines Jules Verne erinnern. Der Schriftsteller und Erfinder neuer Welten ist übrigens ein Kind der Stadt.


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Zu dem skurrilen Tiergehege zählen der 48 Tonnen schwere und zwölf Meter hohe Elefant, aber auch riesige Spinnen, Ameisen, Kolibris, ein Faultier und ein Karussell der Meerestiere und Seeungeheuer. Besucher können den Schöpfern dieses retrofuturistischen Universums bei der Arbeit zusehen und bekommen so Einblick in die Pläne und Modelle zu diesem gigantischen Spielzeug.

Elefant und Kolibris bringen natürlich einen Hauch Exotik zurück nach Nantes, Exotik einer weiten Welt, mit der die Stadt einst sehr eng verknüpft war. Schiffe fuhren nämlich von hier aus nach Afrika und in die Karibik. Man kann es Nantes und seinen Bewohnern gewiss nicht übel nehmen, man muss es aber erwähnen: Die Metropole schöpfte ihren Reichtum aus dem Sklavenhandel.

Sklavenhandel vertuscht

Die Handelsroute verlief im Dreieck. Reeder und Kaufleute rüsteten in Nantes ihre Schiffe aus und bestückten sie mit Dingen, die im westlichen Afrika begehrt waren – vor allem bedruckte Stoffe, Waffen und Alkohol. Hierauf segelten sie nach Afrika, wo sie die Waren gegen Sklaven eintauschten, die ihrerseits wieder weiter in die Neue Welt verfrachtet wurden. Zurück gelangten am Ende Zucker und Kakao, begehrte Schätze, mit denen sich Nantes dank seiner Keksfabriken ein weiteres Mal bereichern konnte.

Titan, ein erhalten gebliebener Kran der ehemaligen Schiffswerft.
Titan, ein erhalten gebliebener Kran der ehemaligen Schiffswerft.
Foto: Marc Thill

Lange Zeit hat Nantes diesen düsteren Ursprung seines Reichtums vergessen, verdrängt, vertuscht. Nur die Fassaden der prächtigen Häuser der Kaufleute und Reeder mit ihren negroiden Masken und Verzierungen deuten diskret an, woher das Vermögen dieser Bürger tatsächlich stammt.

Eine wichtige Rolle spielten dabei ganz gewiss auch die guten Verbindungen der Stadt an der Loire ins Hinterland der Bretagne, der Vendée und der Touraine. Sogar der königliche Hof in Paris war nie weit von Nantes entfernt, und so kamen die ersten Magnolienbäume, die nach Europa gelangten und für den König bestimmt waren, zunächst in Nantes an.

Die gute Vernetzung der Stadt lässt sich ebenfalls an den gut erhaltenen alten Häusern ablesen. Die Fundamente sind aus Granit, den sich die Bürger aus der Bretagne herholten, die Mauern aber aus apartem weißen Tuffstein, den sie aus der Touraine bezogen.

Architektonisch wollte die Stadt übrigens seit jeher hoch hinaus. Das erkennt der Tourist zum Beispiel an der Kathedrale, die im spätgotischen Stil erbaut ist und eines der höchsten Mittelschiffgewölbe Europas hat. Man wollte so nahe wie nur möglich an das göttliche Licht. Gradlinig und ohne Kapitelle verlaufen die Pfeiler vom Boden bis zur Decke.

Fisch mit viel Butter

In einem Seitenschiff befindet sich dort das Grabmal des Herzogs der Bretagne, François II., und seiner Gemahlin Marguerite de Foix, ein einzigartiges Kunstwerk aus strahlend weißem Marmor. Anne de Bretagne ließ das Kunstwerk für ihre Eltern erbauen, und so trägt eine der vier Allegorien, die das Grab umgeben, die Gesichtszüge der Herzogstochter. Nicht von ungefähr ist es die Klugheit.

Auf Herzogin Anne de Bretagne ist man in Nantes besonders stolz.
Auf Herzogin Anne de Bretagne ist man in Nantes besonders stolz.
Foto: Marc Thill

Das Schloss der bretonischen Herzöge ist übrigens ein weiterer Treffpunkt in Nantes. Die Wehrgänge sind frei zugänglich und geben den Blick frei auf die Stadt. Der beste Aussichtspunkt ist aber die „Tour de Bretagne“, dem mit 144 Metern drittgrößten Gebäude Frankreichs. Das Hochhaus ist der Tour Montparnasse sehr ähnlich, und wie man in Nantes sagt, der einzige Wolkenkratzer zwischen Paris und New York.

Ein letztes Wort zu den kulinarischen Köstlichkeiten. Auch hier spielt die geografische Lage der Stadt eine entscheidende Rolle. Fisch und Meeresfrüchte stehen natürlich auf der Menükarte, dabei stets aber auch die Butter, die im ländlichen Hinterland hergestellt wird. Aus Nantes stammen die bekannten „Petit Beurre“-Kekse aus der Fabrik Lefèvre-Utile, kurz LU sowie die „Rigolettes Nantaises“, Fruchtbonbons mit harter Schale und weicher Füllung.

Eine siebentägige Reise nach Nantes und in die Haute-Bretagne (Carnac, Belle-Île und Quibéron) findet man im Reiseprogramm von Voyages Demy Schandeler.


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