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Meerjungfrauen im Hexenwald
Lifestyle 6 Min. 10.07.2019

Meerjungfrauen im Hexenwald

Die Seekühe oder Karibik-Manatis, die Christoph Kolumbus einst für Meerjungfrauen hielt, sind hoch entwickelte Meeressäuger und haben sehr viel Menschliches und Liebenswertes.

Meerjungfrauen im Hexenwald

Die Seekühe oder Karibik-Manatis, die Christoph Kolumbus einst für Meerjungfrauen hielt, sind hoch entwickelte Meeressäuger und haben sehr viel Menschliches und Liebenswertes.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 6 Min. 10.07.2019

Meerjungfrauen im Hexenwald

Die Seekühe im Blue Spring State Park in der Wildnis Floridas sind wahre Touristenmagneten. Doch schwimmen darf man mit den seltenen Tieren nicht.

von Carsten Heinke 

Orlando, die „Ferienhauptstadt der USA“, ist bekannt für ihre Freizeitparks mit vielen Hightech-Attraktionen. In unmittelbarer Nähe sorgt jedoch – ganz ohne Actionspaß und Achterbahnen – die Wildnis Floridas für echte Naturabenteuer. Im Blue Spring State Park etwa kann man Seekühe in ihrem Lebensraum beobachten.

Von grauen Zotteln und Feenhaar

Die blaue Quelle liegt in einem Zauberwald bei Orange City, nur etwas mehr als eine halbe Autostunde von Downtown Orlando entfernt. Von knorrigen und immergrünen Kiefern, Eichen, Palmen und Zypressen baumeln Bündel langer Zotteln und verwandeln den Blue Spring State Park in eine schaurig-schöne Märchenlandschaft. Die geheimnisvolle Pflanze, die sich nur davon ernährt, was ihr Luft und Regen bieten, heißt Feenhaar, Tillandsia usneoides oder Spanisch-Moos.


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Doch weder mit Spanien noch mit Moos hat die Bromelienart etwas am Hut. Sie ist eine Ureinwohnerin von Florida und eine Ananasverwandte. Laut indianischer Legende schmückte sie vor langer Zeit das Haupt einer Prinzessin, die am Tage ihrer Hochzeit in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde. Nur der Schopf des Mädchens blieb am Leben und wächst seither von Ast zu Ast.

Das Spiegelbild des greisen Feenhaarbaums bewegt sich. Im klaren Wasser von Blue Spring erscheinen die Konturen jener Wesen, die Christoph Kolumbus einst für Meerjungfrauen hielt: Karibik-Manatis. Sie haben keine Haare – abgesehen von ihrem Schnauzbart und ein paar Borsten auf der Faltenhaut von Bauch und Rücken.

Überhaupt bringt die Schönheit dieser grauen, korpulenten „Nixen“ auf den ersten Blick wohl niemanden ins Schwärmen. In Größe, Form und Farbe ähneln sie von weitem Fliegerbomben oder schwergewichtigen Robben. Ihre nächsten Verwandten sind allerdings Elefanten.

Liebenswerte Meeressäuger

Mit drei Flossen bewegen sie sich paddelnd vorwärts. Doch je näher sie dem Aussichtsdeck kommen, umso deutlicher sieht man ihr rundliches Gesicht: die breite Nase, die den Mund verdeckt, die schwarzen Augen, die stets etwas traurig blicken. Tatsächlich haben diese hoch entwickelten Meeressäuger, die das Wasser nie verlassen, sehr viel Menschliches und Liebenswertes – auch wenn sie dem Amerika-Eroberer nicht hübsch genug erschienen. Sie trügen viel zu „männliche Züge“, schrieb Kolumbus 1493 in sein Logbuch. Von Seekühen oder Karibik-Manatis hatte der enttäuschte Seefahrer nie etwas gehört. Das gut drei Meter lange Exemplar, das inzwischen direkt vor der Plattform schwimmt, ist eindeutig weiblich, das Kalb sein Baby.

Der Blue Spring State Park ist ein ideales Winterquartier für Manatis.
Der Blue Spring State Park ist ein ideales Winterquartier für Manatis.
Foto: Carsten Heinke

„Für Manatis ist Blue Spring ein ideales Winterquartier, denn ganz gleich, wie kalt es in der Umgebung ist – die Temperatur der artesischen Quelle beträgt zu jeder Zeit konstante 22,5 Grad Celsius“, erklärt Cora Berchem. Die deutsche Multimediaspezialistin arbeitet seit vier Jahren für die Schutzorganisation Save the Manatee Club. Dabei unterstützt sie die Arbeit der Meeresbiologen vor allem mit diversen Aufzeichnungen – von Beobachtungs- und Messdaten bis zu Foto- und Filmaufnahmen sowie bei Zählungen.

„Manatis sehen zwar dick aus, doch sie verfügen nur über eine geringe Speckschicht. In Gewässern unter 20 Grad können sie nicht lange bleiben“, so die 35-Jährige. Zwischen Mitte November und Mitte März kommen die Tiere über den St. John’s River in das Gebiet der Quellen, die ihn speisen. Nur zum Seegras-Fressen kehren sie von Zeit zu Zeit in den kühleren Fluss zurück.

Die Manati-Mama am Aussichtsdeck wendet sich ihrem Nachwuchs zu. Cora zeigt auf eine große Narbe an der Flanke des erwachsenen Tieres: „Sie wurde durch eine Schiffsschraube verletzt. Zum Glück fanden wir sie rechtzeitig und konnten sie retten. Leider sind Verkehrsunfälle vor allem durch Sport- und Ausflugsboote an der Tagesordnung. Allein im traurigen Rekordjahr 2016 wurden dabei 520 Manatis getötet. Auch das macht das ruhig gelegene Quellbecken für Seekühe attraktiv. Denn hier sind sie in Sicherheit“, sagt sie.

Je niedriger die Temperaturen sind, um so mehr Manatis tummeln sich in Blue Spring. „Die besten Chancen, sie zu sehen, haben Parkbesucher zwischen 8 und 11 Uhr morgens. Nach kalten Wetterperioden können sich hier mehrere Hundert Tiere zugleich versammeln. Der Spitzenwert liegt bei 458 an einem Tag. Insgesamt 509 verschiedene Individuen besuchten uns im letzten Winter“, so die Wissenschaftlerin.

Das Quellbecken des St. John's River ist für alle „Seekühe“ attraktiv.
Das Quellbecken des St. John's River ist für alle „Seekühe“ attraktiv.
Foto: Carsten Heinke

Blue Spring ist kein Streichelzoo

Mittlerweile herrscht im Wasser wie am Ufer mehr Geschäftigkeit. Sowohl Manatis als auch Menschen sind dazugekommen. Betrachtet man die Szenerie, fragt man sich, wer hier eigentlich wen beobachtet. „Beim Schauen muss es bleiben“, mahnt Cora. Denn selbst wenn die Pflanzenfresser so nahe kommen, dass man sie berühren könnte: „Es sind wilde Tiere, und der Park ist ein geschützter Zufluchtsort, kein Streichelzoo.“ Darum sind Schwimmen, Schnorcheln sowie Paddeln im Winter nicht erlaubt.

Sowohl beim Schutz als auch bei der Forschung arbeiten Blue Spring State Park, Save the Manatee Club und Florida Fish & Wildlife Conservation Commission zusammen. Sie kümmern sich um kranke und verletzte Individuen. Zur medizinischen Versorgung stehen drei Meerestierkrankenhäuser zur Verfügung.

Karibik-Manatis gelten wie die drei anderen weltweit noch lebenden Seekuharten als gefährdet. Dass die Population Floridas von 1 267 im Jahre 1991 bis heute auf 6 620 gestiegen ist und damit zu den wenigen wachsenden zählt, ist auch ein Verdienst von Cora und ihren Kollegen. 


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