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Marokkos filmreife Kulisse
Lifestyle 3 Min. 31.01.2019

Marokkos filmreife Kulisse

Blick auf die Unesco-Weltkulturerbestätte Ait Ben Haddou.

Marokkos filmreife Kulisse

Blick auf die Unesco-Weltkulturerbestätte Ait Ben Haddou.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 3 Min. 31.01.2019

Marokkos filmreife Kulisse

Hinter dem Hohen Atlas erhebt sich ein altes Kunstwerk aus Lehm: die berühmteste Kasbah Marokkos, Ait Ben Haddou. Ein Ort, um in Ruhe zu träumen – es sei denn, Hollywood dreht mal wieder einen Film.

von Hanne Walter

Sand und Lehm in allen Rottönen lagern im Süden Marokkos reichlich. Und so sind auch die eindrucksvollen Verschachtelungen von Lehmhäusern und elegant aufragenden Türmen zu Kasbahs von einem intensiven Farbenspiel, das sich mit jedem Licht wandelt.

In ihrem Innern wird in kleinen Werkstätten gehämmert und gewebt, auf schmalen, schief getretenen Treppen und Pfaden transportieren Esel Waren des täglichen Bedarfs – und auf den Plätzen werben Händler und Künstler mit Andenken und Malereien um Touristen.

Empfindliches Weltkulturerbe

Die Kasbah Ait Ben Haddou zieht sich etwa hundert Kilometer südöstlich von Marrakesch in bizarren Formen einen Berg hinauf. Die Lehmburg gehört zu den ältesten und schönsten Marokkos und folgerichtig zum Unesco-Weltkulturerbe. Zwar müssen die Lehmhäuser mindestens einmal jährlich repariert werden, aber da sowohl der Baustoff als auch eine Wasserrinne vor fast jedem Haus zu finden sind, ist das kein Problem. Die mühsam urbanisierten landwirtschaftlichen Flächen wurden durch ein gewaltiges Hochwasser und tischtennisgroße Regentropfen vor einigen Jahren um ein gutes Drittel fortgeschwemmt.

Die rötlichen Lehmbauten geben für Touristen und Regisseure ein beeindruckendes Bild ab.
Die rötlichen Lehmbauten geben für Touristen und Regisseure ein beeindruckendes Bild ab.
Foto: Hanne Walter

Die restlichen Felder reichen mit Müh und Not, um die vielen kinderreichen Familien des Dorfes und ihr bisschen Vieh zu versorgen. Was noch wächst und gedeiht, vom Huhn über Mohrrüben bis zu Oliven, schmort unter dem Deckel der Tajine über Stunden einem dennoch köstlichen Abendessen entgegen. Zu diesem Höhepunkt des Tages versammeln sich alle auf bunten Decken und Kissen, umgeben von der atemberaubenden Stille, die die umgebende Wüste und das Gebirge ausstrahlen.

Harter Alltag in der Idylle

Wer sich einmal in dieser vom einfachen Leben geprägten Idylle niedergelassen hat, für den führt kein Weg zurück. Andreas ist das beste Beispiel dafür. Jahre und Jahrzehnte hat der Halbösterreicher mit westfälischen Wurzeln abenteuerlustige Touristen mit dem Bus durch Nordafrika kutschiert, bis er sich in Khadija verliebte und mit seiner Angebeteten in ihrer Heimat Ait Ben Haddou ein Haus baute, die Auberge „Tiguami Khadija“.

Ein paar Fremdenzimmer, landestypisches Essen und Familienanschluss sichern seiner inzwischen vierköpfigen Familie den Lebensunterhalt. Nimmermüde führt er Besucher umher, erzählt in österreichischem Singsang begeistert von der tausendjährigen Geschichte der Kasbah, dem harten Leben der Bewohner. Und natürlich von aufregenden Filmarbeiten. Denn die Schönheit der Naturkulissen veranlasst seit Jahrzehnten viele Filmemacher, dort zu drehen. Monumental- und Sandalenfilme, weltbekannte Blockbuster wie „Indiana Jones“, „Cleopatra“, „Gladiator“, „Game of Thrones“, „Lawrence of Arabia“ oder „Babel“ haben dieses bildschöne Weltkulturerbe bekannt gemacht.

Filme aus „Mollywood“

Während der Dreharbeiten, wenn Gladiatoren oder andere Haudegen für Wochen ihre Lager aufschlagen, Kämpfe ausfechten und das Filmvolk an Bildern aus alten Zeiten arbeitet lässt, erhalten die Hausbesitzer der Lehmburg „Belichtungszeit“. Ein hochwillkommenes Zubrot, denn außer mit Gipsabbau in den Bergen, der kargen Landwirtschaft und kleinen Geschäften mit den Touristen ist in der Gegend kaum etwas zu verdienen.

Große Schlachten, lange Ritte ins Ungewisse und ähnliche Szenen lassen sich allerdings in Ait Ben Haddou wegen der engen Bebauung nur schwer drehen. Also ziehen die Crews 30 Kilometer weiter in die angrenzende Wüste am Rande der Filmstadt Quarzazate. Dort schufen Wind und Sand in jahrelangem Zusammenspiel die bizarrsten Formen, die von Weitem durchaus als Burgen oder Festungen durchgehen könnten.

Was nicht existiert, wird aufgebaut: Die Wüste am Rande der Filmstadt Quarzazate dient als Drehort für zahlreiche Filme.
Was nicht existiert, wird aufgebaut: Die Wüste am Rande der Filmstadt Quarzazate dient als Drehort für zahlreiche Filme.
Foto: Hanne Walter

Was die Natur nicht vermochte, setzen fleißige Kulissenbauer im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand: komplette Dörfer, Forts, Marktplätze und Herrscherpaläste. Dazwischen Ziehbrunnen, Stallungen und rundherum eine Stadtmauer. Tausend marokkanische Militärs kämpften dort als Statisten für Richard Löwenherz. Ganze Religionen haben ihre gegenseitige Berechtigung anerkannt und beschlossen, fortan in Frieden miteinander zu leben. Leider nur im Film.

Die Marokkaner sehen darin ihre große Chance und stellen den internationalen Teams nicht nur Kleindarsteller und Hilfskräfte am Set zur Verfügung, sondern bilden in den wesentlichen Berufen aus. In Quarzazate selbst, aber auch in den Filmschulen von Marrakesch und Rabat. Ihre Techniker und Crews mit Ausstattern, Filmbauern oder Produzenten erfreuen sich inzwischen eines international guten Rufs. Auch an geeigneten Drehorten wird es im oft anerkennend wie zärtlich „Mollywood“ genannten Land wohl niemals mangeln.


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