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Magdeburg: Mehr als nur Hundertwasser
Lifestyle 5 Min. 03.10.2019

Magdeburg: Mehr als nur Hundertwasser

Kleinod im Grünen: Das Domviertel gehört zu den Hauptattraktionen der Elbestadt.

Magdeburg: Mehr als nur Hundertwasser

Kleinod im Grünen: Das Domviertel gehört zu den Hauptattraktionen der Elbestadt.
Foto: Eric Hamus
Lifestyle 5 Min. 03.10.2019

Magdeburg: Mehr als nur Hundertwasser

Eric HAMUS
Eric HAMUS
30 Jahre nach dem Mauerfall: Die Elbestadt Magdeburg in Sachsen-Anhalt ist der neue Geheimtipp für Reisen in den Osten Deutschlands.

„Vor 35 Jahren durften wir hier nicht anhalten“, erinnert sich Hans-Jörg Wiegand. Der ehemalige Lehrer wohnt seit mehr als 60 Jahren in Magdeburg. Gemächlich schlendert er am Jerichoer Platz entlang in die Herrenkrugstraße, wo sich vor der Wende noch die Baracken der dritten Sowjetarmee befanden. „Das alles war eine Art Sperrgebiet, wo die Magdeburger nicht hin durften“, fährt er fort. Sein Ziel ist der Elbauenpark, die grüne Oase der Elbestadt, die vor der Wende von den Sowjets als Truppenübungsplatz genutzt wurde. Heute erinnert nur noch der Kugelfänger an die vergangenen Kriegsspiele, eine Mauer aus Beton, die am östlichen Ende der Großen Angerwiese aufgerichtet wurde, um die Kugeln aus den Kalaschnikows der Rotbannersoldaten abzufangen.

Die 230 000-Einwohner-Stadt an der Elbe war die am westlichsten gelegene Großsiedlung des Ostblocks. Wegen ihrer strategischen Bedeutung bezog direkt nach dem Zweiten Weltkrieg die dritte Stoßarmee der sowjetischen Streitkräfte im Herrenkrug ihr Hauptkommando – mit Kasernen für Zehntausende Soldaten, eingezäunten Vierteln für sowjetische Offiziere, eigenen Läden und Schulen.


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Drei Jahrzehnte später erinnert nur noch wenig an die Rote Armee, die 1991 aus der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt abziehen musste. Auch für Hans-Jörg Wiegand liegen diese Zeiten weit zurück. Als Touristenführer sei er es gewohnt, über sein Leben vor der Wende zu sprechen. „Das waren ganz andere Zeiten“, lässt er durchblicken. Als Lehrer habe er kein allzu schlechtes Leben geführt. Dennoch habe ihn die totale Überwachung, die Verbote und die ständige Gefahr einer Denunziation durch engste Freunde belastet.

„Unser Mann, unsere Stimme“

Auch Simone Rahut kann sich noch gut an jene Zeiten erinnern, als im Herrenkrug nur sowjetische Soldaten geduldet waren. Als Kulturreferentin der Stadt Magdeburg war sie vor der Wende für die Veranstaltung von Konzerten verantwortlich. Das Ende der Mauer sei ihr aber erst so richtig bewusst geworden, als sie am 13. Januar 1990 die deutsche Rocklegende Udo Lindenberg in der Magdeburger Stadthalle empfangen durfte. „Das war ja unser Mann, unsere Stimme“, erinnert sich Rahut, die als eine von 3 000 Besuchern das Konzert live mitverfolgen durfte. Keine zwei Monate nach dem Mauerfall war Udo Lindenberg einer der ersten westdeutschen Künstler, die durch den Osten tourten. Überall, wo er hinkam, glichen sich die Bilder, ob in Suhle, Leipzig,oder später in Magdeburg: Jubel, Freude, Tränen in den Augen. Heute nennt der Panikrocker die Tournee „ein rauschendes Fest, wahrscheinlich die schönste Party meines Lebens“.

Mehrfach habe sie in TV-Produktionen und Reportagen über diesen Auftritt gesprochen, sagt Simone Rahut. „Eigentlich aber möchten wir diese Zeit nun hinter uns lassen.“ Wie Hans-Jörg Wiegand will sie vielmehr darüber reden, was die Magdeburger in den letzten 30 Jahren aus den Hinterlassenschaften der Sowjets gemacht haben: „Der Elbauenpark ist ein hervorragendes Beispiel für die Umwandlung militärischer Infrastrukturen“, betont Rahut, die heute für die Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg tätig ist, die Trägerin des Elbauenparks.

Dort, wo zehn Jahre zuvor noch Panzer gedröhnt und Soldaten exerziert hatten, lud Magdeburg 1999 erstmals zur Bundesgartenschau ein. Die Offiziersvillen wurden saniert, in der Nachbarschaft zog mit der Hochschule Magdeburg-Stendal die Wissenschaft ein. Heute dominiert der Elbauenpark den Herrenkrug, eine Art Freizeit- und Vergnügungspark für Magdeburger und Besucher. Auf rund 100 Hektar Grünfläche finden sie einen Kletterpark, Spielplätze, eine Rodelbahn, ein Dammwildgehege, einen Streichelzoo, ein Schmetterlingshaus, ein Sportareal, weite Wiesen und mehrere Gärten zum Verweilen und Flanieren.

„Der weiseste Turm der Welt“

Im Zentrum des Parks steht der Millennium-Turm, den Simone Rahut stolz den „weisesten Turm“ der Welt nennt. In dem 60 Meter hohen Zwiebelkonstrukt werden rund 6 000 Jahre Geschichte anschaulich zum Leben erweckt. Seien es nun Höhlenmalereien, ein Foucaultsches Pendel oder ein Pfad der Erleuchtung durch das dunkle Innere einer Pyramide: Mehr als 250 Ausstellungsgegenstände warten darauf, entdeckt zu werden. Als krönender Abschluss wartet an der Spitze des Turms eine atemberaubende Aussicht auf den Park und die angrenzende Innenstadt.

Dort warten noch weitere Höhepunkte auf die Besucher. Dass Magdeburg regelmäßig als eine der grünsten Städte Deutschlands bezeichnet wird, kommt nicht von ungefähr. In der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts nehmen Grünflächen zehn Prozent der Stadt ein. Seit 2005 bereichert die Grüne Zitadelle das ökologische Stadtbild. Das letzte von Friedensreich Hundertwasser geplante Kunstwerk mit seinen bunten Türmen und in der Sonne goldglänzenden Kugeln ist nicht nur Kunstwerk, sondern auch Wohn- und Arbeitsort vieler Magdeburger.

Das Hundertwasserhaus – die Grüne Zitadelle – steht auch für Hausführungen offen.
Das Hundertwasserhaus – die Grüne Zitadelle – steht auch für Hausführungen offen.
Foto: Eric Hamus

Im Erdgeschoss empfängt Matias Tosi seine Besucher. Als „künstlerischer Leiter“ des Hundertwasserhauses sieht er sich der Philosophie des österreichischen Künstlers verschrieben. Seine Aufgabe ist es, die Leute zusammenzuführen. Die Grüne Zitadelle ist tatsächlich das einzige Hundertwasserhaus, das Außenstehenden für Führungen offen steht. Dabei erleben die Besucher nicht nur die einzigartige Architektur des Hauses mit seinen ungeraden Linien, farbenfrohen Mosaiksteinchen und originellen Fenstern, sondern auch die Philosophie des Wohngebäudes mit seinen hundert Mietern.

Tosi gerät nicht nur ins Schwärmen, wenn er von der Zitadelle spricht. Auch Magdeburg hat es ihm angetan, vor allem im Hinblick auf die Kandidatur als Europäische Kulturhauptstadt 2025: „Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Für mich ist Magdeburg ein Geheimtipp. Die Stadt boomt, andauernd begegnet man neuen Entwicklungen“, so der argentinische Opernsänger. „Und: Von der bundesweiten Explosion der Miet- und Wohnpreise sind wir bislang verschont geblieben. Deshalb: Pscht!“, legt Tosi den Finger an die Lippen und lächelt schelmisch. 


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