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"Luxemburg könnte ein zweites Silicon Valley werden"
Jimmy Wales bei der Messe "ICT Spring Europe".

"Luxemburg könnte ein zweites Silicon Valley werden"

Foto: Tania Feller
Jimmy Wales bei der Messe "ICT Spring Europe".
Lifestyle 3 Min. 24.06.2013

"Luxemburg könnte ein zweites Silicon Valley werden"

" Luxemburg hat gute Chancen, ein wichtiger IT-Standort zu werden. Es sollte nur jungen Unternehmern freie Hand lassen." Das meint Jimmy Wales, der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia. wort.lu hat ihn auf der "ICT Spring Europe" in Luxemburg getroffen.

Er ist der Vater der Online-Enzyklopädie Wikipedia und Erfinder einer neuen, demokratischen Art, Internet zu machen: Jimmy Wales. Am Donnerstag war der 46-jährige Internet-Pionier zu Gast auf der IT-Messe "ICT Spring Europe" in Luxemburg. wort.lu sprach mit ihm über die Zukunft von Wikipedia und ein luxemburgisches Silicon Valley.

Haben Sie sich auf Wikipedia über Luxemburg schlau gemacht, bevor Sie hierher kamen?

Wales: Ich habe gestern ein wenig über den Großherzog gelesen.

Wie funktioniert das Finanzierungsmodell von Wikipedia?

Wales: Wir sind gemeinnützig und leben hauptsächlich von Spenden aus der Bevölkerung, meist kleine Spenden. Auf unserer Internet-Seite schalten wir ab und zu Spendenaufrufe. Wir sind sehr sparsam und in letzter Zeit waren unsere Spender großzügig.

Welche neuen Inhalte sollen zukünftig auf Wikipedia erscheinen?

Wales: Wir entwickeln gerade ein neues visuelles Umfeld, das es mehr Leuten ermöglicht, Beiträge auf Wikipedia zu hinterlassen. Wir wollen den Stamm unserer freiwilligen Autoren über den eingefleischten Kreis von "Geeks" hinaus erweitern. Wir wissen, dass Wikipedia in manchen Bereichen sehr gut ist, in anderen jedoch ziemlich dünn. Wenn mehr Menschen mit den verschiedensten Erfahrungen und Hintergründen bei uns schreiben, könnte sich das ändern.

Was könnten die etablierten Medien von dem Wikimedia-Modell lernen?

Wales: Niemand hat es bisher getan, doch es gibt riesige Möglichkeiten für Zeitungen und Nachrichtensender, die Öffentlichkeit für die Berichterstattung einzubinden. Man muss sich von traditionellen Vorstellungen lösen und ich weiß, dass in den Chefetagen der Zeitungen noch sehr altmodisch gedacht wird, was Bürgerbeteiligung angeht. Ich meine, dass wir noch immer experimentieren. Trotzdem: Partizipation der Bevölkerung ist die Richtung, in die wir uns in Zukunft bewegen.

Mit der Beteiligung gibt es aber ein Problem: Schauen Sie sich die Beiträge auf Wikipedia an, die vielleicht nicht perfekt sind, aber meist ziemlich gut, und dann lesen Sie die Kommentare der Leser auf Nachrichtenseiten. Da denken Sie unwillkürlich: Wo kommen all diese Verrückten her? Man kann sich bei dieser Lektüre schon Sorgen machen um den Zustand der menschlichen Spezies.

Ich konzentriere mich bei diesen Überlegungen auf die Software. Sie kann gute Beiträge fördern oder aber hemmen. Das Schlimmste, was man tun kann, ist es, die Leute anonym posten zu lassen, was ihnen so einfällt. Da kommen zwangsläufig teilweise Unsinn und Beleidigungen heraus. Dann kann man nichts anderes tun, als sie anzuschreien. Bei Zeitungsseiten, in denen niemand die Leserkommentare kritisch überprüft, werden andere Leser sich denken: So kann ich das nicht stehen lassen. Schnell hat man nur noch Geschrei auf der Seite. Bei Wikipedia würden unangemessene Kommentare schnell von jemand anderem gelöscht.

Woran sollte Luxemburg arbeiten, wenn es ein gewichtiger IT-Standort werden will?

Wales: Ich denke, der Unternehmergeist, die Innovationskraft wird von vielen Dingen beeinflusst. Das wichtigste, was europäische Staaten machen sollten, ist es, den IT-Unternehmern aus dem Weg zu gehen. Manchmal helfen sie einfach zu viel. Politiker sind normalerweise nicht die Leute, die wissen, wo man investieren sollte.

Also: Die europäischen Staaten sollten ein geeignetes Umfeld für junge Unternehmer schaffen, die zwar brillante Ideen haben, die aber nicht unbedingt die verwobenen Gesetze des Unternehmensrechts kennen lernen wollen. Europa könnte mehr tun für Unternehmen, besonders für kleine Unternehmen.

Könnte hier in Luxemburg ein Silicon Valley entstehen?

Wales: Luxemburg hat einen hervorragenden Ruf. Es ist ein reiches Land, ein guter Platz zum Leben. Es liegt zentral in Europa und hat viele Elemente, die für den IT-Sektor wichtig sind.

Interview: Jess Bauldry