Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Lettland: Auf dem Fluss zum Götterhain
Lifestyle 4 Min. 16.06.2020

Lettland: Auf dem Fluss zum Götterhain

Die massive Steinbrücke über die Venta stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Lettland: Auf dem Fluss zum Götterhain

Die massive Steinbrücke über die Venta stammt aus dem 19. Jahrhundert.
Foto: Carsten Heinke
Lifestyle 4 Min. 16.06.2020

Lettland: Auf dem Fluss zum Götterhain

Der baltische Staat lässt sich perfekt an manchen Stellen perfekt mit dem Kanu auf dem Wasser erkunden - auch Fans von Sagen und Mythen kommen dabei auf ihre Kosten.

Von Carsten Heinke

Leises Glucksen. Wilde Bienen summen. Die Luft schmeckt nach Wacholder, Birken, Gras und Tannennadeln. Jetzt einfach die Augen schließen und sich fallen lassen ... In der Nähe ruft ein Kranich. Laut und unverkennbar klingt sein Trompeten durch die menschenleere Weite Kurlands. Dann versinkt das Urstromtal der Abava erneut im Schweigen. 

Die Stille ist betörend und so klar, dass man sie atmen möchte – in tiefen Zügen, genauso wie den Duft des Waldes und des kleinen Flusses im Nordwesten Lettlands. Ein Wohlgefühl von Ruhe, Reinheit und Geborgenheit durchströmt den ganzen Körper. Das sanfte Plätschern inspiriert zu einer Bade-Fantasie. Doch statt in einer Wanne wacht der verträumte Paddler in seinem Kanu auf. Nachdem es eine Weile vor sich hin trieb, hängt das Bötchen nun an einer umgestürzten Eiche fest. 

Mit dem Kanu lässt sich Lettland bestens erkunden.
Mit dem Kanu lässt sich Lettland bestens erkunden.
Foto: Carsten Heinke

Das Paddel nimmt der uneilige Wasserwanderer nun lieber wieder in die Hände. Nach wenigen Bewegungen ist er auf Kurs – und weiter geht es auf dem Flüsschen durch den Wald. So lautlos sich die Abava auch größtenteils bewegt, so deutlich zeigt sie doch bisweilen ihre Kraft und lässt das Kanu hier und da durch kleine Schnellen hüpfen. Unweit von dem Örtchen Sabile, auf dessen Sonnenhügel seit Ewigkeiten Wein gedeiht, erzwingt sie einen Stopp. 

Im Kanu durch den Wald 

Vor dem Paddler rauscht die Rumba, die mächtigste Stromschnelle der Abava. 35 Meter breit und einen Meter hoch ist das Dolomitplateau, über dessen scharfen Rand sie sich ergießt. Ganz in der Nähe setzt im Frühjahr und Herbst die Venta in Kuldiga Naturschauspiel in Szene, wenn sich der Fluss über die – je nach Pegelhöhe – bis zu 240 Meter breite und zwei Meter hohe Stromschnelle Ventas Rumba ergießt. 

Ruhig und gleichzeitig Wild: Die Stromschnelle Ventas Rumba.
Ruhig und gleichzeitig Wild: Die Stromschnelle Ventas Rumba.
Foto: Carsten Heinke

Mit Blick auf eine wunderbare alte Backsteinbrücke aus dem 19. Jahrhundert kann man hier an warmen Tagen herrlich baden und sich von den herabstürzenden Massen des mineralhaltigen Nasses im Sitzen oder Liegen sehr bequem massieren lassen. Auf dem Burgberg gleich daneben stand einst die stolze Burg der deutschen Ordensritter, später umgebaut zum Schloss. Von hier aus regierten die kurländischen Herzöge ihr Reich, zu dem zeitweilig sogar Kolonien in Afrika und der Karibik zählten. Heute ist das Burg- und Schlossgelände ein kleiner Park. Unter hohen Bäumen, zwischen letzten mittelalterlichen Mauerresten, stehen steinerne und bronzene Skulpturen neben kleineren historischen Gebäuden mit Stadtmuseum, Restaurant und Kunsthaus. 

Im Volksglauben der Litauer und Letten ist nicht einmal der Teufel wirklich böse.

 

Weiter geht die Bootstour auf der Abava und führt geradewegs wie auch per Kurven oder Schleifen durch den Wald, der den Fluss schon seit Jahrtausenden umsäumt. Neben turmhohen Tannenwänden und lichten Kiefernhainen sind Laub- und Nadelbäume vieler Arten zu erkennen. Einen Blick auf tierische Bewohner zu erhaschen, braucht Geduld und etwas Glück. Die größten Chancen auf Erfolg erlaubt die Dämmerung. Ab und zu erspäht man einen Fuchs, ein Reh. Auch Biber sowie Dachse lassen sich gelegentlich in Menschennähe sehen. Hirsche oder Elche machen sich dagegen rar. 

Zauberwald und Hexenhöhlen 

Das kurländische Urstromtal ist ein beliebter Brutplatz für den Schwarzstorch. Die alten Letten glaubten, dass schwarze Tiere Inkarnationen ihrer höchsten Göttin Mara seien. Eine ihrer wichtigsten Kultstätten befindet sich im Wald der Abava: die geheimnisvollen Höhlen Maras Kambari. Während dichtes Grün fast überall bis in den Fluss wächst, ist das Ufer hier so nackt und sandig wie ein Strand. 

Sie zeigen sich zwar selten, manchma hat man aber Glück: Elche
Sie zeigen sich zwar selten, manchma hat man aber Glück: Elche
Foto: Carsten Heinke

Der Wasserwanderer legt an und zieht sein Boot darauf. Nach knapp 100 Metern steht er vor den heiligen Sandsteinkammern, die im Laufe ihres Daseins immer kleiner wurden – teils durch die Kräfte der Natur, teils durch Menschenhand. Ihre Wände sind bedeckt mit vielen Schichten eingeritzter Initiale, Namen, Daten und geheimnisvoller Zeichen. Obwohl sie offensichtlich immer nur dem einen Zwecke dienten, sich oder seine Angebeteten zu verewigen, unterscheiden die Gravuren sich doch erheblich voneinander. 

Die schönsten und kunstvollsten, oft kaum noch erkennbar, sind schon mehrere hundert Jahre alt. Viele wurden erst in jüngster Zeit von hässlichen Kritzeleien überdeckt. Seit Kurzem nun kann man die Kammern von einer Plattform aus bestaunen. Zugleich soll dieses Holzkonstrukt vorm Zutritt und weiterer Beschädigung schützen. 

Trinken, bis die Tiere sprechen 

Zahlreiche Mythen ranken sich um diesen Ort, an dem sich Hexen, Feen und Geister tummeln sollen. Angst davor muss niemand haben, denn im Volksglauben der Litauer und Letten ist nicht einmal der Teufel wirklich böse.


Luxairport,Findel,Abflughalle,Départs,Flughafen.Foto:Gerry Huberty
Vakanz 2020: Die Koffer rollen wieder
In der 8. Folge des "EU-Talk" diskutierten Luxemburger Politiker und Unternehmer über die Zukunft des nationalen und EU-weiten Tourismus.

Trotz dunkler Töne wirkt auch der Wald der Abava hell und freundlich, besonders an Sommertagen. Fast bis kurz vor Mitternacht dauern die längsten. Zur Sonnenwende sucht man hier wie überall in Lettland Kräuter, deren Kraft dann besonders stark sein soll, so wie den Zauberfarn. Es heißt, er blühe nur in der Johannisnacht, wenn Himmelsvater Dievs und Erdmutter Mara Hochzeit feiern, Tiere sprechen können und alle Menschen viel trinken und verrückte Dinge tun und sehen …

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Freizeitparks: Adrenalin nur mit Mundschutz
Europapark, Phantasialand ... Sie alle haben den Saisonstart sehnsüchtig erwartet. Nun ist es so weit - aber es gelten gewisse Einschränkungen. Doch das muss dem Vergnügen keinen Abbruch tun.
Tourismus in Tirol: Blick in die Zukunft
Und was kommt nach Corona? Olivier Theis aus Esch/Alzette und seine Mitstudenten von der Universität Innsbruck suchen eine Antwort. Sie setzen sich für sicheres Reisen in Tirol ein.