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Langlauf-Mekka in Bayern
Rasant unterwegs: Tobi (hinten) und Romy Angerer toben sich auf der neuen Nordic-Plus-Loipe aus.

Langlauf-Mekka in Bayern

Foto: SRT
Rasant unterwegs: Tobi (hinten) und Romy Angerer toben sich auf der neuen Nordic-Plus-Loipe aus.
Lifestyle 5 Min. 07.11.2018

Langlauf-Mekka in Bayern

Mit dem Nordic-Plus-Konzept schafft Reit im Winkl eine variable Traumrunde mit urigen Einkehrmöglichkeiten – Tobi Angerer, ehemaliger Weltcup-Gesamtsieger im Skilanglauf, hat die Strecke bereits auf Herz und Nieren geprüft.

von Norbert Eisele-Hein (srt)

„Schon damals, als aktiver Wettkämpfer, habe ich gerne auf den Loipen rings um Reit im Winkl trainiert. Die Landschaft der Chiemgauer Alpen hat mich stets motiviert. Und in den vielen urgemütlichen Hütten konnte ich wieder Energie tanken. Doch als Langlauf-Profi musste ich den Fokus meist auf die Spur, die Pulsuhr und den Laktatwert richten“, erzählt Tobi Angerer. Und der mehrfache Weltcup-Gesamtsieger und Olympia-Medaillengewinner aus Deutschland ergänzt: „Heute kann ich den Blick in die Landschaft schweifen lassen. Kann das verschneite Sonntagshorn, das Funkeln der Schneekristalle im Gegenlicht, die Tannen mit ihrer zentnerschweren Schneelast, all die wundervolle Natur ganz intensiv in mich aufsaugen. Auch diese massive Felswand hier mit ihren kapitalen Eiszapfen, direkt am Aufstieg von Seegatterl nehme ich heute zum ersten Mal bewusst wahr. Wow, ich bin gerade dabei, mich erneut Hals über Kopf in meine Heimat zu verlieben!“, schwärmt Tobi mit einem Augenzwinkern und drückt seiner Frau Romy noch einen dicken Kuss auf die Wange. Auch Romy Angerer ist eine erstklassige Langläuferin und ebenso begeistert vom neuen Nordic-Plus-Konzept Reit im Winkls.

Schneegarantie in Bayrisch Sibirien

Aber alles der Reihe nach. Reit im Winkl gilt als amtlich verbrieftes Schneeloch. Wie heißt es so schön im meteorologischen Fachjargon? „Das Phänomen der Kaltluftseen“ sorgt für vermehrten Schneefall. Und in der Tat: Der Maserer Pass bildet im Winter häufig die Grenze. Während diesseits noch Grün die Landschaft dominiert, herrscht jenseits im Mikroklima von „Bayrisch Sibirien“ bereits Powder-Alarm. Seit Rosi Mittermaier 1976 bei der Olympiade in Innsbruck jede Menge Edelmetall abgeräumt hatte, sind die Winklmoos-Alm und Reit im Winkl ohnehin ein stehender Begriff im Wintersport.

Inzwischen konzentriert man sich auf Langlauf und hat sich für die kommende Saison mächtig ins Zeug gelegt. Stichwort Nachwuchsarbeit: Im Nordic- und Biathlon-Park mit dem großen Langlaufstadion am Ortsrand wird zum Saisonbeginn die vermutlich erste Kinderloipe der Welt eingeweiht. Standard-Loipen zwängen kleinen Kindern aufgrund der zu weiten Schrittbreite eine unnatürliche Haltung auf. Um den Zwergen aber von Anbeginn ungetrübten Spaß am Langlaufen zu vermitteln, haben sich die Reit im Winkler Loipen-Verantwortlichen etwas einfallen lassen. In Kooperation mit der Firma Kässbohrer, dem Hersteller von Pistenbullys, haben sie eine spezielle, schmalere Spurplatte für Kids entwickelt.

Der Nordic-Park wird neben der bereits bestehenden Biathlon-Schießanlage noch um einen acht Meter langen Schneetunnel, eine Half-Pipe, Kicker und Bodenwellen, und Kinderfiguren aus Schaumstoff erweitert. So lernen die Kinder spielerisch die Technik des Langlaufens, und es funktioniert später auch mit rasanten Abfahrten in der Loipe. Mehrmals wöchentlich wird die komplette Anlage noch mit Flutlicht illuminiert, um ambitionierten Nordic-Fans beste Trainingsmöglichkeiten zu bieten. Ein weiterer Baustein ist das Nordic-Plus-Konzept. Anstatt mehrfach fixe Runden zu drehen, haben die Reit im Winkler die Landkarte studiert und sind auch länderübergreifend aktiv geworden. Bestehende Loipen der Chiemgauer Alpen wurden mit den Salzburger Nachbarloipen im Heutal verknüpft. Unter der optionalen Zuhilfenahme von Shuttlebussen, der Gondelbahn von Seegatterl und dem Schlepplift hinauf zur Wildalm ergibt sich ein Netzwerk von Möglichkeiten.

Hüttenjause auf der Wildalm im Heutal (Salzburger Land): Das Ehepaar Angerer lässt sich das Weißbier schmecken.
Hüttenjause auf der Wildalm im Heutal (Salzburger Land): Das Ehepaar Angerer lässt sich das Weißbier schmecken.
Foto: SRT

Die Sport-Genuss-Runde endet nach 28 Kilometern und 200 Höhenmetern Aufstieg. Zwei weitere Sportvarianten für Bronze und Silber fordern Kondition für 39 Kilometer und 450 Höhenmeter oder 45 Kilometer und 890 Höhenmeter. Wer nach Gold strebt und die komplette Runde bei „fair means“, also mit eigener Muskelkraft absolviert, der kommt nach beachtlichen 50 Kilometern und 1 250 Metern Höhenunterschied mit garantiert stolzgeschwellter Brust zurück ins Stadion.

Zwischenstopp in der Wildalm-Stube

Das Ehepaar Angerer lässt es bei seiner Testtour gemütlich angehen und entscheidet sich für die Bronzevariante. Nach einer Aufwärmphase vom Stadion in Reit im Winkl durch den tief verschneiten Zauberwald bis Seegatterl schweben sie mit der Gondel gemütlich hoch zur Winklmoosalm. „Eigentlich könnten wir jetzt gleich bei der Lorenz Jeannette auf der Traunsteiner Hütte einkehren. Der Kaiserschmarrn der Hüttenwirtin ist derart fluffig, der zergeht auf der Zunge“, gerät Tobi ins Schwärmen. „Aber jetzt bringen wir erst einmal ein paar Kilometer unter die Brettl“, lacht er und schiebt kräftig mit einem Doppelstockschub an.

Die Loipe eröffnet ein wahres Winterwunderland. Weit reicht der Blick über die weiß gekleideten Hügel zurück zum Wilden Kaiser, der wie ein Monolith die Ebene dominiert, rüber zu den Loferer Steinbergen und bis hinein zu den markanten Felsabstürzen von Watzmann und Hochkalter, den Platzhirschen der Berchtesgadener Alpen. Die perfekt präparierte Loipe verbindet den Chiemgau über den Weiler Moarlack mit dem Salzburger Heutal. Die satte Rampe hoch zur Wildalm lässt sich mit dem rustikalen Schlepplift entschärfen. Dort eröffnet sich in der Wildalm-Stube bei einem alkoholfreien Weißbier und deftigen Speck- oder Kaspressknödeln ein gewaltiges Panorama auf der Südterrasse. Achtung: Der hausgemachte Apfelstrudel und der dampfende Kaffee verleiten zum Schlendrian!

Zu Füßen des Dürrnbachhorns geht es über eine schön geschwungene Loipe zurück auf die Winklmoosalm, wo zur Belohnung die Abfahrt nach Seegatterl winkt. Goldaspiranten müssen nochmal Wadenpower für acht Kilometer zurück ins Stadion von Reit im Winkl mobilisieren, alternativ steht ein kostenloser Shuttlebus für die Rückkehr zur Verfügung. Tobi und Romy sind im Flow und flitzen geschwind auf Ski zurück in den Nordic-Park.

„Wow, diese Tour birgt einen phänomenalen Suchtcharakter, offenbart durch die ständige wechselnde Landschaft ein wahrhaftiges Transalp-Erlebnis“, schwärmt Tobi. „Und durch die vielen Varianten und urigen Hütten ist es für alle trainierten Langläufer eine grandiose Tour – ein echtes Nordic-Plus-Programm“, fügt Romy hinzu.


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