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Krakaus jüdische Seite
Lifestyle 6 Min. 05.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Krakaus jüdische Seite

Kazimierz hat ein pulsierendes Leben mit Ladenlokalen und Bars zu bieten, in denen Klezmermusik nicht fehlen darf.

Krakaus jüdische Seite

Kazimierz hat ein pulsierendes Leben mit Ladenlokalen und Bars zu bieten, in denen Klezmermusik nicht fehlen darf.
Foto: Karsten-Thilo Raab
Lifestyle 6 Min. 05.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Krakaus jüdische Seite

Die jüdischen Viertel Kazimierz und Podgórze können mit dem Zentrum der Stadt mithalten

Steven Spielberg sei Dank. Mit seinem Kinoklassiker „Schindler's List“ lenkte er 1993 international nicht nur den Fokus auf ein bewegendes Kapitel der Schreckensherrschaft der Nazis, sondern rückte auch Kazimierz (Deutsch: Kasimir) im wahrsten Sinne des Wortes verstärkt ins Bild. Denn weite Teile der Außenaufnahmen des Blockbusters über die Geschichte und den Wandel des Fabrikanten Oskar Schindler zum Retter zahlreicher Juden entstanden in den Straßen und Hinterhöfen des einstigen jüdischen Viertels von Krakau. 

Gedenktafel an der ehemaligen Schindler-Fabrik.
Gedenktafel an der ehemaligen Schindler-Fabrik.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Gemessen an den Besucherströmen steht das am Ufer der Weichsel gelegene Kazimierz deutlich im Schatten der bisweilen stark überlaufenen Krakauer Altstadt rund um den Rynek Glowney, den prächtigen Marktplatz, und der Wawel mit der imposanten Königsburg und dem berühmten Dom. Gleichwohl ist der Besuch von Kazimierz und des benachbarten Stadtteils Podgórze längst mehr als nur ein Geheimtipp.

Einst war das bis 1800 selbstständige Kazimierz eine Insel, die durch einen Seitenarm der Weichsel von Krakau getrennt war. Bis zum Zweiten Weltkrieg befand sich hier das Jüdische Viertel. Nach der Besetzung Polens durch die Truppen des NS-Regimes wurden die Juden zunächst auf die andere Seite der Weichsel in den zum Getto umgestalteten Stadtteil Podgórze umgesiedelt. Dort mussten sich die jüdischen Bewohner der Willkür und Gewalt der Nazischergen beugen, bevor die meisten von ihnen in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden.

Noch heute erinnern zahllose heruntergekommene und abgeblätterte Fassaden an die schlimmen Schicksalsjahre und verleihen Kazimierz einen Hauch von Nostalgie gepaart mit einer spürbaren Melancholie. Ab Ende der 1980er-Jahre – und insbesondere auch nach der Premiere von „Schindler's List“ – siedelten sich wieder vermehrt Juden aus anderen Teilen Polens, aus Israel und den USA hier an. Und es entstanden viele nette kleine Geschäfte, Kneipen und Restaurants.

Eine Friedhofsmauer aus zerstörten Grabsteinen

Gleichwohl kann und will Kazimierz die dunklen Schatten der Vergangenheit nicht verleugnen. Sichtbar werden diese beispielsweise beim Besuch des Neuen Jüdischen Friedhofs. Der 1880 eröffnete Nowy Cmentarz Zydowski, wie der Gottesacker auf Polnisch heißt, gilt als der traurigste Friedhof der Stadt. Auch wenn hier täglich Hunderte Besucher herkommen, ist kaum jemand darunter, der eine Kerze für einen der Toten entzündet oder gemäß jüdischer Tradition einen Stein auf einer Grabplatte ablegt. Denn Teil der traurigen Wahrheit ist, dass die Angehörigen der Toten nahezu allesamt selber Opfer des Holocausts wurden. Stummer Zeuge der Grausamkeiten der NS-Zeit ist auch die Friedhofsmauer, die in weiten Teilen aus zerstörten Gräbern und Grabplatten zusammengesetzt wurde.

Die Mauer des Neuen Jüdischen Friedhofs besteht aus zerstörten Grabsteinen.
Die Mauer des Neuen Jüdischen Friedhofs besteht aus zerstörten Grabsteinen.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Eine solche Mauer findet sich auch an der Remuh-Synagoge. Die dortige Wand aus zerstörten Grabstätten wird nicht selten als „zweite Klagemauer“ tituliert. Juden aus aller Welt kommen hierher, um der Toten zu gedenken. Eine Besonderheit der Synagoge, die auf eine gut 450-jährige Geschichte blickt, ist zudem der Grabstein des Rabbis Moses Isserles. Dieser soll, wenn man populären Legenden Glauben schenken darf, mit einem Fluch belegt sein. Diesem sei es auch zu verdanken, dass die Nazis den Grabstein weder raubten noch zerstörten. Heute gilt er als einer der wichtigsten Pilgerziele für Juden außerhalb von Israel.

Nur einen Steinwurf entfernt von der Remuh-Synagoge findet sich mit dem Restaurant Szeroka Nr. 1 ein charmantes Kuriosum: Mehrere uralte, schmale Ladenlokale wurden zu einem Lokal umgebaut. Die Schaufenster und Teile der Trennwände blieben dabei erhalten und sorgen für eine ganz besondere Atmosphäre.

Überhaupt ist die Ulica Szeroka, eine platzähnliche Straße im Herzen von Kazimierz, längst zu einer pulsierenden Lebensader des Viertels geworden. In schmucken pastellfarbenen Häusern drängen sich beliebte Kneipen und Restaurants dicht an dicht. Müßig zu erwähnen, dass hier allabendlich Klezmermusik erklingt.

Eines der markantesten Bauwerke an der Prachtstraße ist die Alte Synagoge. Errichtet im 16. Jahrhundert im Stile der Renaissance, beheimatet sie heute das sehenswerte Museum zur jüdischen Geschichte (Muzeum Judaistyczne).

Üppig belegtes Baguette, mit Käse überbacken

So beliebt die Ulica Szeroka auch ist, so sehr läuft ihr der Plac Nowy, der Neue Platz, den Rang ab. Tagsüber bieten hier Markthändler ihre Lebensmittel, Blumen und Kleidungsstücke feil, abends herrscht auf dem Platz und in den umliegenden Kneipen prächtige Feierlaune. Das zwölfeckige Rondell in der Mitte des Plac Nowy wurde lange als Markthalle genutzt. Längst dominiert hier aber eine schmackhafte polnische Fastfood-Variante: Ringsherum bereiten kleine Buden für kleines Geld das beliebte Zapiekanki zu. Dahinter verbirgt sich ein riesiges Stück Baguette, das nach Wunsch und Geschmack üppig belegt und mit Käse überbacken wird.

In der Kultkneipe gibt es, wie der Name sagt, vor allem Wodka und Bier.
In der Kultkneipe gibt es, wie der Name sagt, vor allem Wodka und Bier.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Nach altem polnischem Brauch muss die Stärkung natürlich mit einem kräftigen Schlückchen heruntergespült werden. Da bietet sich der Besuch im Pijalnia Wódki i Piwa förmlich an, sind doch in der Kneipe mit den kommunistischen Zeitungsartikeln an den Wänden vornehmlich Wodka und Bier im Ausschank.

Ein Muss ist daneben fraglos ein Abstecher auf die andere Weichsel-Seite nach Podgórze. Über die Kładka Bernatka, eine 2010 eröffnete Fußgängerbrücke, geht es in das Stadtviertel, das Hitler in den 1940er-Jahren in das berüchtigte Getto umwandeln ließ. In dem einstigen Arbeiterviertel wurden allein rund 16 000 Juden aus Kazimierz kaserniert, bevor die meisten von ihnen willkürlich misshandelt und anschließend nach Auschwitz, Birkenau oder Plaszów deportiert und dort ermordet wurden.

Auf dem Plac Bohaterów Getta, dem Platz der Helden des Gettos, erinnern 33 große und 37 kleine Stühle daran, dass genau von hier Tausende Juden in die umliegenden Konzentrationslager verfrachtet wurden. Die Stühle sollen dabei jene Möbelstücke symbolisieren, die von den Nazis auf dem Platz gesammelt wurden, während die Besitzer längst auf dem Weg in eines der Vernichtungslager waren.


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Ein weiterer geschichtsträchtiger Ort am Plac Bohaterów Getta ist die Apoteka Pod Orlem, in der heute ein kleines Museum in Gedenken an einen der Helden der Nazizeit eingerichtet ist. Tadeusz Pankiewicz, Inhaber der Adler-Apotheke, versorgte die jüdischen Getto-Bewohner nicht nur mit Medikamenten, sondern half ihnen, wenn immer möglich, auch mit Lebensmitteln aus. Zudem gewährte Pankiewicz nicht wenigen jüdischen Mitmenschen Zuflucht vor drohenden Verschleppungen, indem er sie in seinen Räumlichkeiten vor den Nazis versteckte.

Vom überzeugten Nationalsozialisten zum Retter

Weitaus berühmter ist – nicht zuletzt auch wegen des Spielberg-Films – Oskar Schindler. Seine einstige Fabrik liegt nur wenige Gehminuten entfernt in der Ulica Lipowa. Schindler, lange ein überzeugter Nationalsozialist, war zunächst nur bemüht, mit seiner Emailwarenfabrik möglichst viel Geld am und im Krieg zu verdienen. Je weiter das Grauen des Zweiten Weltkrieges Gestalt annahm, umso mehr wandelte er sich und wurde schließlich zum Retter von mehr als 1 000, zumeist jüdischen Mitbürgern.

1944 wurde die Fabrik kriegsbedingt verlagert, was dazu führte, dass kaum noch etwas von der ursprünglichen Einrichtung erhalten ist. Heute erzählt die Schindler-Fabrik (Fabryka Schindlera) als Museum interaktiv und multimedial die Geschichte Krakaus unter dem Joch der nationalsozialistischen Herrschaft. Eine beeindruckende Ausstellung, die einen Besuch in Kazimierz und Podgórze perfekt abrundet, und nicht nur Zartbesaiteten mächtig unter die Haut geht. 


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