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Katar: Morgenland in Aufbruchstimmung

Katar: Morgenland in Aufbruchstimmung

Katar: Morgenland in Aufbruchstimmung

Katar: Morgenland in Aufbruchstimmung


von Karsten-Thilo RAAB/ 28.11.2019

Sanddünen am Binnenmeer Chaur al-Udaid. Die Wasserlandschaft kann nur querfeldein über die Dünen erreicht werden und ist auch für Einheimische ein beliebtes Ziel. Foto: Karsten-Thilo Raab

Das sonnenverwöhnte Emirat hat abseits der sportlichen Veranstaltungen durchaus noch einiges zu bieten.

Katar? Da war doch was! Klar, der Franz, der keine Sklaven gesehen haben will. Als Fußball-Kaiser hatte der Beckenbauer sicher keinen Blick dafür. Warum auch? Ihm ging es allein um das Runde, das ins Eckige muss. Und das rollt bekanntlich 2022 in Katar, wenn das Emirat am Arabischen Golf Gastgeber der Fußball-WM sein wird.

Auch mit anderen Großevents wie zuletzt 2019 der Leichtathletik-WM versucht das Emirat, einen Platz auf der touristischen Landkarte zu erobern. Mit mäßigem Erfolg. Meist herrschte bei den Wettkämpfen Geisteratmosphäre vor menschenleeren Tribünen. Dabei hat das sonnenverwöhnte Emirat abseits des sportlichen Rampenlichts durchaus einiges zu bieten.

„Welcome to Doha, the capital of Qatar and the Gateway to the world“ – „Willkommen in Doha, der Hauptstadt von Katar und dem Tor zur Welt“, prangert einem zur Begrüßung ein Schriftzug auf einer Plakatwand auf dem Hamad International Airport entgegen. Bescheidenheit sieht sicher anders aus. Gleichwohl zeugen die Worte auch vom Stolz und Eigenverständnis einer Nation, die oft sehr zu Unrecht kritisch beäugt wird. Gut, Katar ist keine Demokratie. Vieles läuft in dem muslimischen Land anders als in der westlichen Welt. Aber gerade das macht den Reiz aus.

Tradition trifft Moderne: Dhau-Boote vor der Skyline von Doha.
Tradition trifft Moderne: Dhau-Boote vor der Skyline von Doha.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Das Emirat, dessen Fläche etwa viermal so groß wie die von Luxemburg ist, hat in den letzten fünf Jahrzehnten einen kometenhaften Aufstieg und eine beachtliche Entwicklung erlebt. Dank reicher Erdgas- und Ölvorkommen hat sich Katar von einem verschlafenen Wüstenstaat zu einem pulsierenden Wirtschaftswunderland entwickelt. In Doha, wo noch vor einem halben Jahrhundert überwiegend einfache Lehmhütten und Häuser zu finden waren, ragen heute moderne Büro- und Hoteltürme zwischen gepflegten Boulevards gen Himmel.

Wichtigste Schlagader im rasanten Puls der Hauptstadt ist die Corniche. Entlang der fast neun Kilometer langen Uferpromenade eröffnen sich die besten Blicke auf die Skyline des imposanten Geschäftsviertels. Hunderte traditionelle Holzboote, die Dhaus, dümpeln hier im Wasser vor sich hin und warten auf abendliche Ausfahrten. Links und rechts der Prachtstraße finden sich mit dem Museum of Islamic Art (MIA) und dem im Frühjahr 2019 eröffneten Nationalmuseum zwei kulturelle wie architektonische Perlen der Extraklasse.

Die Geschichte von Katar

Das von Stararchitekt Ieoh Ming Pei entworfene MIA erhebt sich aus einer künstlichen Insel und präsentiert islamische Kunstwerke und Objekte aus 14 Jahrhunderten. Die Optik des nur einen Steinwurf entfernt liegenden National Museum of Qatar erinnert an eine Wüstenrose. Im Innern greift das vom französischen Architekten Jean Nouvel entworfene Museum multimedial die Geschichte der Katari und ihr Leben zwischen Wüste und Meer auf.

Unmittelbar an die Corniche grenzt mit dem Amiri Diwan der Amtssitz von Staatsoberhaupt Scheich Tamim bin Hamad Al Thani. Die berittene Ehrengarde in traditionellen Uniformen steht allmorgendlich um 9 Uhr vor dem Tor auf Kamelen Spalier, um das Staatsoberhaupt zu begrüßen. An den Palast schließt sich mit dem gepflegten Al Bidda Park die größte innerstädtische Grünanlage Dohas an.

Eine traditionelle Dhau in Doha.
Eine traditionelle Dhau in Doha.
Foto: Karsten-Thilo Raab

So oder so ist es überaus faszinierend, über die Corniche zu rollen. Fast auf der gesamten Länge genießen Autofahrer Grüne Welle. Wehe nur dem, der Abbiegen möchte. Denn dies kann je nach Tageszeit zu einem echten Geduldsspiel werden. Zwischen zehn und 15 Minuten dauern die Rotphasen mitunter. Und einfach mal bei Rot rüber huschen, ist keine Alternative, zumal dieses Vergehen mit umgerechnet 1 500 Euro überaus hart bestraft wird. Kein Wunder, dass die Kataris mit ein wenig Galgenhumor behaupten, die roten Ampeln seien nach Erdgas, Öl und Tourismus die viertgrößte Einnahmequelle des Landes.

Gewürze, Stoffe und Vogelmarkt

Generell gilt: Die Straßen und Gassen sind überall blitzsauber. Kein Fitzelchen Müll, keine Zigarettenstummel sind hier zu finden. Allenfalls ein wenig Staub bedeckt das Pflaster. Selbst in der geschäftigen Altstadt rund um den Souq Waqif, den ältesten und wohl schönsten Basar Dohas, findet sich keinerlei Unrat. Und dies, obwohl die Menschen hier tagtäglich tausendfach mit den Füßen auftreten. Vor allem in den Abendstunden herrscht in den Gängen und Gassen dichtes Gedränge. Aggressive Händler wie in anderen arabischen Ländern finden sich hier nicht. Niemand, der einen anquatscht oder anfasst, niemand, der hinter einem herläuft, um seine Waren feilzubieten.

Allein das geschäftige Treiben im Souq Waqif zu beobachten, ist ein Genuss. Mit etwas Verhandlungsgeschick lassen sich neben Gewürzen, Stoffen, allerlei Schnickschnack und Kleidung günstig Perlen, Gold und wertvolle Teppiche erstehen. Inmitten des Basars findet sich zudem ein großer Vogelmarkt, auf dem auch Kaninchen, Schildkröten, Hunde- und Katzenbabys den Besitzer wechseln.

In den umliegenden Restaurants und Cafés nippen Männer in langen weißen Gewändern am Kaffee oder ziehen genüsslich an einer Wasserpfeife. Viele Frauen tragen einen Niqab, einen Gesichtsschleier, zusammen mit einer schwarzen Abaya, einem schlichten Überkleid. Unter dem Ganzkörperumhang verbirgt sich nicht selten teure Mode im westlichen Stil, die aber nur der Ehemann oder Freundinnen zu Gesicht bekommen. Ohne Frage haben die Kataris ein gewisses Faible für Luxusartikel, was sich darin zeigt, dass in den Malls der Stadt alle bekannten Designermarken vertreten sind.

Wie im Souq Waqif ist das Gros der Häuser in Doha schlicht sandfarben – aus gutem Grund: Etwa fünfmal im Jahr fegt ein Sandsturm über die Stadt hinweg und überzieht die Kapitale großflächig mit einer feinkörnigen Schicht, die aufwendig beseitigt werden muss. Da ist es praktisch, dass zumindest die Hausfassaden ihre Optik behalten. Die Wohnhäuser sind zumeist von Mauern umgeben, damit sich die Frauen auch ohne Kopftuch und Abaya frei von Blicken anderer bewegen können.

Eine Katari-Frau im Souq Waqif in Doha. Unter der Abaya tragen viele Frauen Luxusmode im westlichen Stil.
Eine Katari-Frau im Souq Waqif in Doha. Unter der Abaya tragen viele Frauen Luxusmode im westlichen Stil.
Foto: Karsten-Thilo Raab

Obschon der Sand immer wieder Spuren der Verwüstung hinterlässt, lieben die Kataris ihre Wüsten. Kaum einer, der etwas auf sich hält, der nicht zwischen November und April regelmäßig übers Wochenende oder sogar für den Urlaub mit Sack und Pack zum Camping in die Wüste fährt. Das sandige Ödland liegt quasi vor der Haustür, ist von Doha aus bequem in einer Dreiviertelstunde zu erreichen. Wobei Katars Wüste komplett mit dem GPS erfasst wurde.

Dies bietet den Vorteil, dass den campingverrückten Kataris in den Wintermonaten auf Antrag ein bestimmter Spot in der Wüste zugewiesen werden kann. Hier schleppen sie dann ihre Wohnwagen und Zelte hin, lassen sich ein Toilettenhäuschen aufstellen und Frischwasser liefern. Natürlich wird ein portabler Zaun mitgeführt, um auch in der Wüste die Privatsphäre für die Frauen zu gewährleisten.

Mögliches neues Weltnaturerbe

Mit dem 150 Quadratkilometer großen Binnenmeer Chaur al-Udaid dringt im Süden von Katar der Arabische Golf tief in die Wüste vor. Diese Wasserlandschaft kann nur im Geländewagen querfeldein über die Dünen erreicht werden. Nicht von ungefähr steht diese grandiose Laune der Natur, die je nach Tageszeit und Lichteinfall ihr Gesicht verändert, auf der Vorschlagsliste der Unesco als mögliches neues Weltnaturerbe.


asdf
Marokkos filmreife Kulisse
Hinter dem Hohen Atlas erhebt sich ein altes Kunstwerk aus Lehm: die berühmteste Kasbah Marokkos, Ait Ben Haddou. Ein Ort, um in Ruhe zu träumen – es sei denn, Hollywood dreht mal wieder einen Film.

Die atemberaubenden Farben von Sonnenauf- und -untergang spiegeln sich besonders dramatisch in Fotografien wider, während der klare Nachthimmel ein seltenes Vergnügen für Sternegucker bietet. Doch zurück zum Anfang. Katar greift ja zumindest sportlich nach den Sternen. Die Fußball-WM 2022 wirft ihre Schatten voraus. Bereits Ende 2020 sollen alle acht Stadien fertig sein. Und, was nicht unerwähnt bleiben sollte, die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen sind keinesfalls so bedenklich, wie vielfach beschrieben.

Die 32 000 Gastarbeiter erhielten, so die Organisatoren, einen garantierten Mindestlohn. Auch die Unterkünfte seien vollkommen adäquat. Jedem Arbeiter stünden mindestens vier Quadratmeter zu. Sie erhielten Arbeitskleidung, seien krankenversichert, würden täglich zu den Baustellen hin und zurück gefahren. Alle Bauträger müssten Mindeststandards erfüllen, die staatlich überwacht werden. Auch die Berichte von mehr als 350 Toten seit Beginn der Bauarbeiten im Jahre 2010 weisen die Organisatoren weit von sich. Richtig sei jedoch, dass bislang drei Bauarbeiter zu Tode kamen.

Wer sich einen aktuellen Einblick in die Planungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 verschaffen möchte, sollte den Legacy Pavilion im 215 Meter hohen al-Bidda Tower in Downtown Doha besuchen. Dort wird anhand von Modellen und Animationen alles Wissenswerte rund um die geplanten sowie bereits fertiggestellten Stadien vermittelt und auch ein kurzer Abriss der Geschichte des katarischen Fußballs gegeben. 

Ein Beduine mit seiner Kochstelle am Chaur al-Udaid.
Ein Beduine mit seiner Kochstelle am Chaur al-Udaid.
Foto: Karsten-Thilo Raab

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