Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ikea und Tom Dixon: „Das neue Erbstück“
Sofa und Sessel von „Delaktig“ können individuell mit Lehnen und Kissen bestückt werden, sodass viele Variationen möglich sind. Die Kollektion ist von Februar an erhältlich.

Ikea und Tom Dixon: „Das neue Erbstück“

Foto: Hersteller
Sofa und Sessel von „Delaktig“ können individuell mit Lehnen und Kissen bestückt werden, sodass viele Variationen möglich sind. Die Kollektion ist von Februar an erhältlich.
Lifestyle 6 Min. 22.01.2018

Ikea und Tom Dixon: „Das neue Erbstück“

James Futcher ist Creative Leader bei Ikea. Im Interview mit LW-Journalistin Nicole Werkmeister spricht er unter anderem über die Kooperation des schwedischen Möbelhauses mit Tom Dixon.

Interview: Nicole Werkmeister

Alljährlich stehen die Kunden Schlange und kämpfen um eines der begehrten Stücke, wenn das Modeunternehmen H&M seine limitierte Designerkollektion in die Läden bringt. Nun kündigt auch der Möbelriese Ikea eine Kollektion an, die gemeinsam mit einem Interior-Designer entstand, der für seine exklusiven und hochpreisigen Kreationen bekannt ist: Tom Dixon. Hat man sich von der Modeindustrie inspirieren lassen und folgt dem gleichen Prinzip? Wir trafen James Futcher, Creative Leader von Ikea, beim Preview der neuen Kollektion namens „Delaktig“ in Brüssel und fragten nach.

James Futcher arbeitet seit 1998 bei Ikea; seit 2015 als Creative Leader.
James Futcher arbeitet seit 1998 bei Ikea; seit 2015 als Creative Leader.
Foto: Hersteller

Herr Futcher, Sie haben in Ihrer Position als Creative Leader bei Ikea zunächst die auf Nachhaltigkeit fokussierte PS-Kollektion mit jungen Designern betreut. Nun die überraschende Zusammenarbeit mit einem bekannten Namen, Tom Dixon. Wie kam es dazu?

Ich bin Brite, Tom ist Brite. Und wir kennen uns schon länger. Ich bin ihm zum ersten Mal während meines Design-Studiums in London begegnet, als ich das Glück hatte, mein Praktikumssemester in seinem Atelier zu absolvieren. Aber es gibt auch einen zweiten Anknüpfungspunkt. Tom war vor einigen Jahren Creative Director der Marke Habitat, die damals zu Ikea gehörte. Er weiß also wie wir funktionieren und es gibt so etwas wie einen unregelmäßigen Austausch zwischen uns. Das, was wir nun gemeinsam entwickelt haben, hat also keinen elitären Anstrich – und es handelt sich auch nicht um eine limitierte Auflage.

Wie ist die Idee für dieses Projekt entstanden?

Ikea betreibt einen recht großen Aufwand an Marktforschung, um möglichst nah an seinen Kunden zu sein und deren aktuelle Bedürfnisse zu kennen. Über die Ergebnisse der jüngsten Analysen haben wir uns unterhalten und sind der Frage nachgegangen, wie wir auf die sich verändernden Wohnsituationen mit kleinen Appartments in den Großstädten und den zunehmenden Bedarf an nachhaltigen Lösungen reagieren könnten. Tom versteht es hervorragend, sich von bestehenden Gewohnheiten zu lösen und völlig neu zu denken. Manchmal recht provokant. „Lasst uns einen Sarg machen“, meinte er. Das klang natürlich erst mal schockierend. Was er aber meinte, war die Tatsache, dass das, was der Mensch von Geburt an bis zu seinem Tod braucht, etwas zum Liegen ist. Ein Bett.

Nun stellen Sie aber kein Bett, sondern eine Sofa-Kollektion vor.

Ja, Toms Idee war unser Ausgangspunkt. Daran haben wir im Austausch miteinander weitergearbeitet. Wir nennen das „democratic design“. Bei uns sprechen viele Leute aus verschiedenen Fachbereichen mit, bevor ein Möbelstück tatsächlich in Produktion geht. Wir tauschen uns schon in einem recht frühen Stadium im Team aus und suchen gemeinsam den besten Weg, der ja auch immer möglichst einfache Produktionsabläufe und eine Verpackung beinhaltet, die flach und transportabel sein soll. Und genau da liegt das Problem bei Polstermöbeln. Sie sind schwer und voluminös. Wir wollten aber ein Möbelstück gestalten, das multifunktional ist – also als Sofa oder Daybed nutzbar –, aber auch schmal und in Einzelteile zerlegbar. Dafür mussten wir den ganzen Produktionsprozess überdenken.

Deshalb haben Sie dann auch Design-Studierende in die Entwicklung mit eingebunden?

Wir haben Workshops mit dem London College of Art veranstaltet und auch zwei Universitäten in New York und Tokio mit in das Projekt einbezogen. Zum einen ging es natürlich darum, zu sehen, ob wir mit unserer Überlegung richtig lagen, indem wir mit jungen Menschen sprachen, die auf engstem Raum leben müssen. Studentenappartments in Städten wie London haben nur wenige Quadratmeter und wie sich herausstellte, leben viele Studierende deshalb mit größter Kreativität um ihr Bett herum. Valérie De Belder, die später weiter mit uns an der Umsetzung arbeitete, erzählte uns, wie sie das Bett in ihrem Mini-Appartment zur Sitzbank umfunktionierte, wenn sie Freunde zum essen eingeladen hatte. Wir waren mit unserer Idee eines modularen Sitz- und Liegemöbels also auf dem richtigen Weg. Nun sollten die Teilnehmer das vorgestellte Konzept „hacken“.

Diesen Begriff kennt man aus der Welt der Daten. Was ist in diesem Fall damit gemeint?

In Anlehnung an das Computer-Hacking haben wir bei Ikea schon vor Längerem die „Ikea Hacking Community“ ins Leben gerufen. Eine Online-Plattform, auf der sich die User untereinander austauschen und sich gegenseitig Tipps geben, wie man Ikea-Produkte adaptieren, verändern oder umfunktionieren kann. Wir moderieren dort also ein Phänomen, das es bereits im Verborgenen gab, bieten einen Service und erhalten gleichzeitig wertvolle Informationen über die Verwendung unserer Produkte und die Bedürfnisse der Kunden. Ähnlich sollte es bei unserem Projekt funktionieren. Wir wollten von den Studenten erfahren, was sie am „Delaktig“-System verändern, ergänzen oder erweitern würden.

Und wie war das Ergebnis?

Zum einen tauchten einige Ideen auf, wie man das Sofa stärker modularisieren könnte, sodass wir schließlich zu einer Kollektion kamen, die Sessel und Sofa mit variablen Lehnen und Kissen als Ein-, – Zwei- und Drei-Sitzer enthält. Auch passende Tische und Trennwände wurden angedacht. Weitere Ideen befassten sich mit Add-ons wie einsteckbaren Tischplatten, Lampen und Taschen, die wir ebenfalls umgesetzt haben.

Sie haben noch einen weiteren Partner mit ins Boot genommen, der sich bislang – ganz unabhängig – mit der Individualisierung von Ikea-Polstermöbeln beschäftigt hat.

Richtig. Das Unternehmen Bemz, das vor zwölf Jahren von Lesley Pennington gegründet wurde, bietet online die Möglichkeit, ein bestehendes Ikea-Sofa mit einem neuen Stoffüberzug zu individualisieren. Diese Idee passte in unser Konzept, das wir auf Anregung von Tom hin als „open source“ auf den Markt bringen. Andere Hersteller haben also die Möglichkeit, Zusatzprodukte anzubieten, die über eine Schiene innerhalb der Plattform aus Aluminium eingeklinkt werden können. Bemz hat für die Markteinführung drei verschiedene Bezugsvarianten entworfen, die dem sonst schlichten Design des Sofas eine ganz andere Note verleihen.

Zusatzmodule wie Lampen lassen sich in den Rahmen einspannen.
Zusatzmodule wie Lampen lassen sich in den Rahmen einspannen.
Foto: Hersteller

Sie haben eben Aluminium angesprochen, aus dem das gesamte Gestell besteht. Ist das Material nicht recht teuer für ein Möbelstück, das sich an eine relativ junge Zielgruppe wendet?

Mit rund 500 Euro wird das Basismodell von „Delaktig“ nicht billig, aber günstig bleiben. Erschwinglichkeit ist bei Ikea immer ein wesentliches Kriterium. Gleichzeitig wollten wir aber gerade bei diesem Projekt ein langlebiges Produkt schaffen, das industriell gefertigt werden kann, durch sein schlichtes Design nicht aus der Mode kommt und vom Material her so stabil ist, das es auch mehrere Umzüge problemlos mitmacht. Dafür ist Aluminium ideal. Es ist leicht und dennoch robust – und recycelbar. Auch daran haben wir gedacht. 50 Prozent des Aluminiums, das wir für die erste Kollektion verwenden, stammt bereits aus Recycling. Diesen Anteil wollen wir in Zukunft weiter erhöhen. Mit „Delaktig“ könnten wir also so etwas wie das neue Erbstück kreiert haben. (lacht)

Wie realisieren Sie den modularen Anspruch für die Verwendung der einzelnen Elemente?

Wir haben einfach jeden Schritt bei der Herstellung eines Polstermöbelstücks infrage gestellt. Das Gestell haben wir wie beschrieben durch eine Aluminium-Plattform ersetzt. Für die Sitzfläche haben wir uns von Betten abgeschaut: Die Auflage, bei der wir den üblichen Schaumanteil zugunsten von Federkern verringert haben, entspricht quasi der Matratze, die auch komprimiert gerollt geliefert wird. Sie liegt auf einer Art Lattenrost auf dem Rahmen und wird per Klettverschluss fixiert. Die Rück- und Seitenwände werden – je nach der gewünschten Position des Sofas – ebenfalls einzeln eingesteckt. Gleiches gilt für die Ablageflächen, die an die ausklappbaren Tischchen erinnern, die man von der Bahn oder aus dem Flugzeug kennt.

Wie bei Ikea üblich trägt die Kollektion einen schwedisch klingenden Namen. Hat „Delaktig“ tatsächlich eine Bedeutung?

Ja. „Delaktig“ ist ein Adjektiv, das in etwa „beteiligt“ bedeutet. Wir haben dieses Wort schon während des Projekts entdeckt und genutzt. Das passt perfekt – und wir sind selbst gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt, nachdem wir es nun freilassen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Ikea will gebrauchte Möbel zurückkaufen
Der Möbelriese Ikea will künftig gebrauchte Möbel zurückkaufen. In zunächst fünf Pilothäusern können Kunden vom 1. September an ihre nicht mehr benötigten Ikea-Möbel anbieten.
Vor einem Gebäude des schwedischen Möbelhauses Ikea stehen Einkaufswagen mit dem Logo des Unternehmens.
IMM Cologne: Zarte Farben bei Möbeln und Deko
Bei Möbeln, Tapeten und Einrichtungsgegenständen sind 2018 sanfte Töne angesagt: Etwa ein Rosa mit Nuancen von Beige. Auch Grau und Schwarz sind beliebt - gemischt mit Blau, Grün oder Rot. Das zeigt sich derzeit auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne in Köln.
Wortex: Junge Designer für Ikea: Möbel für das kreative Chaos
Das schwedische Möbelhaus Ikea weiß sein Image zu pflegen. Aktuell widmet man sich mit einer flexiblen und nachhaltigen Kollektion auch dem wandelnden Bewusstsein seiner Kunden. Wir sprachen mit zwei jungen Designerteams, die ihre Ideen zur aktuellen PS-Kollektion beisteuern durften.
Hausbesuch: Raum für frische Ideen
Im Coffee Table Book „Best of Interior“ zeigen 15 Bloggerinnen wie sie ihrem Zuhause das gewisse Etwas verliehen haben. Wir haben drei der Einrichtungstalente nach ihren besten Tipps und Tricks rund ums Wohnen befragt.
Auch Männer müssen keine Angst vor rosa Sofas haben, findet die Berliner Fotografin Jules Villbrandt.