Wählen Sie Ihre Nachrichten​

IAA 2017: Stockender Verkehr auf der Road to the Future
Viertüriges Gran Coupés: der BMW i Vision Dynamics.

IAA 2017: Stockender Verkehr auf der Road to the Future

Foto: AFP
Viertüriges Gran Coupés: der BMW i Vision Dynamics.
Lifestyle 19 5 Min. 13.09.2017

IAA 2017: Stockender Verkehr auf der Road to the Future

Marc BOURKEL
Marc BOURKEL
Ach wenn doch nur schon morgen wäre. Selten auf einer Automobilmesse haben die Aussteller den Blick so bereitwillig und bedeutungsschwer nach vorne gelenkt wie in diesem Jahr zur IAA in Frankfurt am Main.

Von Thomas Geiger

Weil die Stimmung im Hier und Heute nach Diesel-Skandal und Kartellverdacht so miserabel ist und die Giganten der Blechbiegerfraktion von allen Seiten von alten Gegnern und neuen Spielern bedrängt werden, malen Männer wie Daimler-Chef Dieter Zetsche, VW-Boss Matthias Müller und BMW-Vorstand Harald Krüger beim Heimspiel im Jammertal wenigstens die Zukunft in schillernden Farben.

Designstudien und Technologieträger mit mehr oder weniger Bodenhaftung aber jeder Menge visionärer Strahlkraft sollen beweisen, dass sie in Stuttgart, München oder Wolfsburg die Zeichen der Zeit sehr wohl erkannt haben und sich die Deutungshoheit über das Automobil nicht kampflos abnehmen lassen wollen.

Elektrisch und autonom

Dabei setzen die Platzhirsche vor allem auf zwei Karten: Den Elektroantrieb und das autonome Fahren – und oft genug wird beides kombiniert. So zeigt Daimler mit dem lenkradlosen smart vision EQ fortwo, wie sich der Erfinder des Automobils das Robotaxi vorstellt und lässt dafür eine gläserne Knutschkugel auf die Bühne rollen, die man allenfalls noch benutzen aber nicht mehr besitzen kann.

Audi dagegen wechselt ins andere Extrem, macht den A8 von übermorgen zur Langstrecken-Lounge Aicon und will damit selbst in Zeiten des grassierenden Carsharings noch Besitzwünsche und Begehrlichkeiten wecken, weil man nirgends so komfortabel und intim reisen kann wie in den eigenen vier Wänden – selbst wenn sie auf Rädern sind.  

Etwas näher an der Realität sind die Elektroautos mit Lenkrad, die vor allem auf einen Hersteller zielen, der in Frankfurt omnipräsent und trotzdem nicht auf der Messe ist: Tesla. Denn egal ob es der für 600 Kilometer ausgelegte Vision Dynamics im Format des BMW 4ers ist, der Vorbote des Mini E als ultimatives Stadtmobil, die elektrische A-Klasse, die Mercedes-Benz als EQ A mit 400 Kilometern Aktionsradius ins Rennen schickt, der GLC mit Brennstoffzelle oder die Updates von Audi e-tron und VW ID Crozz – sie alle sollen den Aufstieg des Neulings aus Kalifornien stoppen und sein noch immer nicht richtig ausgeliefertes und trotzdem ominpräsentes Model 3 in die Schranken weisen.

Von verpassten und neuen Chancen

Den Dämon aus dem Silicon Valley fürchten manche Hersteller so sehr, dass sie sogar eine völlige Kehrtwende hinlegen: Der ehemalige Opel-Chef Karl-Thomas Neumann philosophiert zur IAA darüber, wie man Opel zu einer reinen E-Marke hätte machen können und Daimler-Chef Zetsche setzt diese Idee bei smart sogar um und verbannt dort zum Ende der Dekade den Verbrenner komplett. 

Egal ob VW ID Cross, Mercedes EQ A oder BMW Vision iDynamic – zwar werden all diese Konzepte als „seriennah“ oder wie der GLC F-Cell sogar schon als Vorserie gehandelt. Doch bis sie dann tatsächlich auf die Straße kommen, wird es eben doch noch etwas dauern. Im besten Fall 2019, oft sogar erst 2020 und danach gehen die deutschen Hersteller im großen Stil ans Netz. Von den autonomen Visionen mit einem Horizont für 2030 und später ganz zu schweigen.

Nur in die Zukunft zu schauen, das mag angesichts der Stimmungslage verlockend sein. Doch weil die schöne neue Welt noch auf sich warten lässt und der Weg dahin ja irgendwie auch finanziert werden muss, zeigen die Hersteller auf der IAA auch , die man schon sehr bald kaufen kann. Nur sind die halt . Dafür allerdings haben viele von ihnen eine Eigenschaft, die in Zeiten wie diesen nötiger ist denn je: Die allermeisten Serien-Premieren sind SUV und damit für schweres Terrain bestens gerüstet.

Neue Geländewagen-Flut

Angeführt wird die Flut der Geländewagen vom VW-Konzern, der mit SUV aus allen Rohren schießt: Am unteren Ende der Skala stehen der für VW ungewöhnliche frische und jugendliche T-Roc sowie der dafür umso langweiligere Seat Arona und der ziemlich genau in der Mitte angesiedelte Skoda Karoq und am oberen Ende die dritte Auflage des Cayenne, die in Frankfurt zwar mit Basis-Benziner und Top-Turbo steht, die Diskussion um den Diesel aber durch den zumindest vorübergehenden Verzicht auf den Selbstzünder erst einmal nicht weiter befeuert.

Dazu gibt es aus München einen neuen X3 und den ziemlich übertriebenen Ausblick auf den überfälligen X7, die Koreaner wollen mit dem Doppel Hyundai Kona und Kia Stonic die Stadt erobern, Citroën setzt in dieser Liga auf den C3 Aircross und von Dacia kommt als Kampfansage an alle gebrauchten Kraxler ein neuer Duster, der einmal mehr zum billigsten Geländewagen im Land werden will.

Wenn es denn partout ohne erhöhte Bodenfreiheit und Abenteuer-Optik sein darf, empfehlen sich in diesem Herbst ebenfalls eher vernünftige Autos – allen voran der neue VW Polo oder die für koreanische Marken überraschend leidenschaftlich gezeichneten Hyundai i30 Fastback und Kia Stinger.

Weiter oben wird die Luft dagegen eher dünn. Denn außer der neuen Generation des Audi A8, der mit seinem Staupiloten die größte Brücke zum autonomen Fahren schlägt, gibt es in der Oberklasse allenfalls Modellpflegen und –varianten. So hat Mercedes-Benz Coupé und Cabriolet der S-Klasse überarbeitet und BMW lässt einen neuen M5 von der Leine, der seine 441 kW (600 PS) zum ersten Mal mit Allradantrieb auf die Straße bringt.

Traumwagen für Besserverdiener

Natürlich ist die IAA auch wieder eine Messe für Träumer, bei der mit jeder Menge Luxus und Leistung Lust und Leidenschaft kultiviert wird. Nicht umsonst zeigt Bentley die neue Generation eines noch feudaleren und flotteren Continental und nicht ohne Grund verspricht Ferrari den Besserverdienern mit dem neuen Portofino einen noch stärkeren schnelleren und schöneren Platz an der Sonne.

Und selbst diesseits der Oberschicht darf mit Autos wie einem Hyundai i30 N als GTI-Killer oder einem Renault Mégane RS als Kampfansage gegen Golf R und Ford Focus RS geheizt werden. Doch der absolute Überflieger kommt in diesem Jahr aus Stuttgart oder genau genommen aus Affalterbach. Denn pünktlich zum 50. Geburtstag zieht die schnelle Mercedes-Schwester AMG auf der IAA das Tuch vom Project One und verspricht mit diesem über 1000 PS starken Hypercar zum ersten Mal ein Formel-1-Auto mit Straßenzulassung. Denn unter der ultraflachen Coupéhülle aus Karbon steckt nichts anderes als der Antrieb aus dem Dienstwagen von Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton.

Zwar passt so ein Auto nicht ganz so recht zum Aufbruch in eine neue Zeit. Doch erstens wird der Silberpfeil für Captain Future schließlich flankiert vom EQA und dem autonomem smart, und zweitens hat er neben einem hochdrehenden V6-Benziner noch vier Elektromotoren und fährt immerhin 25 Kilometer ohne Strom. Und drittens ist auch der Project One nur eine kühne Vision. Denn bis der Wagen für knapp drei Millionen Euro in einer Auflage von 275 Exemplaren gebaut wird, dauert es noch knapp anderthalb Jahre. Ach wenn doch nur schon morgen wäre ...


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Bosch-Notbremssystem: Schneller stehen als sehen
Von brenzligen Situationen im Straßenverkehr bleibt kein Autofahrer verschont. Häufig sind es nur Sekunden, die bei einem Unfall über Leben und Tod entscheiden. Dabei stößt der Mensch an seine Grenzen. Deshalb hat Bosch ein neues Notbremssystem entwickelt.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Sobald der Radar- oder Videosensor des Notbremssystems die drohende Kollision erkannt hat, dauert es mit dem 
elektromechanischen Bremskraftverstärker von Bosch nur 190 Millisekunden, bis die volle Bremsleistung aktiviert ist.
Porsche Panamera Sport Turismo: Mehr Lifestyle als Laster
Ein Kombi aus dem Hause Porsche? Was vor Jahren noch undenkbar war, ist jetzt mit dem Panamera Sport Turismo Realität geworden – zumindest theoretisch. Wenn es um die Kombi-Variante des Panamera geht, ist das K-Wort in Stuttgart-Zuffenhausen nämlich absolut tabu.
Panamera Turbo Sport Turismo
Porsche Cayenne: Der Elfer fürs Gelände
Der Cayenne hat sich vom anfangs belächelten Dickschiff zu einem der wichtigsten Porsche-Modelle entwickelt. Nach mehr als 750.000 verkauften Einheiten schickt Porsche demnächst die dritte Cayenne-Generation an den Start .
Porsche Cayenne
Pebble Beach: Autoneuheiten beim Oldtimergipfel
Eigentlich dreht sich in Pebble Beach alles um Oldtimer. Doch weil hier beim Concours d'Elegance die Stimmung immer gut und die Liebe zum Auto allumfassend ist, präsentieren die Hersteller beim legendären Klassik-Event auch immer mehr neue Autos.
Zum Themendienst-Bericht von Thomas Geiger vom 22. August 2017:  Aus Bus wird Buzz: Auf der Veranstaltung verkündete VW den Serienstart vom elektrischen ID Buzz, der ab 2022 auf den Markt kommen soll. (Archivbild vom 20.08.2017 /Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn
„Mondial de l'automobile“ in Paris: Showtime an der Seine
Der Absatz in Russland im Keller, der Süden noch nicht wieder heraus und die Märkte in der Mitte auf tönernen Füßen – mit düsteren Szenarien haben die Analysten in den letzten Tagen auf den Pariser Automobilsalon (4. bis 19. Oktober) eingestimmt. Doch die Branche lässt sich ihre letzte große Party in diesem Jahr nicht vermiesen und hält tapfer dagegen.
Renault Eolab - Konzeptfahrzeug