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Hermès Parfums: Fest im Sattel
Lifestyle 7 Min. 18.08.2016

Hermès Parfums: Fest im Sattel

Lifestyle 7 Min. 18.08.2016

Hermès Parfums: Fest im Sattel

Nathalie RODEN
Nathalie RODEN
Sie ist die neue Nase von Hermès: Vor rund sechs Monaten trat Christine Nagel in die Fußstapfen ihres Vorgängers Jean-Claude Ellena. Wir haben die Parfümeurin gefragt, wie sie bei ihrer Arbeit vorgeht.

(mk) - Sie ist die neue Nase von Hermès: Vor rund sechs Monaten trat Christine Nagel in die Fußstapfen ihres Vorgängers, Jean-Claude Ellena, der zwölf Jahre lang den Düften des Hauses seinen olfaktiven Stempel aufgedrückt hat. Ein Wechsel, dessen Auswirkungen auf die Parfums mit Spannung erwartet werden, denn Christine Nagels Düfte sind prägnant und besitzen einen eigenständigen Charakter. Die gelernte Chemikerin, die 1959 in Genf zur Welt kam, zeichnete bereits für viele große Würfe verantwortlich, wie etwa „Eau de Cartier“, „“ von Giorgio Armani, „For her“ von Narciso Rodriguez oder die fast 30 Kreationen von Jo Malone.

Christine Nagel zählt zur Weltspitze der Parfümeure.
Christine Nagel zählt zur Weltspitze der Parfümeure.
Foto: Hermès

Als Hausparfümeurin von Hermès startete sie mit einem knackigen Rhabarber-Cologne durch. Ihr neuester Duft heißt „Galop“ und spielt auf die enge Verbundenheit von Hermès mit dem Universum des Pferdes an. Er symbolisiert aber auch die stete Dynamik, die unsere Zeit bestimmt. Wir haben Christine Nagel gefragt, wie sie bei ihrer Arbeit vorgeht.

Christine Nagel, Sie haben seit einigen Monaten bei „Hermès Parfums“ die Zügel übernommen. Inwieweit ist dies der Beginn einer neuen Ära?

Ich will auf keinen Fall eine Revolution lostreten, sondern mich in die Tradition dieser großartigen französischen Parfümerie einfügen, die Hermès hochhält. Es ist eine Parfümerie, die sich klar positioniert; eine Parfümerie, die frei und kühn ist; die aus Begegnungen besteht, aber auch in das Erbe eintaucht, um etwas Neues, Besseres in der Gegenwart zu schaffen. Jeder Duft von „Hermès Parfumeur“ ist Zeuge dieser Vorgehensweise.

Seit Edmond Roudnitska mit seinem „Eau d'Hermès“ aus dem Jahr 1951 haben sich die größten Nasen abgelöst, um diese Geschichte zu schreiben. Ich sehe mich heute als Erbin eines Vermächtnisses und bestimmter Werte sowie als deren zukünftige Überbringerin. Ich bin eine Zeit lang eine der wunderbaren Facetten dieses Hauses.

Seit meiner Ankunft bin ich in die einzigartige Welt von Hermès eingetaucht. Gleich bei meiner Ankunft öffneten sich alle Türen für mich – mit viel Großzügigkeit und Transparenz. Ich habe alle Berufe des Hauses entdeckt, und es sind deren 14! Heute arbeite ich im Herzen des Hauses, nicht weit von den Handwerkern entfernt. 

Ich habe mich Hermès schon immer nahe gefühlt. Dieser präzise Geschmack, diese Authentizität und das stete Streben nach Exzellenz inspirieren mich. Es ist eine wunderbare kreative Herausforderung, Teil dieses Gesamtbilds zu sein. Ich hoffe, meine eigene Duftvision beitragen zu können, die von dem Anspruch des Hauses genährt wird. Dies ist eine große Verantwortung, da Parfums eine erste Eintrittspforte zum Hermès-Universum darstellen, die für alle zugänglich ist.

Zwei Jahre lang haben Sie an der Seite Ihres Vorgängers, Jean-Claude Ellena gearbeitet. Was haben Sie voneinander gelernt?

Jean-Claude Ellena ist eine Ikone, ein lebender Gott der Parfümerie. Ich hätte vor Ehrfurcht erstarren müssen und können. Erstaunlicherweise war ich nicht so beeindruckt. Da ich seit Langem mit seiner Parfümeurkunst vertraut bin und sie auswendig kenne, kam es mir vor, als würde ich auch ihn kennen, und zwar sehr gut, fast auf intime Weise. 

Wir haben an verschiedenen Themen gearbeitet, jeder in seinem persönlichen kreativen Universum. Der Austausch untereinander war sehr rege und reich. Er hat mir beigebracht, mir Zeit zu nehmen: die Zeit, zu riechen, die Zeit, Düfte zu vergessen, um mich ihnen danach wieder besser zuwenden zu können. Die Zeit, sie aus einem anderen Blickwinkel zu entdecken, eine andere Seite von ihnen kennenzulernen. 

Er hat mich ebenfalls in die Codes und Werte des Hauses eingeführt. Er hat einen Hermès-Stil geschaffen und eine Parfümerie eingeführt, die rein, natürlich und sehr elegant ist. Ich bin die andere, die vielleicht sinnlichere und physischere Facette von Hermès. Das Haus hat Parfümeure ausgewählt, die beide seinen Geist verkörpern, allerdings mit unterschiedlichen Empfindsamkeiten.

Gibt es Gerüche, die Sie besonders lieben und solche, die Sie niemals für ein Parfum verwenden würden?

Meine Vorlieben schwanken, und ich habe absolut keine Vorurteile gegenüber gewissen Stoffen oder Materien. Wenn ich eine Substanz für mich entdecke, möchte ich alles aus ihr herausholen – sie durchmischen, kneten, verarbeiten, damit herumexperimentieren. Ich will sie dahin führen, wo ich will, ihr schmeicheln. Ich will ihre Grenzen sprengen, sie bezwingen, sie zähmen. Ich arbeite mit wenigen Rohstoffen, denn ich bin überzeugt, dass das Wesentliche zwangsläufig einfach ist.

Im neuen Hermès-Duft "Galop" werden die vordergründigen Noten von Leder und Rose durch einen Hauch von Quitte und Safran ergänzt.
Im neuen Hermès-Duft "Galop" werden die vordergründigen Noten von Leder und Rose durch einen Hauch von Quitte und Safran ergänzt.
Foto: Hermès

Was macht Ihren persönlichen Stil aus?

Vielleicht gibt es in meinen Parfums etwas Fühlbares, Texturiertes, eine besondere Sensibilität gegenüber der Materie. Man sagt mir oft eine körperliche Parfümerie nach. Ich zitiere dafür Rodin: „Um meinen Figuren mehr Bedeutung zu verleihen, gebe ich ihnen mehr Leben, ich übertreibe sie und ich erhalte mehr Leben.“ Darin finde ich mich wieder, das trifft genau auf meine Parfums zu. Ich betone den Charakterzug, ich komprimiere die Materie. Meine Parfums sind niemals geradlinig.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein Parfum von Hermès aus und unterscheidet es von anderen?

Sie tragen eine Unterschrift, die aber allen Berufen des Hauses eigen ist. Ein Objekt von Hermès ist identifizierbar durch seinen Stil, das handwerkliche Können, auf dem das Haus gründet, und seine Qualität. Ein solches Objekt ist vor allem funktional, bequem und elegant. Im Bereich der Parfümerie berufen wir uns auf interne Kompetenzen. Wir bevorzugen authentische Kreationen mit einer klaren Ansage, weit weg von den Vorgaben des Marktes und den Klischees der Trends. Der Hermès-Stil ist geprägt von einer subtilen Eleganz, von Raffinesse, er ist präsent, ohne aufdringlich oder penetrant zu sein.

Zudem bietet uns Hermès die außerordentliche Freiheit, die Rohstoffe auszuwählen. Das ist ein absoluter Luxus, der mir ermöglicht, dorthin zu gehen, wo niemand sonst hingeht. Bei Hermès geben die Handwerker und Künstler den Ton an. In anderen Firmen entscheiden Marketing, Zielgruppen und Strategien. Unsere Projekte entstehen aus einem Prozess des Teilens heraus, was sehr spannend ist. Schließlich ist Hermès eine wahre Schatzgrube. Das Angebot ist reich, ein bodenloser Brunnen voller Geschichten, die jeden inspirieren.

Ihr neues Parfum heißt „Galop“. Wie ist es entstanden und was fasziniert Sie an dem Duftakkord „Rose-Leder“?

Ich sehe „Galop“ ein bisschen wie ein Manifest. Wichtig ist es vor allem, die Werte des Hauses hervorzuheben und in dem Parfum souverän auszudrücken. Die traditionellen Nuancen von Rose und Leder drücken eine gewisse Frechheit aus sowie die Liebe zum Detail. Ich habe mir ein Leder so geschmeidig wie Haut gewünscht. Der Rose wollte ich wiederum die Stärke von Leder verleihen.

„Galop“ ist im Gleichgewicht und dennoch in Bewegung. Keine Note dominiert die andere, sie wechseln sich ab: Das Leder verströmt seinen Duft, dann die Rose, dann wieder das Leder ... Das ist wie bei einer Brandung, einem Walzer, bei dem weder Leder noch Rose je die Überhand gewinnen. Von einem technischen Standpunkt aus gesehen ist dies ziemlich selten, da Parfums in der Regel geradliniger sind. Die Duftnoten tauchen nach und nach auf.

Ist es wichtig, gut zu riechen und sollte man ein Parfum tragen, um anderen oder sich selbst zu gefallen?

Man sollte vor allem seinem Instinkt vertrauen und die Trends ausblenden, die Bilder, die Musen, die keine treffende Aussage über das Wesentliche, nämlich den Duft machen. Außerdem scheint mir die Zeit eine wichtige Komponente zu sein. Die Zeit, die man sich nimmt, um ein Parfum zu tragen, zu leben, zu riechen. Ein Duft berührt uns, weil er Emotionen weckt, Erinnerungen, Lust, weil er etwas Persönliches und Gefühlvolles darstellt. Er bewirkt, dass wir uns verführerisch fühlen oder beschützt. Jeder findet darin die Antwort auf ein Bedürfnis.

Wie und weshalb hat sich die Welt der Parfümerie in den letzten Jahrzehnten gewandelt und wie sehen Sie diese Entwicklung?

Seit ich diesen wundervollen Beruf ausübe, hat sich die Parfümerie den Epochen angepasst. Diese Veränderungen sind sowohl sozial, ökonomisch als auch künstlerisch und technisch.

Sie sind wirtschaftlicher Natur, weil die großen Handelsketten die Parfümerie übernommen haben. Aus der rein bourgeoisen Parfümerie der 1970er-Jahre ist heute ein Massenartikel geworden. Beide Arten koexistieren nun mit all ihren Abstufungen.

Der Wandel ist soziologisch, weil die Parfümerie sich den unterschiedlichsten Geschmäckern anpasst. Es gibt eine komplexe, geheimnisvolle, exklusive Parfümerie auf der einen Seite und eine leicht verständliche, eindeutige, familiäre auf der anderen.

Künstlerisch dadurch, dass die Namen der Kreateure mehr im Vordergrund stehen.

Technologisch, weil neue Prozesse zum Extrahieren der Materien, neue Duftmoleküle sowie eine bessere Sachkenntnis auch die Art und Weise, wie wir Parfums verstehen, über den Haufen geworfen haben.

Wenn ich die Macht hätte, etwas zu ändern, würde ich die Verbrauchertests und -panels verbieten, die die Welt des Parfums eingeengt und standardisiert haben. Ich würde wieder ganz auf den kreativen Prozess und die Schöpfer vertrauen.


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