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Glänzend und gefährlich
Lifestyle 5 Min. 20.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Glänzend und gefährlich

Aluminium begleitet den Menschen durch den Alltag – in Form von Folien und Küchenutensilien, aber auch in 
Deodorants oder – von Natur aus oder durch Kontaktübertragung – in Lebensmitteln.

Glänzend und gefährlich

Aluminium begleitet den Menschen durch den Alltag – in Form von Folien und Küchenutensilien, aber auch in 
Deodorants oder – von Natur aus oder durch Kontaktübertragung – in Lebensmitteln.
Foto: Christophe Weymann
Lifestyle 5 Min. 20.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Glänzend und gefährlich

Aluminium ist mit einem Anteil von acht Prozent - nach Sauerstoff und Silizium - dritthäufigster Stoff der Erdkruste. Der Mensch nutzt ihn auf vielfältige Weise. Die gesundheitlichen Folgen für den Menschen sind dabei noch recht unerforscht.

von Christophe Weymann

Weil Aluminium in der Natur nur in Verbindung mit anderen Stoffen vorkommt, wurde das Material erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts „entdeckt“ und in Reinform hergestellt. Das Leichtmetall eignet sich ideal für Bauteile aller Art: stabil bei geringem Gewicht, gut formbar, Strom leitend und nicht rostend. Die Herstellung fällt dagegen, mindestens in puncto Umweltschutz, in die Kategorie „Heavy Metal“: Für jede Tonne reinen Aluminiums, das vor allem in den Tropen aus Bauxitgestein gewonnen wird, bleibt mindestens dieselbe Menge giftigen Rotschlamms zurück. Der Energieaufwand im Produktionsverfahren ist immens. Zwar wird dafür bei einem Recycling nur noch wenig Energie gebraucht, nur landet ein Teil des Materials einfach im Müll, bevor es dazu kommt.

Wie ein Außerirdischer

Ein gesunder Mensch kann etwa 99 Prozent des Aluminiums, das er über das Trinkwasser oder Lebensmittel aufnimmt, wieder ausscheiden. Den Rest braucht er allerdings nicht – ebenso wenig wie die Tiere oder Pflanzen, die ebenfalls davon betroffen sind. Der britische Wissenschaftler und Alu-Kritiker Christopher Exley hat den Stoff deshalb mit einem „Alien“, einem „Außerirdischen“ im Körper verglichen. Der verbleibende „bioverfügbare“ Bruchteil der aufgenommenen Gesamtmenge kann zum Problem werden, weil er vom Körper mit erwünschten Eisenteilchen verwechselt wird und so etwa in Knochen, Muskeln und sogar ins Gehirn gelangen kann.

„Wir wissen vor allem aus Tierversuchen, dass bei hohen Konzentrationen Schädigungen des Zentralen Nervensystems und auch des blutbildenden und knochenbildenden Systems vorhanden sind“, sagt der Lebensmittelchemiker Thorsten Stahl, Fachgebietsleiter im Hessischen Landeslabor Kassel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben deshalb eine „Tolerierbare Wöchentliche Aufnahme“ („Tolerable Weekly Intake“, TWI) von einem Milligramm Aluminium pro Kilo Körpergewicht pro Woche als Grenzwert festgelegt. Wer 70 Kilo wiegt, darf also pro Woche bis zu 70 Milligramm aufnehmen.

In der bis 2006 geltenden, vorhergehenden Empfehlung galten sogar sieben Milligramm pro Kilo Körpergewicht und Woche als unproblematisch. Dieser Grenzwert wurde reduziert, nachdem Tierversuche gezeigt hatten, dass schon geringere Mengen schädlich sein könnten. Studienergebnisse der letzten Jahre haben klar gemacht, dass die wöchentliche Höchstmenge unter Umständen schnell überschritten werden kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei die lange für unmöglich oder vernachlässigbar gering gehaltene Aufnahme von Aluminiumsalzen über die Haut durch Deodorants, denen sie beigemischt werden, um die Schweißkanäle zu verengen und zu blockieren.

So kam das staatliche deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2014 zu dem Schluss, dass die Aufnahmemengen von Aluminiumsalzen aus Antitranspirantien „um ein Vielfaches“ über dem TWI-Grenzwert liegen, wenn die Haut, etwa nach einer Rasur, Verletzungen aufweist: „Da Verbraucherinnen und Verbraucher bereits über Lebensmittel hohe Mengen Aluminium aufnehmen, ist davon auszugehen, dass alleine über diesen Eintragsweg die wöchentlich tolerierbare Aufnahmemenge bei einem Teil der Bevölkerung ausgeschöpft ist.“ Würden zusätzlich langfristig aluminiumhaltige Kosmetika angewendet, „könnte der TWI dauerhaft überschritten werden und sich Aluminium im Körper anreichern“, stellte das BfR fest.

Alu allüberall

Einzelne Forscher wie Exley glauben, dass solche Ablagerungen des Leichtmetalls im Körper auch Alzheimer-Demenz und Brustkrebs auslösen können. Einen klaren Nachweis dafür konnten die wenigen dazu vorliegenden Studien aber bisher nicht liefern. Unstrittig ist dagegen, dass die Belastung des Körpers mit Aluminium möglichst gering sein sollte.

Entkommen kann man dem Stoff nicht, da er in Lebensmittelzusätzen, Kuchenüberzügen, Medikamenten, Zahnpastas und vielen anderen Produkten verwendet wird. Aluminiumspuren finden sich im Trinkwasser, dem zur Reinigung teilweise zusätzlich Aluminiumsulfat beigemischt wird, um damit Schadstoffe ausflocken und abfiltern zu können. Außerdem kommt das Leichtmetall von Natur aus in vielen Lebensmitteln vor. In Tee, Gewürzen oder Schokolade steckt sogar besonders viel Aluminium. So stellte ein Wissenschaftlerteam um Chemiker Thorsten Stahl 2011 fest, dass ein Kind mit einem Körpergewicht von 30 Kilogramm im Extremfall schon bei einem wöchentlichen Konsum von 200 Gramm Schokolade seinen TWI-Grenzwert von 30 Milligramm pro Woche erreichen würde. Schuld daran ist eine natürliche Anreicherung in der Kakaopflanze und nicht etwa die dünne Alufolie der Verpackung.

Häufig aber kommt es durch den Kontakt des Materials mit Lebensmitteln zu einer ungesund hohen Konzentration in den Speisen. Für den Übergang aus Metallen und Legierungen in Lebensmittel hat der Europarat 2013 ein Spezifisches Freisetzungs-Limit (SRL) festgelegt. Danach gelten fünf Milligramm Aluminium pro Kilogramm Lebensmittel als tolerabel – in der Praxis wird dieser Wert aber immer wieder überschritten. Das zeigen etwa die im Mai 2017 veröffentlichten Ergebnisse einer BfR-Untersuchung typischer Verpflegung für Gemeinschaftseinrichtungen, die in unbeschichteten Aluschalen gekocht, abgekühlt und später wieder aufgewärmt und warm gehalten wird („Cook and Chill“-Verfahren). Bei der zweistündigen Warmhaltephase ergaben sich bei den Prüflebensmitteln – Apfelmus, Sauerkrautsaft und passierte Tomaten – Übergänge von Aluminiumionen, die mehrfach über dem SRL lagen.

Speisen, leicht metallisch

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte das Team um Thorsten Stahl bei der Untersuchung von Alu-Campinggeschirr und Grillpfannen. Besonders bei der Zubereitung salziger oder saurer Speisen wie Fleisch in Marinade oder einem Fischbratling in Öl fanden sich hohe Konzentrationen von Aluminium. Bei der Untersuchung von Alu-Trinkflaschen, in denen die Forscher einen Tag lang säurehaltige Getränke (Tee und Apfelschorle) stehen ließen, stellte sich heraus, dass relativ viel des reaktionsfreudigen Metalls in die Flüssigkeit wanderte. Hochgerechnet auf sieben Tage mit je einem halben Liter Beuteltee in einer beschichteten Flasche, zeigte sich, dass dadurch schon ein Drittel des TWI-Wochenlimits eines Kindes mit 15 Kilogramm Körpergewicht verbraucht war. In einer unbeschichteten Trinkflasche würde allein damit das Anderthalbfache des TWI erreicht.

Dagegen stellten die Experten fest, dass ausgerechnet einfache, typisch italienische Espressokannen nach einigen Benutzungen eine schützende Schicht bilden, die den Übertritt von Aluminiumionen ins Kaffeewasser fast vollständig verhindert. Insgesamt weiß man, angesichts der vielfältigen Verwendung des Materials, immer noch zu wenig über seine Auswirkungen. Thorsten Stahl hält es deshalb für dringend nötig, dass eine bessere Datenlage geschaffen wird, indem Toxikologen die Wirkmechanismen anhand einer Frage genauer untersuchen: „Was macht das Aluminium tatsächlich im menschlichen Körper?“


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