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„Frauen werden strenger beurteilt als Männer“
Lifestyle 6 Min. 21.10.2018 Aus unserem online-Archiv

„Frauen werden strenger beurteilt als Männer“

Chantal Thomass mag es nicht, Trends zu folgen. Sie setzt lieber auf Originalität.

„Frauen werden strenger beurteilt als Männer“

Chantal Thomass mag es nicht, Trends zu folgen. Sie setzt lieber auf Originalität.
Foto: Chris Karaba
Lifestyle 6 Min. 21.10.2018 Aus unserem online-Archiv

„Frauen werden strenger beurteilt als Männer“

Manon KRAMP
Manon KRAMP
Modedesignerin Chantal Thomass über Karriere, Verführungskunst und weibliches Selbstbewusstsein

Seit ihren ersten Schritten in der Modebranche 1967 hat die Modedesignerin Chantal Thomass es vermocht, sich inmitten einer Riege männlicher Kollegen durchzusetzen und ihren Kreationen einen eigen(sinnig)en Stempel aufzudrücken. Sie hat Kleidung entworfen, Einrichtungsartikel, Parfums und sogar ein Spektakel für das Pariser Revuetheater „Crazy Horse“ konzipiert. Sie hat es gewagt, mit Stereotypen zu brechen und für ihre glamouröse Unterwäsche wird die 71-Jährige auch heute noch als Grande Dame der Edel-Lingerie gefeiert. Ihre Kreationen sind geprägt von starken Codes, genau wie ihr persönlicher Look, der ihr Markenzeichen ist. Das „Luxemburger Wort“ traf die Modeschöpferin während ihres Besuchs in Luxemburg.

Chantal Thomass, Sie wurden zu einem Gesprächsabend eingeladen, dessen Thema „Die Geschichte einer Geschäftsfrau mit atypischem Hintergrund“ ist. Was ist an Ihrer Karriere denn so untypisch?

Nun, ich habe bei Null angefangen. Dennoch habe ich es fertig gebracht aufzufallen, obschon ich Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre bloß ein paar Kleider gemacht hatte. In einer anderen Epoche wäre dies nicht möglich gewesen. Ich gehörte einer Gruppe junger Kreativer an – zusammen mit Thierry Mugler, Claude Montana, Jean-Charles de Castelbajac ... Wir haben alle zusammen angefangen und es gab keine Konkurrenz zwischen uns. Das war wie eine neue Bewegung. Ich habe die Chance gehabt, meine Karriere in einer Periode zu beginnen, in der es einfacher war, etwas Neues für junge Menschen zu schaffen, da es in dem Bereich nicht viel gab.


Pamela Reif schlüpfte für die Werbeaufnahmen natürlich in die von ihr entworfene Kollektion.
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Pamela Reif gilt als eine der erfolgreichsten Influencerinnen Europas. Die 21-jährige Deutsche hat sich jüngst mit dem Wäschespezialisten Hunkemöller zusammengetan und eine eigene Kollektion lanciert.

Mit Ihren Kreationen haben Sie manche Grenze überschritten und sind oft angeeckt. Wäre es heute leichter, sich durchzusetzen?

Nein, ich glaube nicht, dass es heute einfacher wäre. Damals hatte ich sehr viel Glück, weil die Presse hinter mir stand. Ich habe zehn Kleider entworfen und schon haben sie mir ganze Seiten in den großen Modemagazinen gewidmet. Dabei war meine Produktion winzig und nicht wirklich für jedermann gedacht. Heute sind die Frauenmagazine nicht mehr so stark, wie sie es in den Siebziger- und Achtzigerjahren war. Doch nun haben die jungen Kreateure das Internet und die sozialen Netzwerke, um auf sich aufmerksam zu machen.

Chantal Thomass mag es, die Dinge anders anzupacken als andere Leute.
Chantal Thomass mag es, die Dinge anders anzupacken als andere Leute.
Foto: Chris Karaba

Müssen Frauen noch talentierter, erfahrener und hartnäckiger sein als Männer, um ihre Ideen durchzusetzen und erfolgreich zu sein?

Wir werden strenger beurteilt als Männer. Ich habe dies mehrmals in meiner Karriere erfahren müssen. Ja, es ist schwerer. Noch immer sind es die Frauen, die sich mehr um die Kinder und den Haushalt kümmern als die Männer. Ich hatte das Glück, dass sich auch meine Mutter um meine Kinder kümmerte. Wenn ich die jungen Frauen betrachte, die mit mir arbeiten und auch Kinder haben … das bleibt kompliziert. Ich fand außerdem, dass besonders Frauen meine Arbeit mehr kritisierten als die meiner männlichen Kollegen.

Weil Sie als Frau so kühn waren?

Ja, ich war ihnen zu gewagt.

Ein Mann, der viel wagt, ist mutig und eine Frau, die dasselbe tut, jedoch skandalös?

So in etwa ist es. Ich habe zum Beispiel schon vor Jean Paul Gaultier Korsagen und Mieder gemacht. Das hat etliche feministische Journalistinnen schockiert. Als Jean Paul Gaultier solche Modelle entworfen hat, fanden sie es genial. (lacht)

Wie entstand der typische „Chantal Thomass“-Stil, der ja auch ihr Markenzeichen ist?

Ich habe mich nicht immer nur schwarz gekleidet und Hosenanzüge getragen, sondern nach und nach zu meinem Stil gefunden. Als ich jung war, trug ich Miniröcke und bunte Sachen. Ich mochte es, zu provozieren, aber mit der Zeit hat sich mein Stil verfeinert. Die meisten Leute aus der Modebranche sehen auf Dauer irgendwie gleich aus. Sonia Rykiel mit ihren roten Haaren hat sich immer gleich gekleidet, Karl Lagerfeld auch, Jean Paul Gaultier sieht man stets mit seinen gestreiften Shirts ... Die Modelle, die man entwirft, kann man ja nicht selbst tragen, weil sie Teil der neuen Kollektionen sind und erst ein Jahr später auf den Markt kommen. Ich glaube, man schafft sich als Designer deshalb eine Art Uniform, die aus Kleidungsstücken besteht, die man mag und in denen man sich wohl fühlt.

Dank der Großzügigkeit der mehr als 200 Gäste, die der Konferenz "Great Talks" zwischen Chantal Thomass (r.) und Anne Claire Coudray beiwohnten, konnte die Vereinigung "Women in Business" 20.500 Euro an die Wohltätigkeitsorganisation "Toutes à l'École Luxembourg" spenden.
Dank der Großzügigkeit der mehr als 200 Gäste, die der Konferenz "Great Talks" zwischen Chantal Thomass (r.) und Anne Claire Coudray beiwohnten, konnte die Vereinigung "Women in Business" 20.500 Euro an die Wohltätigkeitsorganisation "Toutes à l'École Luxembourg" spenden.
Foto: Women in Business

Nach dem Motto „Schwarz passt immer“?

Ich habe erst nach der Geburt meiner Kinder angefangen, Schwarz zu tragen. Ich hatte als Mutter nicht mehr die Zeit, meine Kleidung morgens farblich abzustimmen und so bin ich langsam auf Schwarz umgestiegen. Das „kleine Schwarze“ gab es schon lange, aber meine schwarzen Strumpfhosen aus Spitze haben 1980 einen wahren Hype ausgelöst, weil es so etwas noch gar nicht gab. Da sie aus Calais-Spitze gefertigt waren, kosteten sie das Zehnfache einer normalen Strumpfhose. Danach machte ich auch glänzende Collants. Dann kamen die japanischen Designer – Yamamoto, Comme des Garçons –, die nur schwarze Sachen kreierten. Dies hat die Mode insoweit beeinflusst, dass die Farbe Schwarz, die bislang vor allem der Abendgarderobe vorbehalten war, auch tagsüber tragbar wurde.

Auch bei Ihren Dessous gibt es viel Schwarz. Die Modelle sind ein wenig frech und sexy, bleiben aber immer glamourös. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Verführung und Vulgarität?

Es gibt in meinen Unterwäschekollektionen immer ein kleines Augenzwinkern. Zuerst liegt der Unterschied in der Art und Weise, wie man Unterwäsche trägt und wie man sie vorführt. Das ist eine delikate Angelegenheit, und man muss das richtige Modell und den richtigen Fotografen wählen. Lingerie muss zudem Klasse haben und zugleich fantasievoll, verspielt und „fun“ sein, damit sie nicht vulgär erscheint.

Chantal Thomass mach ihre glamouröse Unterwäsche vor allem, damit Frauen sich in ihrer Haut wohl fühlen.
Chantal Thomass mach ihre glamouröse Unterwäsche vor allem, damit Frauen sich in ihrer Haut wohl fühlen.
Foto: PR

Seit den 1960er-Jahren hat sich das ideale Frauenbild konstant gewandelt. Wie haben Sie das erlebt?

Die Morphologien verändern sich, weil die Mode es tut. Auch die Lingerie unterliegt solchen Trends. Als ich jung war, hieß die Idealfrau Brigitte Bardot. Ich mochte ihren Stil aber nicht, und fing sogar an, mich anders zu schminken als sie. Die Frauen waren damals alle blond und trugen rosa Lippenstift, sodass ich knallroten wählte. Auf BB folgte die androgyne Jane Birkin. Es gab dann in den Siebzigerjahren eine Phase ohne Büstenhalter. Ich habe auch keinen getragen bevor ich 25 war und fing erst damit an, als ich selber welche machte, weil ich sie hübsch fand. Danach brach die Ära des Wonderbra an, die sehr amerikanisch inspiriert war. Die USA sind dabei stehen geblieben und jetzt sind dort sogar Po-Vergrößerungen in. (lacht)

Der typische Chantal-Thomass-Look: pechschwarzes Haar, knallrote Lippen und ein perfekter Pony.
Der typische Chantal-Thomass-Look: pechschwarzes Haar, knallrote Lippen und ein perfekter Pony.
Foto: Chris Karaba

Reagieren Sie auf solche Trends?

Nein, ich bleibe bei meiner Ästhetik. Natürlich versuche ich, Unterwäsche zu kreieren, die alle Typen von Frauenkörpern zur Geltung bringt. In meinen Kollektionen gibt es deshalb alle möglichen BH-Formen – auch solche ohne Armaturen. Davon hat man mir jahrelang abgeraten, aber Mode hat etwas Zyklisches: Zurzeit sind kleine Brüste wieder in Mode und die Nachfrage nach solchen Modellen steigt.

Feminismus und sexy Unterwäsche – wie passt das zusammen?

Ich sehe mich als Feministin und ich finde, dass ich stets Unterwäsche entworfen habe, damit Frauen sich eine Freude machen können und nicht nur, um jemandem zu gefallen. Es geht also gar nicht so sehr um das Verführen des anderen, sondern darum, sich wohlzufühlen, denn das schafft Selbstvertrauen.


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Sie provozieren aber schon gerne …

Ja, aber das ist eine Sache der Originalität. Ich mag es, Codes aufzubrechen. Dafür mache ich spektakuläre Lingerie, die eher für Schauen oder Fotos gedacht ist, und solche, die leicht im Alltag zu tragen ist.

Und was inspiriert Sie?

Etwas, das ich reizvoll finde, das mich neugierig macht. Das kann ein Buch, eine Ausstellung oder ein Film sein. Mittlerweile entwerfe ich auch Deko-Artikel, Keramikvasen, Brillenmodelle oder – wie zurzeit – Möbel aus Beton. Ich habe eine Stofftüte für eine Teemarke designt, deren Verkauf der Brustkrebsstiftung zugute kommt. Die Mode wird zu sehr von Marketingkriterien bestimmt. Das macht heute weniger Spaß.


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