Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Formvollendetes Papier
Bei der Konstruktion dreidimensionaler Tiertrophäen aus Papier, die sich aus dem klassischen Origami 
entwickelt hat, ist das Verwenden von Schere und Kleber ausnahmsweise erlaubt.

Formvollendetes Papier

Foto: Shutterstock
Bei der Konstruktion dreidimensionaler Tiertrophäen aus Papier, die sich aus dem klassischen Origami 
entwickelt hat, ist das Verwenden von Schere und Kleber ausnahmsweise erlaubt.
Lifestyle 4 Min. 06.04.2019

Formvollendetes Papier

Das Falten von Papier ist nur etwas für Kinder? Von wegen. Wahre Origami-Fans treffen sich auf internationalen Conventions. Und einige Kreative verdienen mit dieser Kunst sogar ihren Lebensunterhalt.

von Kerstin Smirr

Alles beginnt mit einem quadratischen Stück Papier. Geschickt gefaltet wird daraus ein wendiger Papierflieger, eine witzige Tierfigur zum Spielen oder ein kleines Boot für die Badewanne. Origami, die Kunst des Papierfaltens, ist Jahrhunderte alt – und fasziniert bis heute Menschen jeden Alters. In manchen Ländern organisieren sich Hobbybastler in Vereinigungen und treffen sich bei regionalen oder gar internationalen Workshoptagen. Künstler präsentieren ihre gefalteten Skulpturen in Ausstellungen. Und Wissenschaftler nutzen das Prinzip der Faltung, um es auf andere Einsatzbereiche, beispielsweise den Auto-Airbag, zu übertragen. Software macht es heute möglich, immer komplexere und detailreichere Figuren zu erstellen.

Die wichtigste Regel im klassischen Origami lautet: Verwendet wird lediglich ein quadratisches Stück Papier. Weder Schere noch Klebstoff kommen zum Einsatz. Bestimmte Formen, beispielsweise der sogenannte Drache oder die Windmühle, bieten die Grundlage, aus denen sich viele verschiedene Figuren falten lassen. Zu den bekanntesten traditionellen Objekten gehören etwa der japanische Kranich, der „Orizuru“, und der spanische Vogel „Pajarita“. Inzwischen gibt es unzählige Figuren, die sich falten lassen – und zwar nicht nur Tiere. Auch Wohndekoration wie Vasen und Teelichter entstehen aus Papier. Beliebt sind zudem Weihnachtssterne und Schachteln, bei denen schon allein die Verpackung zum 

Zum Nachmachen: ein Orimoto-Projekt aus dem Bastelbuch des 
Saarländers Dominik Meißner.
Zum Nachmachen: ein Orimoto-Projekt aus dem Bastelbuch des 
Saarländers Dominik Meißner.
Foto: frechverlag

Dominik Meißner, der im saarländischen Merzig wohnt, gehört zum überschaubaren Kreis von Kreativen, die sich beruflich der Kunst des Faltens widmen. „Origami habe ich mit zehn Jahren entdeckt, als ich ein Buch von meinem Vater bekam. Seitdem bin ich drangeblieben“, erzählt er. „Ich habe immer Papier bei mir. Origami beruhigt.“ Seit langem faltet er nicht mehr die Ideen anderer nach, sondern entwickelt seine eigenen Figuren. Seine Anleitungen sind bereits in einigen Büchern erschienen. Zudem kreiert er Objekte für Firmen, die diese beispielsweise für Werbezwecke nutzen. Eine Zeit lang konzentrierte sich Dominik Meißner auf Geldscheinfaltungen, 350 Objekte ließ er sich einfallen. „Irgendwann fehlten mir aber die Ideen“, sagt er. Eine neue Herausforderung musste her. Aktuell gehört „Orimoto“ zu seinem Steckenpferd. Den Begriff schuf Dominik Meißner aus der Zusammensetzung von „ori“, japanisch für „falten“, und „moto“, was „Buch“ bedeutet. Dabei werden Buchseiten so mit Eselsohren versehen, dass ein dreidimensionales Relief entsteht, beispielsweise ein Schriftzug.


Corinne Karnstadt Scherenschnitt
Als die Abende lang waren
Einst als kreativer Zeitvertreib entstanden, erlebt der Scherenschnitt im schweizerischen Pays-d'Enhaut ein Comeback.

Origami entwickelt sich weiter

Dieses Beispiel zeigt, dass Origami eben nicht nur das Falten von quadratischen Papierstücken ist, sondern die Basis, aus der heraus sich inzwischen eine Vielzahl von Spielarten gebildet hat. Beim Kirigami etwa wird zur Schere gegriffen, Schnitte bieten neue Möglichkeiten der Kreativität. Das Falten von nassem Papier bezeichnet man als „Wetfolding“. Bei dieser Technik wird das Material befeuchtet, um es anschließend in Kurven zu legen. Eine Figur, die aussieht, als sei sie modelliert, entsteht. „Modulares Origami“ beruht auf dem Zusammenfügen mehrerer gefalteter Elemente zu einem Objekt und wird beispielsweise bei dreidimensionalen Sternen und Blüten angewandt.

Kreativunternehmen, die stylische 3D-Tiertrophäen aus Papier anbieten, haben sich von dieser Technik leiten lassen. Unter dem Namen „Papershape“ vertreibt etwa die Nürnbergerin Anastasia Baron diese Art der Wanddekoration. Bei einigen Modellen schneidet der Käufer die vorgedruckten Papierteile selbst aus, faltet und klebt sie zusammen. Bei anderen werden bereits vorgestanzte Teile nach der Faltung nur noch zusammengesteckt. „Ich habe vor einigen Jahren für meinen DIY-Blog viel mit Papier gearbeitet und dort einen Panther in dieser Optik vorgestellt. Er kam überproportional gut an. Das war der Startschuss zur Gründung meines Unternehmens“, sagt Anastasia Baron. Ihre Tierköpfe bezeichnet sie als „moderne Inspiration“ des Origami.

Mit YouTube zum Kunstwerk

Die Ursprünge des Papierfaltens liegen bis heute im Dunkeln. Als wahrscheinlich gilt, dass diese Technik in Japan bereits in der Muromachi-Ära (1336-1573) zur Anwendung kam. Die Objekte wurden zunächst als Geschenkverpackungen genutzt und fungierten als Glücksbringer. Erst später gewann Origami eine Bedeutung als kreativer Zeitvertreib.

Dominik Meißner: „Kirimoto & Orimoto“, Frech Verlag, 144 Seiten, ISBN: 978-3772478093, € 19,99
Dominik Meißner: „Kirimoto & Orimoto“, Frech Verlag, 144 Seiten, ISBN: 978-3772478093, € 19,99
Foto. frechverlag

In Europa ist die Papierfaltung wahrscheinlich unabhängig von der japanischen Origami-Kultur entstanden, was sich daran erkennen lässt, dass die Techniken sich grundlegend unterscheiden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem Austausch zwischen japanischer und westlicher Tradition. Nicht zuletzt ist dies dem deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel zu verdanken, der den Kindergarten begründete und das Papierfalten einsetzte, um das geometrische Verständnis der Kleinen zu schulen. Sein Kindergartenkonzept breitete sich auch in Japan aus.

Als Vater des modernen Origami gilt der Japaner Akira Yoshizawa, der 2005 im Alter von 94 Jahren verstarb und zu Lebzeiten Tausende Objekte geschaffen hatte. Seinen Kreationen verlieh er mithilfe ausgeprägter Details eine besondere Lebendigkeit und inspirierte mit seinen Werken viele andere Künstler. Zudem entwickelte er ein System, um Faltanleitungen in Bildern verständlich darzustellen. Dieses wird bis heute verwendet. Dank der Videotechnik ist es heutzutage aber um ein Vielfaches einfacher, die einzelnen Schritte nachzuvollziehen. Wer spontan ein kleines Kunstwerk falten möchte, braucht sich nur auf YouTube nach einem passenden Tutorial umzuschauen. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Handarbeit statt Hochdruck
Der Frühling ist da - die beste Zeit, seinen Drahtesel fit für die Fahrradsaison zu machen. Am besten beginnt man mit einer gründlichen Wäsche.
ARCHIV - Wiederholung vom 18.3.19 - Zum Themendienst-Bericht «Handarbeit statt Hochdruck: Das Fahrrad fit für den Frühling machen» vom 2. April 2019: Putzen und pflegen: Die Fahrradkette freut sich über ein paar wohl dosierte Tropfen Schmiermittel. Foto: Christoph Walter/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++
Wenn Träume zu Stoff werden
Die Oscar-Roben, die in Handarbeit gefertig werden, begeistern Millionen. Die Traditionshäuser Louis Vuitton und Dior gewährten während der Vorbereitungen Einblick hinter die Kulissen.