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Fiat Abarth 595: Mariokart in echt

Fiat Abarth 595: Mariokart in echt

Fiat Abarth 595: Mariokart in echt

Fiat Abarth 595: Mariokart in echt


von Pierre SCHOLTES/ 14.07.2020

Der Fiat Abarth 595 Competitzione ist ein herrlich unvernünftiges Auto. Und erinnert dabei an die Hoch-Zeit der Kompaktsportler. Allerdings nicht ohne Abstriche.

Zum Glück kann der erste Eindruck täuschen. Denn fast wäre man gewillt, sofort wieder auszusteigen, so lieblos ist das Interieur des Fiat Abarth 595 Competizione gestaltet. Hartplastik so weit das Auge reicht: Vom Armaturenbrett über die Türverkleidung bis hin zur Mittelkonsole. Dazu der schleichende Verdacht, dass man es hier eher mit der halbherzigen Umsetzung eines Performance-Modells zu tun hat, als mit einem eigenständigen Produkt. Das Alcantara-Häubchen über dem Tacho und das gepolsterte Lenkrad lassen Böses erahnen. Das sich mitdrehende Einschaltsymbol des Infotainment-Systems hat fast schon Komik. 

Der erste Eindruck kann täuschen. So knuffig er von außen aussieht, so sportlich ist der Fiat Abarth 595 unter dem Blech.
Der erste Eindruck kann täuschen. So knuffig er von außen aussieht, so sportlich ist der Fiat Abarth 595 unter dem Blech.
Foto: Pierre Matgé

Schnell erinnert man sich an jene Tage, als Fiat seine Tuning-Schmiede Abarth Mitte der 2000er-Jahre wieder aufleben lassen wollte. Wer damals einen Abarth kaufte, dem bestellte der Händler einen Punto von der Stange und eine Kiste von Abarth – samt Emblem und Endtopf. Ein Abarth lieft demnach nicht vom Band, er wurde beim Händler zusammengebaut – ein Kit-Car.

Vier Rohre für ein Halleluja

Fiat und Händler versichern jedoch, dass diese Zeiten längst vorbei sind. Mittlerweile hat Abarth ein eigenes Entwicklungszentrum in Turin und auch die Autos verlassen bereits als Abarths die Fabrik. So auch der 595 Competizione. Und spätestens beim Drehen des Zündschlüssels – ja Sie haben richtig gelesen, der Wagen aus Turin ist auch hier eher spartanisch – weicht die anfängliche Skepsis einem leichten Schmunzeln. Der kleine 1,4-Liter-Turbo-Benziner räuspert sich, als käme er aus Modena. 

 

 

Gleichzeitig verlässt er beim Starten als digitaler Avatar seine Renngarage auf dem 7-Zoll-Infotainment-Display. Eine Spielerei, die schon einmal die Stoßrichtung vorgibt für das, was da noch kommen soll. An dieser Stelle noch ein Rat an potenzielle Kaufinteressenten: Sollten Sie Wert auf gute Nachbarschaft legen, drücken Sie den Sport-Button erst bei der Ausfahrt aus ihrem Wohngebiet! Denn neben direkterer Gasannahme und erhöhtem Ladedruck regelt der Knopf auch die Klappensteuerung der Monza-Record-Abgasanlage. Und der Unterschied ist merklich.

In der Kurve daheim

Eins vorweg: Das Standard-Setting des 595 wird weder dem Wagen selbst, noch der anvisierten Käuferschicht gerecht. Die indirekte Gasannahme und der heruntergeregelte Ladedruck rauben dem Auto jenen Charakter, der es eigentlich begehrlich macht. Was bleibt, ist dann ein Turboloch groß wie ein belegter neapolitanischer Teigfladen. Darum drückt man die Sport-Taste. Und fährt plötzlich ein komplett anderes Auto. Sofort hängt der Abarth direkter am Gas, wie ein bewegungshungriger Terrier beim Gassi gehen. 

Die geschmackliche Verirrung, dass dabei das digitale Rundinstrument plötzlich von einer rot-weißen Zielfahne gerahmt ist, mag man den Italienern verzeihen. Spätestens dann, wenn die Endtöpfe den Fahrer bei rund 3000 Umdrehungen mit einem sonoren Gurgeln belohnen. Seine Wurzeln als Stadtflitzer trägt der Abarth 595 Competizione nur noch äußerlich. Sein Zuhause ist die Landstraße – je kurviger, desto besser.

Leistungsgewicht schlägt PS

Dort ist die anfängliche Skepsis nun vollends verflogen. Die adaptiven Koni-Dämpfer regeln satt und kontrolliert, ohne dabei unnötige Härte zu zeigen. Der Tritt aufs Bremspedal ist eine Offenbarung. So spät hat man, dank der Brembo-Vier-Kolben-Anlage, schon lange nicht mehr in die Eisen getreten. Dennoch bleibt die Verzögerung stets berechenbar. Vor der Kurve herunterschalten und den Scheitelpunkt anvisieren. Dann im dritten Gang durchziehen bis 6000 Umdrehungen. 

Der Abarth entfaltet seine 180 Pferdestärken dabei sehr linear. Trotzdem hat man nie das Gefühl, es fehle an Leistung. Der Grund heißt Leistungsgewicht: Nur 5,8 Kilogramm muss jedes PS bewegen, dies bei einem offiziellen Leergewicht von 1080 Kilogramm. Zum Vergleich: Der VW Polo GTI muss pro Pferdestärke fast ein Kilo mehr schleppen (6,78kg/PS); der Ford Fiesta ST immer noch 6,31 Kilogramm pro Pferdestärke.

Ein Ritt in die 1980er

Beim Gewicht liegt gleichzeitig das Geheimnis und die Nische des Abarth 595 Competizione. Durch sein niedriges Leergewicht gepaart mit dem kurzen Radstand kann er für sich ein Marktsegment beanspruchen, das man eigentlich für ausgestorben gehalten hatte. 

Jenes der leichten, frontgetriebenen Kompaktsportler. Eine Klasse, die in den 1980er-Jahren ihren Höhenflug hatte, mit Wagen wie dem Golf I GTI, dem Renault R5 turbo oder dem Peugeot 205 GTI. Autos, die durch ihre Kombination aus geringem Gewicht und aufgeladenen Otto-Motoren klassischen Sportwagen Konkurrenz machten. Und heute zu begehrten Klassikern geworden sind. So schafft es Fiat mit einer Kombination aus Unvernunft und technischer Finesse, ein Fahrgefühl zu vermitteln, das heutzutage selten geworden ist.

26.871 Euro mögen viel Geld sein, für ein Auto, dessen Rückenlehnen sich nur bei geöffneter Tür verstellen lassen. Ob es, wie beim Testwagen, zudem wirklich nötig ist, den Wagen mit einem Stoffverdeck zum Cabriolet zu machen – samt aufgeklebtem Plastikspoiler über der Heckscheibe – mag jeder für sich beurteilen. 


Test VW Multivan - Foto: Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Das Multitool von VW
Er bleibt das Schweizer Taschenmesser unter den Familientransportern: der Multivan 6.1. Seine Stärken liegen aber woanders, als bei Beschleunigung und Maximaltempo.

Doch schaut man sich die Konkurrenz an, beschleicht einen das unvernünftige Gefühl, einen Abarth 595 Competizione zu kaufen, könnte eine vernünftige Entscheidung sein. Wohl kostet der VW Polo GTI in der Basisausstattung rund 1000 Euro weniger. Doch sowohl Klimaanlage als auch Sportfahrwerk sind aufpreispflichtig. Klappenauspuff und Vier-Kolben-Bremsenanlage werden nicht einmal angeboten. Beim Abarth 595 Competizione gehören sie zur Grundausstattung. Genau so wie LED-Tagfahrlicht und Sabelt-Schalensitze.

Es gibt schnellere, es gibt günstigere und es gibt prestigeträchtigere Autos. Doch es gibt wenige Autos, die einem ein solch kindliches Grinsen auf das Gesicht zaubern, wie der Fiat Abarth 595 Competizione. Schon nach kurzer Zeit, erwischt man sich dabei, wie man nach kurvigeren Strecken für die Heimfahrt Ausschau hält. 

Natürlich ist der Innenraum eine Frechheit. Ebenso der angegebene Durchschnittsverbrauch von sechs Litern – im Test verbrauchte der Wagen deutlich über elf Liter. Aber wer auf der Suche nach einem echten Drivers-Car ist - einem Auto, das einem Freude beim Fahren bereitet, ohne dabei mit seiner Leistung einzuschüchtern – der sollte den Abarth 595 Competizione gefahren sein.



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