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Fairtrade-Anbau in Vietnam: „Die Welt vor schlechtem Kaffee bewahren“
In den Kaffeegärten der Kooperative Eakiet wird sich sorgsam um die Gesundheit der Pflanzen gekümmert.

Fairtrade-Anbau in Vietnam: „Die Welt vor schlechtem Kaffee bewahren“

Foto: Jean-Louis Zeien
In den Kaffeegärten der Kooperative Eakiet wird sich sorgsam um die Gesundheit der Pflanzen gekümmert.
Lifestyle 6 Min. 25.05.2017

Fairtrade-Anbau in Vietnam: „Die Welt vor schlechtem Kaffee bewahren“

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Wenn man an ein typisches Heißgetränk aus Vietnam denkt, kommt einem wohl eher Tee als Kaffee in den Sinn. Doch hat der Kaffeeanbau eine große wirtschaftliche Bedeutung für das Land, in dem sich auch Fairtrade engagiert. Um sich ein eigenes Bild von den Plantagen vor Ort zu machen, reiste Jean-Louis Zeien, Präsident von „Fairtrade Lëtzebuerg“ zu einigen Kooperativen, die zu den Pionieren des fairen Handels gehören.

Interview: Nicole Werkmeister

Herr Zeien, welchen Stellenwert hat Kaffee in Vietnam?

Einen sehr hohen. Kaffee ist heute eines der wichtigsten Erzeugnisse Vietnams. Was für den französischen Wein die Bordeaux-Gegend ist, ist für den Kaffeeanbau die Provinz Dak Lak im Hochland, die ich besucht habe.

Hat der Anbau dort Tradition – oder handelt es sich eher um eine kurzfristige Entwicklung?

Den Kaffeeanbau gibt es in der Provinz Dak Lak schon seit über 100 Jahren. Der Jesuitenorden hat dort in französischer Kolonialzeit nicht nur missioniert, sondern auch die Kaffeebohne im Hochland von Zentralvietnam heimisch gemacht. Der Kaffeestrauch gedeiht dort unter optimalen Bedingungen bei Durchschnittstemperaturen von 26 Grad auf fruchtbarem Vulkanboden.

Wie kommt es, dass Vietnam als Herkunftsland von Kaffee so wenig bekannt ist?

Lange Zeit hatte der vietnamesische Kaffee nicht den besten Ruf und sein Vormarsch auf dem Weltmarkt wurde zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt mit der Hilfe von Krediten der Weltbank initiiert, als der Kaffeepreis infolge des Zusammenbruchs des internationalen Kaffeeabkommens Ende der 80er-Jahre am Boden lag. Heute steht der vietnamesische Kaffee nach Brasilien weltweit an zweiter Stelle der Produzentenländer. 95 Prozent der Kaffeeproduktion der stark koffeinhaltigen Robusta-Sorte wird weltweit exportiert. Tendenz steigend. Allein 2015 wurde der mengenmäßige Umsatz um 20 Prozent erhöht.

Jean-Louis Zeien (r.) engagiert sich in Luxemburg für Fairtrade-Kaffee.
Jean-Louis Zeien (r.) engagiert sich in Luxemburg für Fairtrade-Kaffee.
Foto: Guy Jallay

Also geht es in erster Linie noch immer um Masse?

Das hat sich mittlerweile geändert. Qualitätsverbesserung ist Trumpf geworden. An der Wand des Kaffee-Exporteurs „Dakman Company“ in der vietnamesischen Hauptstadt des Kaffees Buôn Ma Thuôt ist genau das zu lesen, worum es den Kaffeebauern derzeit geht: „ Saving the world from mediocre coffee“ – also die Welt vor schlechtem Kaffee bewahren. Hier haben sich viele Kleinbauern der Provinz in Kooperativen zusammengeschlossen, um ihren Kaffee auf ein bis zwei Hektar in Kaffeegärten anzupflanzen. So gibt es dort keine staatlichen Kaffeeplantagen mehr, wie sie früher mit Lohnarbeitern betrieben wurden.

Der Betrieb einer Plantage lohnt sich also?

Die klimatischen Bedingungen sind optimal, ich habe selten so pralle Kaffeesträucher mit vielen Kaffeekirschen gesehen. Ein Großteil der Ernte wird von Kleinbauern produziert. Die Parzellen bieten in der Tat eine wichtige Einnahmequelle für kleinbäuerliche Betriebe.

Das klingt nach guten Bedingungen für die Kaffeebauern. Welche Notwendigkeit ergibt sich da für einen Einsatz von Fairtrade?

Wer die Kaffeekooperative Eakiet mit seinen 97 Mitgliedern im vietnamesischen Hochland besucht, kann sich von ihrer Pionierarbeit in Sachen Fairtrade überzeugen, die hier mit Hilfe der „Dakman Company“ geleistet wurde. Sichtbar wird dies gleich an mehreren Stellen: auf dem Versuchsfeld, wo ertragsreiche Robusta-Sorten gezüchtet werden, um die alten Kaffeebestände zu erneuern sowie in den Kaffeegärten, wo die Sträucher prall mit Kaffeekirschen bedeckt sind und darauf warten in den Erntemonaten November und Dezember gepflückt zu werden.

In den Gärten der Kooperative gedeiht der Kaffee gesund und üppig.
In den Gärten der Kooperative gedeiht der Kaffee gesund und üppig.
Foto: Jean-Louis Zeien

Wie wurden die Qualitätsfortschritte durch den fairen Handel gefördert?

Der Unterschied liegt insbesondere in den zahlreichen Qualitätsmaßnahmen, die seit über 20 Jahren in der Kooperative umgesetzt werden: natürliche Düngemittel aus der eigenen Kompostierungsanlage, Aufbau einer Kaffeepflanzschule, Workshops und Schulung der Bauern sowie die Einführung eines Bewässerungssystems in den Kaffeegärten.

Welche Bedingungen stellt Fairtrade an die Produzenten in Bezug auf die Auszeichnung mit seinem Qualitätssiegel?

Grundsätzlich müssen die Genossenschaften eine demokratische Struktur aufweisen, sodass alle Kleinbauern an den Entscheidungen direkt und demokratisch beteiligt sind. Ausbeuterische Kinder- und Zwangsarbeit sind verboten. Zu den weiteren Anforderungen der Fairtrade-Kaffeebedingungen zählen sowohl die Verbesserung von Qualität und Produktivität als auch der Lebensbedingungen: von den 20 US-Cent Fairtrade-Prämie pro Pfund Kaffee müssen mindestens 5 Cent für die Steigerung von Produktivität und Qualität eingesetzt werden. Darüber hinaus entscheiden die Produzentengruppen  selbst, wie sie die Fairtrade-Prämie verwenden. Mit ihr kann zum Beispiel der Bau einer Schule, einer Krankenstation oder das Anlegen eines Trinkwasserbrunnens finanziert werden.

Der Kaffee-Exporteur „Dakman Company“ kauft den Kaffee direkt von den Genossenschaften und muss einen Mindestpreis garantieren.
Der Kaffee-Exporteur „Dakman Company“ kauft den Kaffee direkt von den Genossenschaften und muss einen Mindestpreis garantieren.
Foto: Jean-Louis Zeien

Wie sieht es mit dem Einsatz von Pestiziden aus?

Es werden beim fairen Handel nicht nur soziale und wirtschaftliche Kriterien eingehalten, sondern auch ökologische. Es gibt eine Liste von gefährlichen Pestiziden, die nicht bei der Produktion eingesetzt werden dürfen. Auch genmanipulierte Organismen sind beim Kaffeeanbau aus fairem Handel nicht zugelassen. Darüber hinaus gibt es bei über der Hälfte des Fairtrade-Kaffees, der hierzulande getrunken wird, eine zusätzliche Zertifikation: biologisch angebaut. Fairtrade ist also „Nachhaltigkeit konkret“, mit klaren Kriterien, die vor Ort umgesetzt werden.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie sich die Fairtrade-Beteiligung auf das Leben der Bauern auswirkt?

In der Kooperative Eakiet wurden nicht nur die Kaffeequalität und die Produktivität weiterentwickelt, sondern auch die Lebensqualität der Kaffeebauern und ihrer Familien. Gleiches gilt in der benachbarten Kooperative Cudliemnong, in der vor allem Familien der Ede-Ethnie leben, eine der 54 Volksgruppen Vietnams. Ich habe mich selbst davon überzeugen können, als ich die Familie von Herrn Mer besucht habe. Zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern zieht er bald in ein neues Ziegelsteinhaus, das etwa 100 Meter entfernt von seinem derzeitigen Holzhaus errichtet wird. Der Kaffeebauer berichtete mir stolz, dass diese Verbesserung seiner Sparsamkeit und der Beteiligung seiner Kooperative an dem Fairtrade-Konzept zuzuschreiben sei.

Unter behördlicher Kontrolle werden die Säcke mit dem getrockneten, noch nicht gerösteten Kaffee zum Transport verladen.
Unter behördlicher Kontrolle werden die Säcke mit dem getrockneten, noch nicht gerösteten Kaffee zum Transport verladen.
Foto: Jean-Louis Zeien

Lässt sich dieses Beispiel auch in Zahlen belegen?

Ja, die Entwicklung wird von einer Impaktstudie des CEVAL-Instituts Saarbrücken bestätigt. Durch die höhere Produktivität können Mitglieder von Fairtrade-zertifizierten Organisationen besser sparen und mehr investieren. Beispielsweise gaben in der Studie rund 64 Prozent der befragten Fairtrade-Produzenten an, Geld zur Seite legen zu können, was hingegen bei anderen, nicht zertifizierten Produzenten nur bei 51 Prozent der Fall war.

Wie wurden die Fairtrade-Prämien vor Ort eingesetzt?

Es werden unter anderem Sozialprojekte finanziert, die der gesamten Region zugute kommen. So können neben den Kindern der Kaffeebauern auch drei- bis fünfjährige Kinder der ärmsten Familien die Kindertagesstätte der Kooperative besuchen und werden dort von einem dreiköpfigen Team von Erzieherinnen in zwei Gruppen mit jeweils 30 Kleinkindern betreut. Zudem haben die Bauern entschieden, in den Bau einer Straße in ihrer entlegenen Gegend zu investieren. Diese an sich unspektakuläre Entscheidung versteht jeder, der einmal zur Regenzeit auf diesen Wegen unterwegs war, die sich dann in riesige Schlammpfützen verwandeln. Diese „Umwandlung“ in befestigte Straßen mit Hilfe der Kooperative und der Anrainer stellt in dieser abgelegenen Region einen reellen Zuwachs an Lebensqualität dar, der zudem die Arbeitsbedingungen der Kaffeebauern durch die neuen Transportwege wesentlich verbessert.

Welche Rolle spielt der Kaffee in Vietnam selbst? Handelt es sich um ein reines Exportgut, oder gibt es tatsächlich eine heimische Kaffeekultur?

Die neuesten Zahlen zeigen, dass der heimische Konsum auch in den ländlichen Gegenden auf dem Vormarsch ist. In den Millionenstädten wie Hanoi oder Saigon – heute „Ho-Chi-Minh-City“ genannt – hat der schwarze Trunk schon längst sein Publikum bei der heranwachsenden Generation gefunden. Man bekommt ihn landestypisch mit süßer Kondensmilch serviert. Dabei sind die rund 90 Millionen Vietnamesen aber immer noch Teeliebhaber, die vor allem dem Grüntee frönen.

Wie und in welcher Form gelangt der Fairtrade-Kaffee aus den Kooperativen dann schließlich nach Luxemburg?

Der Kaffee-Exporteur „Dakman Company“ kauft den Kaffee direkt von den Genossenschaften zu fairen Bedingungen ab. Liegt der lokale Marktpreis über dem festgelegten Mindestpreis muss dieser an die Produzenten gezahlt werden. Zusätzlich erhält die Kooperative eine Fairtrade-Prämie. Dann wird der Kaffee verarbeitet, sortiert und in Jute-Säcken exportiert. Importeure und Hersteller in Luxemburg müssen Kontrollen zulassen. Kaffee aus Vietnam ist in einigen Mischungen des Fairtrade-Sortiments enthalten. Im Einzelnen entscheiden die zahlreichen teilnehmenden Röstereien im Land, welchen Fairtrade-Kaffee sie verwenden.


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Moreno Faina unterrichtet Profis in theoretischer wie praktischer Kaffeekunde.