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Europas kulturelles Erbe am Ohrid-See entdecken
Lifestyle 1 5 Min. 13.03.2021

Europas kulturelles Erbe am Ohrid-See entdecken

Die Sophienkirche in Ohrid überrascht mit einem spektakulären Bildprogramm aus der Zeit der Großen Kirchenspaltung von 1054.

Europas kulturelles Erbe am Ohrid-See entdecken

Die Sophienkirche in Ohrid überrascht mit einem spektakulären Bildprogramm aus der Zeit der Großen Kirchenspaltung von 1054.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 1 5 Min. 13.03.2021

Europas kulturelles Erbe am Ohrid-See entdecken

Das TripAdvisor-Europa ist plattgetrampelt vom Massentourismus. Warum nicht mal einen neuen Blick wagen?

(KNA) - Die Hagia Sophia in Istanbul hat im Sommer 2020 viele Schlagzeilen gemacht: Die Reichskirche von Byzanz und einst größte Kirche der Christenheit – der heiligen Weisheit gewidmet, nach der osmanischen Eroberung erst Moschee, in der türkischen Republik dann seit 1934 Museum – wurde von Präsident Recep Tayyip Erdogan aus nationalistischem Wahlkalkül wieder in eine Moschee umgewandelt.

Eine andere Sophienkirche macht da weit weniger Furore, ist auch architektonisch weit weniger spektakulär. Doch wie spektakulär ist ihr Bildprogramm aus der Zeit der Großen Kirchenspaltung von 1054, das außerordentlich sprechend über die Sicht der Ostkirchen auf das römische Papsttum berichtet. Die Sophienkirche in Ohrid, nahe der Grenze zwischen Nordmazedonien und Albanien, ist nur eine von zahlreichen kunsthistorischen Juwelen, die das Örtchen in seiner großen Vergangenheit hervorgebracht hat.

Von den Römern gegründet und seit alters her ein kulturelles und geistliches Zentrum, erlebte Ohrid, ein Ausgangspunkt der Slawenmission, seine größte Blüte im Hoch- und Spätmittelalter. Ohrid habe 365 Kirchen – für jeden Tag eine, sagen sie hier; ein gängiger Topos. Tatsächlich sollen es noch im 17. Jahrhundert, mitten in der Türkenzeit, einmal 330 gewesen sein.

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Einst einer der Touristenmagneten Jugoslawiens, wo die Bewohner des Tito-Staates ihren Urlaub vom real existierenden Sozialismus machten, kämpft der 40.000-Einwohner-Ort Ohrid im Süden von Nordmazedonien heute um seinen Vorzeigestatus. Trotz hoher Sonnenquote, trotz kristallklaren Wassers, Zypressen, Feigen- und Walnussbäumen: Seit der Auflösung Jugoslawiens ist die gute Luft am Ohrid-See dünner geworden – die neue Nachwende-Welt scheint noch nicht ganz fest etabliert. Dabei sind allein die Kunstschätze in den Kirchen die Reise wert.

Ohrid habe 365 Kirchen – für jeden Tag eine, sagen sie hier; ein gängiger Topos.

Die Sophienkirche wurde unter Erzbischof Leo von Ohrid zwischen 1037 und 1056 auf den Fundamenten einer früheren Kirche erbaut. Das Erzbistum Ohrid erstreckte sich damals über ein riesiges Gebiet zwischen der albanischen Küste, der Donau und dem Golf von Thessaloniki; der Erzbischof wurde von Byzanz ernannt.

Kirchenpolitische Haltung Konstantinopels

Leo gilt auch als Stifter der so kunstvollen wie inhaltsreichen Fresken, die die kirchenpolitische Haltung aus Konstantinopel reflektieren. Mit ihrem Einfluss auf den gesamten mittelalterlichen Balkanraum gehören sie heute zum Weltkulturerbe der Unesco. Der Künstler der Sophienkirche setzte dabei aber auch bewusst eigene stilistische Akzente, offenbar ein Reflex auf das Streben Ohrids nach mehr lokaler Unabhängigkeit von Byzanz.

So wurden die Fresken auf blauem und nicht auf dem sonst üblichen goldenen Hintergrund gemalt. Auch erkennen Wissenschaftler einen Bezug zur damals entstehenden Freskenkunst in Italien. Besonders spannend außer dem Letzten Abendmahl, Christus als Pantokrator und der wunderschönen Mariendarstellung: sechs römische Päpste. Papstfresken in einer oströmischen Kirche?

Insgesamt rund 50 Großfiguren umfasst das Bildprogramm der Sophienkirche: bedeutende Patriarchen, Kirchenlehrer und -schriftsteller. Die sechs Bischöfe von Rom nehmen dieselbe Fläche ein wie die östlichen Kirchenväter Basilius der Große, Johannes Chrysostomus und Gregor von Nazianz – aber eben in einem Nebenraum; die Musik spielt in Byzanz und Ohrid.

Alle Fresken der Sophienkirche waren in osmanischer Zeit übermalt; die Kirche wurde als Moschee genutzt. Erst in den 1950er-Jahren wurde das Bildprogramm wiederentdeckt. Inzwischen wird es als ein Schlüsselwerk zum Verstehen der europäischen Kunstentwicklung gesehen.

Etwa 20 Meter unterhalb des Kirchleins Sveti Jovan Kaneo schlagen vom Ohrid-See her Wellen gegen den Felsen. Die Hügel drüben am anderen Seeufer liegen schon in Albanien. Auf einer Felsnase steil über dem See erbaut, etwas außerhalb des Ortes, steht der winzige, wohl vor 1447 entstandene Ziegelbau zu Ehren des Evangelisten Johannes von Patmos – eine der schönsten der vielen orthodoxen Kirchen von Ohrid. Fast kitschig schön, auf einer Anhöhe über der Stadt, liegt Sveti Kliment (Sankt Klemens). 1295 von einem Schwiegersohn des Kaisers gestiftet, war sie zunächst der Gottesmutter Peribleptos (der Hochangesehenen) geweiht. Als die Türken dann im 15. Jahrhundert die alte Klemens-Kirche abreißen ließen und die Sophienkirche in eine Moschee umwandelten, wanderten die Gebeine des Heiligen und mit ihnen das Patrozinium hierher. Die Klemenskirche wurde die Hauptkirche des Erzbischofs von Ohrid.

Unersetzliche Schätze byzantinischer Kunst

Seitdem sind hier Überreste des berühmtesten Schülers der Slawenapostel Kyrill und Method bestattet, der als erster slawischer Bischof 916 in Ohrid starb; ein Arm Kliments liegt in Soa, ein Finger in Rom, der Kopf im benachbarten Griechenland. Im Inneren ist kein Platz verschwendet. Über und über sind die steil aufragenden Wände des engen Zentralbaus mit kostbaren Fresken des 14. Jahrhunderts bedeckt: Szenen aus dem Leben und Sterben Jesu, ein Marienleben nach apokryphen Evangelien – seltene und unersetzliche Schätze byzantinisch-orthodoxer Kunst.

Im Herbst sei es am schönsten am Ohrid-See, sagen die Einheimischen.

Am anderen Ufer des Sees, 30 Kilometer von Ohrid und unmittelbar an der albanischen Grenze gelegen, ein weiteres Kleinod: das Kloster Sveti Naum. Der heilige Naum, Schüler und Begleiter Kliments, gründete um 895/900 an dieser Stelle ein Kloster zu Ehren des Erzengels Michael. Der Ort hat bis heute eine Ahnung der früheren Idylle und Spiritualität bewahrt.


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Zwei kleine Zentralbauten sind hier hintereinander gebaut, auch sie über und über freskiert. In einer Nebenkapelle das Grab des heiligen Naum; die Wände zeigen Szenen aus seinem Leben: den Bären etwa, der einen Ochsen gerissen hat und dafür von Naum ins Joch gezwungen wird, um dessen Arbeit zu erledigen, oder die Heilung eines Geisteskranken.

Schließlich Sveta Bogorodica Bolnicka, die Kapelle des Hospitals Mariä Entschlafung in der Altstadt. Sie diente einst als Quarantäneort, an dem Ankömmlinge zur Zeit der Pest 40 Tage bleiben mussten, bevor sie sich in der Stadt bewegen durften. Und gleich gegenüber das Nikolaus-Spital (Sveti Nikola Bolnichki). Auch hier befinden sich im Inneren fantastische Fresken mit Herrscherporträts und Heiligen aus dem frühen 14. Jahrhundert.

Im Herbst sei es am schönsten am Ohrid-See, sagen die Einheimischen. So könnte es – zumindest nach dem Ende der Corona-Pandemie – die Zeit sein, neue touristische Wege zu beschreiten und es selbst herauszufinden. 

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