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Ein Krokodil ohne Ärmel
René Lacoste spielte anfangs in einer Stoffhose und einem Hemd mit langen Ärmeln.

Ein Krokodil ohne Ärmel

Foto: Lacoste
René Lacoste spielte anfangs in einer Stoffhose und einem Hemd mit langen Ärmeln.
Lifestyle 3 Min. 14.06.2018

Ein Krokodil ohne Ärmel

Michael JUCHMES
Michael JUCHMES
An vergangenen Wochenende kämpften in Roland Garros die besten Tennisspieler der Welt gegeneinander. Dabei trugen einige von ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit ein Poloshirt, zu dessen Entwicklung vor allem der ehemalige Spieler René Lacoste beigetragen hat.

Bereits in den Frühzeiten des Tennis, im 15. Jahrhundert, galt die Sportart als Hobby und Partyspiel des Adels. Auch später war es vor allem die reiche Oberschicht, die zu Schläger und Ball griff. Wenig verwunderlich scheint es daher auch, dass in Sachen Tennisbekleidung stets viel Wert auf Eleganz und Etikette gelegt wurde. Für die Herren der Schöpfung bedeutete dies: eine lange, helle Flanellhose oder wahlweise Knickerbocker mit Strümpfen, darüber ein weißes oder gestreiftes Oberhemd. Auf das Sakko wurde im 20. Jahrhundert meist verzichtet. Einziger Farbtupfer anfangs: ein buntes Tuch als Gürtelersatz.

Alternative zum Langarmhemd

Dass dieses Outfit keine große Bewegungsfreiheit mit sich brachte, war vielen Spielern, die den Sport als Wettkampf betrieben, schnell bewusst. Auch die bis dahin verwendeten Stoffe waren für schweißtreibende Tätigkeiten wenig geeignet – und klebten nach kurzer Zeit am Körper. René Lacoste, in den 1920er-Jahren einer der besten Tennisspieler der Welt und mehrfacher French-Open-Sieger, suchte für sich nach einer Alternative für das Hemd und wurde bei den Poloshirts fündig, einer Erfindung des Polospielers Lord Cholmondeley, die es damals nur aus schweren Stoffen gefertigt und mit langen Ärmeln gab.

René Lacoste in einem von ihm entworfenen Poloshirt.
René Lacoste in einem von ihm entworfenen Poloshirt.
Foto: Lacoste

Lacoste entwickelte eine eigene Variante des Shirts – mit kurzen Armen und aus einem Pikee-Gewebe, dem „Petit Piqué“, das gleichzeitig bequem und atmungsaktiv war. Für ihn war dabei der sportliche Schnitt keinesfalls ein Widerspruch zum Stil des weißen Sports. "In erster Linie zeichnet sich elegante Kleidung dadurch aus, dass sie der Situation und den Umständen angemessen ist", so seine Erklärung.

Nach dem Karriereende als aktiver Tennisspieler gründete der begeisterte Erfinder – er meldete unter anderem 1928 ein Patent für eine Ballwurfmaschine und 1963 ein Patent für einen Tennisschläger aus Stahl an – im Jahr 1933 mit André Gillier das Unternehmen La Société Chemise Lacoste, um die von ihm entwickelten Poloshirts in Serie zu produzieren. Übrigens mit Erfolg: Bereits 1939 wurden jährlich 300 000 Lacoste-Polohemden produziert. Fehlen durfte auf diesen bereits damals nicht das von Künstler Robert George gestaltete Krokodil, als Anlehnung an Lacostes Spitznamen "The Alligator", der auf eine Wette des Tennisstars mit seinem Trainer um einen Krokodillederkoffer zurückgeht. Bis heute ist das grüne Reptil eines der bekanntesten Markenzeichen der Welt.

Vom bodenlangen Kleid zum modischen Einteiler

Lange Stoffhose, ein Hemd und eine Jacke – wer denkt, dass dieser formelle Sportdress nur wenig Raum für ausladende Bewegungen lässt, der hat offenbar noch nicht von den strengen Kleiderordnungen im Damentennis gehört, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts galten: Die Etikette verlangte von Frauen ein bodenlanges Kleid mit mehreren Unterröcken, darunter ein einengendes Schnürkorsett. Die Knöchel und Arme mussten in jedem Fall bedeckt sein. Das Schuhwerk wirkt aus heutiger Sicht vollkommen unpassend: Die Tennisspielerinnen trugen ein Paar Lederschuhe – anfangs sogar noch mit hohen Absätzen.

René Lacoste und Suzanne Lenglen.
René Lacoste und Suzanne Lenglen.
Foto: Lacoste

Gegen dieses seltsame Modediktat wehrte sich als eine der ersten die mehrmalige French-Open- und Wimbledon-Gewinnerin Suzanne Lenglen. Im Jahr 1919, in ihrem ersten Finale beim britischen Traditionsturnier in Wimbledon, wählte sie ein knielanges Kleid mit kurzen Ärmeln. Wenige Jahre zuvor – 1904 – sorgte ihre Landsfrau May Sutton Bundy noch für einen Skandal, als sie die Ärmel ihres Kleides hochkrempelte und ihre Unterarme offenlegte. In den folgenden Jahrzehnten wurden nicht nur die Ärmel, sondern auch die Rocksäume immer kürzer. Serena Williams, die es dieses Jahr bei den French Open bis ins Achtelfinale schaffte, sorgte mit ihrem im Vergleich zu den kurzen Kleidern beinahe züchtig wirkenden schwarzen Catsuit für Aufsehen.

Dabei ist sie nicht die erste Frau, die sich auf dem Spielfeld modisch etwas traute: 1985 trat die US-Amerikanerin Anne White in einem weißen Catsuit zum Erstrundenmatch gegen Pam Shriver in Wimbledon an. Das Spiel wurde nach dem ersten Satz aufgrund der einsetzenden Dämmerung unterbrochen. Diese Zwangspause nutzte der Schiedsrichter, um Anne White dazu aufzufordern, am nächsten Tag das Spiel in angemessener Kleidung fortzusetzen. Die Spielerin folgte dieser Anweisung – und verlor den entscheidenden dritten Satz.


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