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Der Herr der Düfte im Gespräch
Lifestyle 4 Min. 29.08.2021
Diors Chefparfumeur

Der Herr der Düfte im Gespräch

Ausschnitt aus der Anfang des Jahres veröffentlichten Dokumentation „Nose“, die den französischen Parfümeur bei seiner Arbeit zeigt: François Demachy in seinem Duft-Büro in Grasse.
Diors Chefparfumeur

Der Herr der Düfte im Gespräch

Ausschnitt aus der Anfang des Jahres veröffentlichten Dokumentation „Nose“, die den französischen Parfümeur bei seiner Arbeit zeigt: François Demachy in seinem Duft-Büro in Grasse.
Foto: Arthur de Kersauson & Clément Beauvais for Parfums Christian Dior
Lifestyle 4 Min. 29.08.2021
Diors Chefparfumeur

Der Herr der Düfte im Gespräch

Parfümeur François Demachy spricht im Interview über seine neueste Kreation, Inspirationen und die Covid-Krise.

François Demachy – dieser Name lässt das Herz jedes Duftfans höher schlagen. Der Franzose, Jahrgang 1949, ist seit 2006 Hausparfümeur des Pariser Traditionshauses. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Neuinterpretationen von Dior-Klassikern und auch einige Newcomer, wie etwa der Herrenduft „Sauvage“, der 2015 lanciert wurde. Demachy, der in Cannes geboren wurde, aber in Grasse aufwuchs, nahm sich ein wenig Zeit, um mit Journalisten über das neue Eau de Parfum „Miss Dior“ zu sprechen – eine Neuauflage des Klassikers aus den Anfangsjahren des Couture-Hauses. Pandemie-bedingt fand das Gespräch via Videochat statt: Die Journalistinnen und Journalisten saßen vor ihrem Rechner, der Parfümeur auf einer Bank in den Feldern von Grasse, dem Ort, an dem er Inspiration findet und eng mit den Produzenten zusammenarbeitet. 

Interview: Michael Juchmes, Belen Ucros und Isabelle Blandiaux   

François Demachy, das Parfüm „Miss Dior“, auf dem Ihre neue Kreation basiert, wurde im Jahr 1947 geschaffen – und gilt als echter Klassiker. Geht man daher als Parfümeur mit einer gehörigen Portion Respekt an die Arbeit? 

Natürlich, es ist immer ein wenig einschüchternd, wenn man eine Art „Denkmal“ anrührt. Ich versuche aber stets, das ursprüngliche Schema eines Duftes beizubehalten. Das originäre „Miss Dior“ war oder ist – es ist ja noch erhältlich – Teil der Chypre-Familie*. Diesen Rahmen nutze ich, um darin etwas anderes aufzubauen. Ich sehe es als meine Art, dem Ursprungsduft Tribut zu zollen, einem Duft, den ich mit Respekt behandle. Ich füge neue Komponenten hinzu, andere reduziere ich, aber das Originalschema bleibt erhalten. 

Ein Parfüm ist immer das, was man daraus macht – man ist verantwortlich dafür, es lebendig werden zu lassen.

Wie schafft man es, der DNA eines Duftes treu zu bleiben und sich trotzdem dem Geschmack der Gegenwart zu nähern? Ist die Arbeit eines Parfümeurs in diesem Fall mit der eines Modedesigners vergleichbar? 

Ich bin, um ehrlich zu sein, kein großer Freund von Vergleichen. Es gibt Verbindungen, aber es sind immer noch zwei unterschiedliche Berufe. Man kann es nebeneinander betrachten, weil beides eine Form der Reinterpretation ist, aber es ist weit voneinander entfernt. Natürlich kleidet ein Duft auch eine Person ein, er kann verhüllen oder ebenfalls entblößen. Es ist aber weitaus schwieriger, die richtigen Worte für die Beschreibung eines Parfüms zu finden. 

Wann fällt ein Duft oder eine Duftfamilie aus der Mode – oder ist das gar nicht möglich? 

Ich finde, dass dies nicht wirklich möglich ist. Wenn ein Duft auf eine bestimmte Art von einer bestimmten Persönlichkeit getragen wird, dann gibt uns das manchmal ein vollkommen anderes Bild. Ein Parfüm ist immer das, was man daraus macht – man ist verantwortlich dafür, es lebendig werden zu lassen. 


Basiert auf dem gleichnamigen Duftklassiker aus dem Jahr 1947: das Eau de Parfum „Miss Dior“ – eine florale Mixtur aus Rose, Pfingstrose und Iris.
Basiert auf dem gleichnamigen Duftklassiker aus dem Jahr 1947: das Eau de Parfum „Miss Dior“ – eine florale Mixtur aus Rose, Pfingstrose und Iris.
Foto: Hersteller

Hatten Sie bei der Arbeit an dem neuen Duft eigentlich eine echte „Miss Dior“ vor Augen? Eine Frau, die eng an das Designhaus gebunden ist? 

Die erste Frau, auf die der Duft verweist, ist Catherine Dior, die Schwester von Christian Dior. Auf sie geht auch der Name des Parfüms zurück, das bei der ersten Kollektion von Herrn Dior versprüht wurde. Eine Journalistin hat damals gesagt: „Ah, voilà, Miss Dior.“ Catherine Dior war eine starke Frau, eine mutige Frau. Sie war in der Résistance aktiv, wurde aufgrund dessen sogar verschleppt. Sie hat später Rosen gezüchtet – es ist also eine Geschichte, die viel älter ist, eine ganz authentische. Im Vergleich dazu sind die Frauen von heute noch eine Spur selbstbewusster, präsenter, entschlossener. Wir versuchen natürlich, das zu übersetzen – wir Parfümeure sind sozusagen die Dolmetscher. 

Was diente stattdessen als Inspiration? 

Man bricht bei der Parfümkomposition aus dem Regelwerk aus – versucht aber, den Chypre-Rahmen beizubehalten, auch wenn man andere Komponenten mehr betont. Als Inspiration für den Duft diente vor allem eine Rose, die ich im vergangenen Jahr während des Lockdowns kennengelernt habe und die einen für „Miss Dior“ nur allzu passenden Namen trägt: Sweet Love. Sie hat einen wirklich außergewöhnlichen Duft, den ich versucht habe zu interpretieren. Diese Rose wird eigentlich nur als Zierpflanze angebaut. 


Dokumentation „Nose“: Immer der Nase nach
Wie arbeitet eigentlich ein Parfümeur? Die Dokumentation „Nose“ begleitet Dior-Duftkompositeur François Demachy in seinem spannenden Alltag - leider nur audiovisuell.

Fehlen in „Miss Dior“ die fruchtigen Noten also gänzlich? 

Nein, es gibt sie, sie sind aber weniger intensiv, viel zarter, irgendwo zwischen Aprikose, Pfirsich oder Pflaume. Nicht so stark wie etwa die Erdbeere. Das wirkt so weitaus eleganter und zarter. 

Das neue Eau de Parfum entstand während der Pandemie. Wie hat sich die Covid-Krise auf Ihre Arbeit ausgewirkt? 

In dieser Zeit, die ich hier in Grasse verbracht habe, hatte ich zumindest die Gelegenheit, die Rose zu entdecken. Wenn es also keine Pandemie gegeben hätte, wäre wohl alles anders verlaufen. Ich war hier ganz allein und konnte meine Recherchen betreiben – und habe keine Zeit in unnötigen Meetings verloren. 

* Chypre ist eine Duftfamilie, die folgende Komponenten vereint: als Kopfnote ein Zitrusöl, die Herznote aus Rosen- oder Jasminölen und die Basisnote aus Moos.

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