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Digitale Odyssee
Lifestyle 5 Min. 28.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Digitale Odyssee

Auf der neuen MSC Seaside ist Platz für mehr als 5000 Passagiere. Für sie ließ die Reederei in Zusammenarbeit mit Verhaltensforschern ein leistungsfähiges digitales Programm entwickeln.

Digitale Odyssee

Auf der neuen MSC Seaside ist Platz für mehr als 5000 Passagiere. Für sie ließ die Reederei in Zusammenarbeit mit Verhaltensforschern ein leistungsfähiges digitales Programm entwickeln.
Foto: Fern Morbach
Lifestyle 5 Min. 28.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Digitale Odyssee

Die großen Reedereien rüsten ihre Kreuzfahrtschiffe auf - mit Apps, Portalen und Systemen für Smartphones und Tablets. An Bord sind sie unverzichtbar, machen aber nicht jedem das Leben einfacher.

Von Fern Morbach

Ob MSC, Aida oder TUI: In den letzten Jahren rüsteten die großen Reedereien ihre Kreuzfahrtschiffe digital auf. Sie ließen Apps, Portale und Systeme entwickeln – und überfordern damit nicht nur viele Passagiere, sondern mitunter auch die Mitarbeiter von Reisebüros.

Der Flug verläuft reibungslos. Die erste Nacht verbringen die Teilnehmer an einer Leserreise des „Luxemburger Wort“ in einem Hotel in Miami. Ein Bus bringt die Gruppe am Tag danach zum größten Kreuzfahrtenhafen der Welt. Ungewohnt schnell und problemlos geht in dem Terminal das computergestützte Einchecken über die Bühne. Weniger als eine Stunde nach dem Eintreffen im Hafen, sind die meisten Luxemburger bereits an Bord der brandneuen „MSC Seaside“. Eine Woche lang werden sie in der Karibik unterwegs sein.

Registrieren an Passagiere „outgesourct“

In der Nähe der Rezeption wartet dann aber die erste Hürde. Auch auf der „MSC Seaside“ müssen die Passagiere eine Kreditkarte registrieren, um ihre Bordkarte zu aktivieren. Früher erledigten die Reederei-Mitarbeiter an den Check-in-Schaltern diese Aufgabe. Auf Schiffen der neuen Generation wurde das Koppeln von Kredit- und Bordkarte aber an die Passagiere „outgesourct“. Auf den ersten Blick spart das den Kunden Zeit, auf den zweiten Blick senken die Reedereien auf diese Weise auch ihre Personalkosten. Es ist ein Unterschied, ob Reederei-Mitarbeiter die Kreditkarten von bis zu 5 000 Passagieren einlesen oder ob die Passagiere dies selbst übernehmen.

Nicht nur ältere Menschen tun sich schwer mit dem Koppelvorgang. Die in zahlreichen Sprachen abrufbaren Automatenmenüs verwirren, obwohl sie selbsterklärend sein sollen. Vor allem aber sind viele Passagiere nicht auf die Aufgabe vorbereitet und misstrauen dem Ganzen. „Was ist, wenn jemand meine Kreditkarteninformationen missbraucht?“ Diese Frage wird immer wieder gestellt. Zum Beantworten ist niemand da.

Die Schiffe werden immer größer, entsprechend länger dauert der Check-in in den Häfen. Die Reedereien brauchen neue Systeme, um die Vorgänge zu beschleunigen.
Die Schiffe werden immer größer, entsprechend länger dauert der Check-in in den Häfen. Die Reedereien brauchen neue Systeme, um die Vorgänge zu beschleunigen.
Foto: Fern Morbach

Ohne Portal oder App geht kaum noch was

Ob MSC, Mein Schiff oder Aida: In den vergangenen Jahren investierten die großen Reedereien beim Bau neuer Schiffe viel Geld in Systeme, Portale und Apps, mit denen Kreuzfahrten automatisch zu Multimedia-Erlebnissen werden sollen. Via „myAida“ kann man schon vor einer Aida-Kreuzfahrt Zahlungsmittel registrieren und sich anschließend an „Express Check-in Countern“ automatisch die Bordkarte ausgeben lassen. Auf der neuen „Mein Schiff 6“ von TUI ist es sogar möglich, an Bord mit Hilfe einer schiffseigenen App mit anderen Passagieren ohne Extrakosten zu telefonieren.

Das Eingeben von persönlichen Daten, das Ermitteln von Schiffspositionen, das Planen des Kreuzfahrttages, die Tischreservierung im Spezialitätenrestaurant, das Buchen von Landausflügen oder das Buchen einer Fitness-Stunde beim Personal Coach: Fast alles lässt sich heute von zu Hause aus per Computer oder spätestens unterwegs über eine Smartphone- oder Tablet-App erledigen. Ein Großteil der Passagiere nutzt die neuen Möglichkeiten. Vieles macht das Leben an Bord in der Tat einfacher: Welcher Passagier mag schon 20 oder 30 Minuten anstehen, um zu erfragen, ob der Ausflug morgen um 9 oder 10 Uhr beginnt?


Leserkreuzfahrt: Sonne im Winter
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Navigationssystem für die Hosentasche

Keine Reederei trieb die Automatisierung des Passagieralltags allerdings so konsequent voran wie die europäische Reederei MSC. Anfang Juni vergangenen Jahres wurde in Le Havre das Schiff „Meraviglia“ getauft, im Dezember folgte in Miami die Taufe der „Seaside“, Anfang Juni 2018 wird die „Seaview“ zu ihrer Jungfernfahrt aufbrechen. Auf den drei Schiffen ist Platz für jeweils gut 5 000 Passagiere. Für sie ließ die Reederei in Zusammenarbeit mit Verhaltensforschern das digitale Innovationsprogramm „MSC for me“ entwickeln.

Das System, jubelt das Unternehmen, bringe „den neuesten Stand gästezentrierter Smart-Ship-Technologie“ auf das Meer. 20 Millionen Euro investierte MSC eigenen Angaben zufolge auf der „Meraviglia“ und der „Seaside“ in das Programm. Die „Meraviglia wurde mit 16 000 Kontaktpunkten, 700 Hotspots und 358 Bildschirmen ausgestattet.

Computeraffine Passagiere sind von dem Konzept begeistert. Das System kann deutlich mehr als die anderer Reedereien. Die auf das Smartphone geladene App lässt sich auf der „Meraviglia“ und auf der „Seaside“ bereits als Navigationssystem nutzen. Besonders an den ersten Tagen an Bord ist das sehr hilfreich. Die Wege auf Kreuzfahrtschiffen sind mitunter lang und man braucht Zeit, um sich zurechtzufinden. Dank der App kann man nun aber in einer Bar am Bug auf Deck 19 einfach die Kabinennummer ins Handy tippen – das Navigationssystem lotst einen anschließend erstaunlich zuverlässig zur Kabine im Heckbereich auf Deck 13.

Mit dem innovativen System hat auf den neuen MSC-Schiffen aber auch eine andere Zeit begonnen: eine Zeit ohne Papier. Schiffspassagiere sind es seit Langem gewohnt, mit ihren Bordkarten zu zahlen, am Bartresen ebenso wie im schiffseigenen Juwelierladen. Bislang wurde ihnen immer ein Papierbeleg ausgehändigt. Auf den neuen Schiffen wartet man (meistens) vergebens auf das Stück Papier. Allerdings wird jede Ausgabe kurz nach dem Zahlen – sozusagen in Echtzeit – auf der Handy-App angezeigt. Ein Blick auf den Handybildschirm genügt, um jederzeit zu wissen, wie viel Geld man bereits an Bord ausgegeben hat.

An die Benutzung von Smartphone-Apps haben sich viele Passagiere mittlerweile gewöhnt; nicht wenige misstrauen dem Fortschritt aber nach wie vor.
An die Benutzung von Smartphone-Apps haben sich viele Passagiere mittlerweile gewöhnt; nicht wenige misstrauen dem Fortschritt aber nach wie vor.
Foto: Fern Morbach


Bei den Passagieren bleibt das Misstrauen bestehen

Viele Passagiere, das zeigte sich auch während der „Luxemburger Wort“-Leserkreuzfahrt auf der „Seaside“, fremdeln mit dem sogenannten „paperless“-Zahlen. Sie misstrauen dem neuen System nicht wirklich, sie möchten aber trotzdem lieber einen „richtigen Beleg“ in der Hand halten, auch wenn viele ihre Belege anschließend im Mülleimer entsorgen. Überfordern die Reedereien, überfordert auch MSC mit den neuen Systemen und Dienstleistungen also die Passagiere? Einiges deutet darauf hin. Noch besitzt nicht jeder Fahrgast ein leistungsfähiges Handy, noch schafft es nicht jeder 75-Jährige, Apps herunterzuladen, ein Konto einzurichten und die Tools anschließend virtuos zu nutzen.

„Sie können den Stand Ihrer Rechnung jederzeit auf dem TV-Bildschirm in Ihrer Kabine einsehen“, tröstet eine Schiffsmitarbeiterin einen verstörten Passagier, der kein iPhone dabei hat. Die MSC-Frau hat im Prinzip recht. Ob sie aber schon selbst einmal nach den Rechnungsinformationen auf dem TV-Schirm gesucht hat? Die verstecken sich in den Tiefen des Systemmenüs, hinter den sogenannten Profilangaben an einer Stelle, an der man sie nie vermuten würde. Die schnell voranschreitende Digitalisierung stellt nicht nur die Passagiere, sondern auch die Mitarbeiter von Reisebüros – also die Verkäufer der Kreuzfahrten – vor neue Herausforderungen. Sie werden ihre Kunden ausführlicher über die technischen Möglichkeiten, über Apps, Navigationssysteme und Check-in-Portale informieren müssen, ohne sie zu verschrecken.

Noch entdecken die meisten Passagiere die Programme, Portale und Apps erst nach der Ankunft an Bord. Nicht wenige fühlen sich dann erst einmal völlig überfordert. Sie sind noch nicht in jener neuen Kreuzfahrten-Zukunft angekommen, in der die Gäste, wie es bei MSC heißt, „mit Schiff und Crew vernetzt sein“ sollen.


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