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Die Osmothek in Versailles: Im Archiv der seltenen Düfte
Lifestyle 3 Min. 02.01.2018

Die Osmothek in Versailles: Im Archiv der seltenen Düfte

In der Osmothek werden rund 4 000 Parfums aufbewahrt, darunter mehr als 400, die man sonst nirgendwo mehr findet.

Die Osmothek in Versailles: Im Archiv der seltenen Düfte

In der Osmothek werden rund 4 000 Parfums aufbewahrt, darunter mehr als 400, die man sonst nirgendwo mehr findet.
Foto: Osmothek Versailles
Lifestyle 3 Min. 02.01.2018

Die Osmothek in Versailles: Im Archiv der seltenen Düfte

Michael JUCHMES
Michael JUCHMES
Die Osmothek in Versailles ist ein einzigartiger Ort, an dem alte Parfums aufbewahrt werden. Vom Duft Napoleons bis zu Chanels Kultelixieren ist dort alles zu finden.

von Christine Longin (Paris)

An der Wand hängt eine Art Stammbaum im Landkartenformat. In Rosa, Grün, Gelb und Braun sind die „Familien“ eingezeichnet. Die Farben stehen für blumig, orientalisch oder holzig – die Gerüche, aus denen Parfums gemacht sind. Im weltweit einzigartigen Archiv der Düfte, der Osmothek in Versailles, werden sie nicht nur aufbewahrt und klassifiziert. Sie werden nach Hunderten Jahren auch zu neuem Leben erweckt.

So wie „Napoleon I“, der Duft, den der Kaiser im Exil auf St. Helena auftrug. Das herbe Eau de Cologne in grüner Verpackung kann auch heute noch für 45 Euro gekauft werden. Zu verdanken ist das dem früheren Bürgermeister von Versailles, Adrien Damien, der die Formel zufällig im Nachlass von Napoleons einstigem Diener entdeckte und der Osmothek überließ. Der 1990 von Parfümeuren gegründete Verband bewahrt rund 4 000 Düfte wie alten Wein auf: abgeschirmt vom Tageslicht, bei zwölf Grad, versiegelt mit Spezialglas.

Kostbare Rohstoffe

Besonders wertvoll sind die rund 800 Parfums im „Keller“ der Osmothek, die schon lange nicht mehr hergestellt werden. Um sie für ihr Archiv zu produzieren, brauchen die Parfümeure die selten gewordenen Bestandteile der historischen Düfte.

Aus einem Glasschrank holt Osmothek-Leiterin Anne-Cécile Pouant etwas heraus, das wie ein brauner Riesentrüffel aussieht. Es enthält Moschus, ein Drüsensekret des Moschustieres, das auf der Jagd nach seinem betörenden Duftstoff fast ausgerottet wurde. „Es ist inzwischen verboten, die Tiere für den Duft zu töten, doch wir haben noch einige Schätze“, verrät die Expertin.

Der Begriff Osmothek setzt sich aus den griechischen Wörtern „osmè“ (Geruch) und „theke“ (Behältnis) zusammen.
Der Begriff Osmothek setzt sich aus den griechischen Wörtern „osmè“ (Geruch) und „theke“ (Behältnis) zusammen.
Foto: Osmothek Versailles

Parfümeure, die in den Ruhestand gingen, haben sie der Einrichtung überlassen, damit die alten Düfte weiter hergestellt werden können. Wenn die Restbestände irgendwann aufgebraucht sind, müssen die historischen Bestandteile künstlich zusammengemischt werden. „Wir haben dazu eine Partnerschaft mit der Universität Versailles abgeschlossen.“

Dass Versailles als Standpunkt für das Archiv ausgesucht wurde, ist kein Zufall, denn der Königshof war jahrhundertelang der größte Abnehmer der Duftwässer. „Es gibt drei wichtige Orte für Parfum in Frankreich: Grasse als Herstellungsort, Paris als Sitz der großen Marken und Versailles“, erklärt die Duftarchivistin.

Die Vergangenheit in der Nase

Die Osmothek befindet sich in der Parfumschule von Versailles, einem modernen Glasbau. Dort veranstalten die Experten zweimal im Monat Konferenzen, in denen sie die Geschichte des Parfums nachzeichnen oder seine Bestandteile erklären. Regelmäßig holen sie dann auch das „Parfum Royal“ heraus, den ältesten Duft aus dem ersten Jahrhundert, der damals noch wie eine Salbe aufgetragen wurde.

In den Nasen des älteren Publikums wird an solchen Tagen auch die Vergangenheit wieder wach, denn die Osmothek birgt in ihren dunklen Glasbehältern auch ein Archiv der Emotionen. „Wir hatten hier schon alte Männer, die beim Duft ihrer ersten Liebe glänzende Augen bekommen haben“, berichtet Pouant.

Mithilfe der zur Verfügung stehenden Formeln, lassen sich viele Parfums auch Jahrhunderte nach ihrem Verschwinden rekonstruieren.
Mithilfe der zur Verfügung stehenden Formeln, lassen sich viele Parfums auch Jahrhunderte nach ihrem Verschwinden rekonstruieren.
Foto: Osmothek Versailles

Aus einem ihrer Glasschränke holt sie eine Flasche mit dem Duftwasser der Königin von Ungarn aus dem 15. Jahrhundert heraus und gibt einige Tropfen auf einen Papierstreifen. Das 400 Jahre alte Parfum riecht stark nach Rosmarin und erinnert damit mehr an ein ätherisches Öl als an ein verführerisches Parfum. „Die Grenzen zwischen einem Parfum und einem Medikament waren damals fließend“, erklärt Pouant.

Das „goldene Zeitalter“ des Parfums kam erst viel später, nämlich zwischen 1880 und 1950, als die synthetischen Mischungen üblich wurden. Aus jener Zeit stammen legendäre Kreationen wie „Chanel No. 5“, das meistverkaufte Parfum aller Zeiten mit seinen über 30 Bestandteilen. Chanel und andere große Marken wie Guerlain und Balmain vertrauen die Formeln ihrer „ausgestorbenen“ Düfte der Osmothek an, um sie so vorm Vergessen zu bewahren.

Im Labor mit seinen Dutzenden Fläschchen und der Präzisionswaage können die Parfümeure, die ehrenamtlich für die Einrichtung arbeiten, sie jederzeit wieder auferstehen lassen. 200 Düfte wurden so nach den Originalformeln wiederhergestellt. Das sei wie mit einem Kuchen, meint Pouant. „Wenn man das Rezept hat, kann man ihn jederzeit wieder backen.“


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