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Die grüne Insel klingt und singt
Lifestyle 3 Min. 28.02.2019

Die grüne Insel klingt und singt

Der Rundturm von Glendalough: Einst bot er Mönchen Schutz vor Wikingern, heut überragt er das romantische Naturreservat im Tal der zwei Seen, 50 Kilometer südlich von Dublin.

Die grüne Insel klingt und singt

Der Rundturm von Glendalough: Einst bot er Mönchen Schutz vor Wikingern, heut überragt er das romantische Naturreservat im Tal der zwei Seen, 50 Kilometer südlich von Dublin.
Foto: Hanne Walter
Lifestyle 3 Min. 28.02.2019

Die grüne Insel klingt und singt

Wer Irlands und damit Dublins Seele sucht, findet sie im milden Klima, in atemberaubender Geschichte, in so manchem Guinness und natürlich in den oft schwermütigen Liedern der Musiker in den Pubs und auf den Straßen.

von Hanne Walter

Hochachtung schwingt durch den Pub; der Beifall fällt mehr als wohlwollend aus. Dabei hat sich nur ein wackliges Männlein aufs Podium gestellt, um mit brüchiger Stimme altes Liedgut zum Besten zu geben. Doch das verdient allgemeine Wertschätzung. Ebenso, wenn ein junger Kerl, der es bei einer Castingshow wahrscheinlich nicht mal bis zum öffentlichen Vorsingen geschafft hätte, von alter Auswanderersehnsucht singt, als hätte er sie selbst erlebt.

In Irland gilt: Wer Musik macht, ist ein Held und verdient allerhöchsten Respekt. Nur so ist es zu erklären, dass in vielen Straßen und in beinah jedem der reichlich gesäten Pubs des Abends musiziert wird, denn auch die Iren sind durchaus kein einzig Volk von Stimmakrobaten und musikalischen Wunderkindern. Doch ihre Leidenschaft für die Musik ist mitreißend. Mit oft mehrstimmigen, zu Herzen gehenden Gesängen. Kein Auge bleibt dabei trocken und die Kehle schon gar nicht.

Düstere Vergangenheit

Das Darkey Kelly’s gehört zu den bekanntesten Adressen für „Irish Traditional Music“. Im ältesten Teil Dublins, in der Fishamble Street unweit der Christ Church Cathedral, geben sich Abend für Abend Folkmusiker mit Fiddle, Whistle, Dudelsäcken und Akkordeon, Liedermacher und Balladensänger Klinke und Instrumente in die Hand. „Beef & Guinness Stew“ (vergleichbar einem herzhaften Gulasch), Bier und Cider munden prächtig, bis man zur Historie des Hauses vordringt, die einem vorübergehend den Appetit verschlägt.

Darkey Kelly, deren Namen der gemütliche Pub trägt, gehört wie die Musik selbst zu Dublins Folklore. Als angebliche Hexe wurde sie einst verbrannt. Zwar stellte sich später ihre diesbezügliche Unschuld heraus, doch eine andere dunkle Seite kam zum Vorschein: Unter den Dielen des Bordells, das sie 1761 in der Fishamble Street führte, wurden so viele Skelette gefunden, dass sie bald als Irlands erste Serienmörderin in die Geschichte einging.

Nicht nur das Bier, auch Folkklänge locken Einheimische wie Touristen in die Pubs im Dubliner Ausgehviertel Temple Bar.
Nicht nur das Bier, auch Folkklänge locken Einheimische wie Touristen in die Pubs im Dubliner Ausgehviertel Temple Bar.
Foto: Getty Images

Auf den Spuren großer Künstler

Doch die Straße in Temple Bar, eine der allerältesten Dublins, ist nicht nur für Mord und Totschlag bekannt: Am 12. April 1742 erlebte dort Händels „Messias“ seine Premiere. Zum Gedenken daran wird das Oratorium seit einigen Jahren immer an diesem Tag am historischen Ort aufgeführt.

Wer für einen Irlandbesuch sein Schulenglisch reaktiviert hat, wird auf der grünen Insel freudestrahlend feststellen, dass er ziemlich gut verstanden wird. Umgekehrt verhält es sich ähnlich, falls die Iren nicht in einen ihrer schwierigen Dialekte verfallen. Ihnen wird nachgesagt, sie seien zu faul, die englische Sprache korrekt zu sprechen und würden sie deshalb gern vernuscheln.

Aber die Liebhaber schöner Orte verstehen sich ohnehin und weisen mit einfachen Erklärungen den richtigen Weg. Zum Beispiel zu kleinen historischen, fast versteckten Stätten wie der Pharmacy Sweny’s. In diesem engen, dunklen Laden kaufte James Joyce, der gleich um die Ecke wohnte, seine geliebte Zitronenseife und Medikamente. Im Gegenzug verewigte er die Apotheke in seinem „Ulysses“. Den Besuchern werden ein paar Restbestände an Kräutern im Originalzustand fast triumphierend unter die Nase gehalten, um im gleichen Atemzug zu einer intimen Lesung aus Joyce-Werken bei einer Tasse Tee einzuladen und auf das nahe gelegene Oscar-Wilde-Denkmal auf der üppigen Grünfläche des Merrion Square zu verweisen.

Wer dem dort lässig auf einem Felsblock lümmelnden Schöpfer von „Das Bildnis des Dorian Gray“ einen Besuch abstattet, ist nur noch vier Straßen entfernt von der größten grünen Seele der irischen Hauptstadt, dem St. Stephen’s Green. Einst Platz öffentlicher Hinrichtungen, verzaubert der Stadtpark heute mit Farbenpracht, Teichen, verschwiegenen Ecken, Open-Air-Konzerten und Skulpturen von Dichtern und Denkern. Kein Geringerer als Arthur Guinness war es, der 1877 einen Parlamentsbeschluss erkämpfte, nach dem im Park fortan die feine Gesellschaft nicht länger unter sich blieb, sondern alle freien Zutritt erhielten.

Obwohl es an fast jeder Ecke Dublins grünt und blüht, zieht es Einwohner wie Touristen geradezu magisch vor die Tore der Stadt. Denn die Natur hat Irland sowohl atemberaubende Küsten- als auch betörende Binnenlandschaften geschenkt. Dank des Golfstroms, der für ein ganzjährig mildes und vor allem feuchtes Klima sorgt, büßen sie fast nie ihre saftig grüne Farbe ein. Denn nirgends sonst in Europa hat das Gras eine so lange Wachstumsperiode wie in Irland.


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