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„Die Erde ist ein Kunstwerk“
Lifestyle 6 6 Min. 26.11.2018

„Die Erde ist ein Kunstwerk“

Herz von Voh, Neukaledonien, Frankreich: Mangroven besitzen aus dem Wasser ragende Wurzeln und wachsen auf tropischen Schlickböden, die dem Wechsel der Gezeiten ausgesetzt sind. Die empfindlichen Ökosysteme schwinden durch Raubbau, die Ausbreitung von Landwirtschaft und menschliche Siedlungen.

„Die Erde ist ein Kunstwerk“

Herz von Voh, Neukaledonien, Frankreich: Mangroven besitzen aus dem Wasser ragende Wurzeln und wachsen auf tropischen Schlickböden, die dem Wechsel der Gezeiten ausgesetzt sind. Die empfindlichen Ökosysteme schwinden durch Raubbau, die Ausbreitung von Landwirtschaft und menschliche Siedlungen.
Yann Arthus-Bertrand
Lifestyle 6 6 Min. 26.11.2018

„Die Erde ist ein Kunstwerk“

Yann Arthus-Bertrand und Philippe Bourseiller verfolgen ein hehres Ziel: Sie wollen die Welt retten. Die beiden Naturfotografen sprechen im Interview über Schönheit im Wandel und Umweltzerstörung.

Yann Arthus-Bertrand und Philippe Bourseiller verfolgen ein hehres Ziel: Sie wollen die Welt retten. Die beiden Franzosen sind nicht nur begnadete Fotografen und Filmemacher, sondern auch Aktivisten, wenn es darum geht, die Menschen davon zu überzeugen, dass es höchste Zeit zum Umdenken ist. Dafür reisen sie seit Jahrzehnten um den Globus und fangen in ihren Bildern sowohl außergewöhnliche Landschaften in den fernsten Winkeln der Erde als auch den Alltag der Menschen ein, die dort leben. Mit ihren Werken zeigen sie die ökologische Bedrohung und ihre verheerenden Folgen. Das „Luxemburger Wort“ traf die kreativen Umweltschützer anlässlich einer Ausstellung zum Thema „Wasser“ in der Europäischen Investitionsbank in Kirchberg.

Yann Arthus-Bertrand, Philippe Bourseiller, seit Jahrzehnten dokumentieren Sie in Ihren Werken die Vielfalt unseres Planeten. Birgt dieser noch Geheimnisse für Sie?

Yann Arthus-Bertrand
Yann Arthus-Bertrand
Foto: Quentin Jumeaucourt

A.-B.: Aber sicher! Ich habe 120 Länder bereist und überall liegen die Geheimnisse buchstäblich auf der Straße. Heute interessiere ich mich vermehrt für die Leute, die Zeugnisse des Klimawandels, unsere Reaktionen darauf … Menschen finde ich vielleicht noch fesselnder als Landschaften.

B.: Egal, wo Bilder gemacht werden, entsprechen sie einer Momentaufnahme. Zu einem anderen Zeitpunkt, in verändertem Licht, ist die Realität eine ganz andere. Es ist nicht so, dass man einen Ort kennt, nur weil man schon einmal dort war. Ich habe rund 30 Mal die Arktis bereist und jedes Mal war es schön und doch verändert.

Haben Sie Veränderungen bei Schauplätzen bemerkt, die Sie über Jahre hinweg wiederholt besucht haben?

B.: Ja, beim Eis, wie etwa in Grönland bei vielen Gletschern, die beträchtlich geschmolzen sind. Dort und in der Antarktis sieht man die Auswirkungen des Klimawandels am deutlichsten. Dieser Effekt schreitet rapide voran.

A.-B.: Heute leben rund 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Ich sehe vor allem das enorme Anwachsen der Megalopolen. Wo immer man sich niederlassen kann, findet man Menschen und deren tägliche Handlungen wirken sich auf die Natur aus. Wir leben länger und komfortabler, aber um uns herum bricht die Biodiversität regelrecht zusammen. Der Glaube an konstantes Wachstums hat einen Preis. Wegen des steigenden Fleischkonsums etwa werden in Brasilien massiv Wälder für den Anbau von Soja als Futtermittel abgeholzt. Seit ich 20 bin, engagiere ich mich für Ökologie und Umwelt. Als ich anfing, mich mit den Löwen Kenias zu beschäftigen gab es dort 400 000 Raubkatzen, heute sind es 20 000. Um 1900 gab es 20 Millionen Elefanten, nun spricht man von ihrem Aussterben.

Ihre Ausstellung in der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg drehte sich um Wasser. Weshalb gerade dieses Thema? A.-B.: Wir sprechen über die Welt, und Wasser ist die Grundlage.

Philippe Bourseiller
Philippe Bourseiller
Foto: DR

B.: Alles ist miteinander verflochten. Die Menschen, der Wald, das Wasser, die Biodiversität. Das Ganze ist ein Zyklus. Laut dem Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) vom Oktober dieses Jahres könnte die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden. Das erfordere aber „schnelle und nie da gewesene Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft“. Ist eine Wende möglich?

A.-B.: Das ist ein sehr lascher und unverfänglicher Bericht. Darin ist die Rede von einer Erwärmung von 1,5 Grad, doch heute glaubt man, dass diese im Jahr 2100 vier bis sechs Grad erreichen könnte. Die Erde wird dann unbewohnbar werden. Es ist unmöglich, dieses konstante Wachstum zu stoppen.

Die Politik ist also gefordert?

A.-B.: Es ist kein Appell an die Politiker, sondern an die Bürger. Politiker sind genau wie wir alle: Sie sind nicht couragierter. Wir haben die Politiker, die wir verdienen – solche, die uns nicht stören. Einen Politiker, der den Mut hat zu fordern, unsere Lebensweise zu ändern, will doch niemand.

Das klingt nicht sehr optimistisch ...

A.-B.: Die fossilen Energien sind für den Klimawandel verantwortlich und man sieht sich außerstande, die Erdölförderung zu stoppen. Im Gegenteil, man investiert Unsummen in die Suche neuer Quellen, weil alles um uns auf Erdöl aufbaut. Diesen Einfluss zu mindern hieße auch, das Wachstum einzuschränken. Der heilige Gral aller Politiker ist aber der Erhalt der Arbeitsplätze. Also schraubt man das Wachstum nicht herunter, und das ist es, was die Welt tötet. In einem Aufruf von 15 000 Wissenschaftlern vom Januar dieses Jahres ist die Rede von der sechsten Aussterbewelle des Lebens auf der Erde. Wir leben in der kollektiven Leugnung dieses Wissens und haben keine Ahnung, wie wir die Flucht nach vorne beenden können. Alle träumen davon, so wie wir leben zu können, und wir wollen noch mehr.

Es tut sich also nichts?

A.-B.: Doch, aber nur sehr langsam. Die Menschen haben verstanden, dass das System so nicht mehr funktioniert, und fangen an, umzudenken. Aber wir sind Gefangene unserer Lebensweise.

Und was kann man unternehmen?

A.-B.: Das ist sehr persönlich. Heute sagen sich viele Menschen: „Ich kann etwas auf meine Art ändern.“ Jeder entscheidet selbst: Bin ich imstande weniger Fleisch zu essen, weniger Kleidung zu kaufen, das Flugzeug weniger zu nutzen? Es ist nicht einfach, ökologisch zu leben. Wir sind alle Konsumenten und man lebt ständig im Widerspruch. Ich komme gerade von einem Dreh für meinen nächsten Film „Woman“ aus Tahiti zurück, wo ich Wale gefilmt habe. Dafür wurden mehr als tausend Liter Kerosin verbraucht. Natürlich frage ich mich, ob es das wert war und ob die Reise auch anders möglich gewesen wäre.

Ihre Aufnahmen sind sehr ästhetisch. Ist es einfacher, die Menschen mithilfe schöner Fotos für Umweltschutz zu motivieren als mit abschreckenden Bildern ökologischer Desaster?

B.: Fotografie ist eine universelle Sprache und das Schöne zieht an. Yann hat erschreckende Aufnahmen von zerstörten Wäldern in Malaysia gemacht. Dennoch sind die Fotos sehr grafisch, und das wird die Menschen eher ansprechen als ein abstoßendes Bild voll Schmutz. Unsere Fotos sind nicht inszeniert, sie zeigen die Welt, wie sie ist.

A.-B.: Ich kann nicht „hässlich“. Die Erde ist ein Kunstwerk, das mich immer wieder fasziniert. Gibt es Schöneres als einen Gletscher, eine starke Eiche in einem Feld? Wir sind da, um diese Schönheit einzufangen. Sie löst Emotionen aus, was wiederum Denkprozesse anregt. Schönheit wirkt außerdem universell. Ich habe Ausstellungen in Kabul gemacht, die von Besuchern ohne kulturelle Bildung gesehen wurden – und sie haben die Schönheit der Welt sehr wohl verstanden.

Was wollen Sie mit Ihren Fotos bewirken?

A.-B.: Nur etwas Schönes zu zeigen, interessiert mich nicht. Neben einem Foto muss ein Text stehen, der das Gezeigte auch erklärt. B.: Die Fotos sind ein Zeugnis und haben auch eine erzieherische Komponente. Alles, was wir tun, hat eine pädagogische Ausrichtung. Sind Ihre Arbeiten eine Art Gedächtnis dieser Welt?

B.: Yann hat in den 1970er-Jahren angefangen und ich in den Achtzigern. Wir haben vor Kurzem unsere Archive aufgearbeitet und diese sind in der Tat eine Form des Gedächtnisses. Wir sind weltweit zurzeit etwa zehn Fotografen, die eine solch globale Grundlagenarbeit über den Planeten gemacht haben. Wir wünschen uns, eines Tages all diese Archive zusammentragen und ein Gedächtnis unseres Planeten schaffen zu können. Das ist wichtig für die zukünftigen Generationen.


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