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Die Ente macht’s
Lifestyle 3 Min. 23.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Stadtbesichtigungen in Paris

Die Ente macht’s

Wie viele Tausende Kilometer genau ihre altersschwachen 2CVs bereits zurückgelegt haben, können die Fremdenführer Eric (links) und Jean-Paul nicht sagen.
Stadtbesichtigungen in Paris

Die Ente macht’s

Wie viele Tausende Kilometer genau ihre altersschwachen 2CVs bereits zurückgelegt haben, können die Fremdenführer Eric (links) und Jean-Paul nicht sagen.
Foto: Fern Morbach
Lifestyle 3 Min. 23.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Stadtbesichtigungen in Paris

Die Ente macht’s

Die „Döschewo“ gehört zu Frankreich wie der Eiffelturm zu Paris. Beides kann man heute in der französischen Hauptstadt gut miteinander kombinieren: Findige Unternehmen bieten Stadttouren an Bord von 2CVs an – Geschichte, Geschichtchen und Autokult inklusive.

von Fern Morbach

Dreitagebart, abgewetzte Lederjacke, angegraute Haare – fehlt nur noch eine Gauloise im Mundwinkel. Eric entspricht ziemlich genau dem Bild, das man sich von einem leicht in die Jahre gekommenen französischen Intellektuellen mit Hang zur Philosophie macht. Seit drei Minuten stehen wir gegenüber der Gare de l’Est an einer roten Ampel.

In Paris geht es verkehrsmäßig wieder einmal nicht voran. Stau, wohin das Auge sieht. Eric nutzt den Stillstand und erzählt seinen Gästen Geschichten und Geschichtchen über Montmartre und Pigalle, über Künstler und Schriftsteller, über Sänger und Schauspieler, über Philosophen und leichte Mädchen.

Es kann nichts kaputtgehen

Lange vier, fünf Minuten später kommt endlich Bewegung in den Verkehr. Eric legt den ersten Gang ein, drückt aufs Gaspedal, mit einem Wellenwackler setzt sich seine 2CV in Bewegung. Hundert Meter weiter und mittlerweile schon im vierten Gang angekommen, wendet sich Eric wieder den Passagieren auf der Rückbank zu. Auf keinen Fall, sagt er, entsprächen die unter dem Tachometer angezeigten 38 756 Kilometer der Wirklichkeit.

„Meine 2CV hat bestimmt 300 000 oder 400 000 Kilometer zurückgelegt, genau weiß das niemand.“ Daran lässt ein Blick in den Innenraum keinen Zweifel aufkommen: Schiefe Sitze, schmutzige Fenster – das Auto mit dem zurückgeklappten Stoffverdeck muss die Schrottplatzreife schon vor Jahren erreicht haben. Erstaunlich, dass es überhaupt noch läuft. „Nicht erstaunlich“, wirft Eric ein. „An einer 2CV kann nichts kaputt gehen.“

Zwischen 1949 und 1990 baute Citroën fast vier Millionen klassische 2CVs. Noch heute gilt die Ente – die „Döschewo“ oder wie auch immer die 2CV noch genannt wird – als das populärste Auto Frankreichs. Eines der übrig gebliebenen Exemplare steuert Eric an diesem Freitagvormittag genauso ruhig wie resolut in Richtung Montmartre. Eric ist Fahrer, vor allem aber ist er Fremdenführer in Diensten von „ParisAuthentic“. Seit acht Jahren bietet das Unternehmen Paris-Touren an Bord von 2CVs an. Was mit zwei Fahrzeugen begann, mauserte sich schnell zu einer kleinen Erfolgsgeschichte.

Eine Fahrt mit einer „Döschewo“ durch Paris ist immer auch ein Stück französische Autogeschichte.
Eine Fahrt mit einer „Döschewo“ durch Paris ist immer auch ein Stück französische Autogeschichte.
Foto: Fern Morbach

Heute teilt sich „ParisAuthentic“ das Geschäft mit einem Mitbewerber. An normalen Tagen schnaufen bis zu 20 2CVs von „ParisAuthentic“ durch die Gassen und Straßen der französischen Hauptstadt. „Bei Bedarf können wir aber bis zu 50 Autos zusammenbekommen,“ sagt Erics Kollege Jean-Paul. Dann greife man auf Privatbesitzer und 2CV-Sammler zurück. Nach einer guten halben Stunde lässt Eric seine Gäste vor der Basilika Sacré Coeur aussteigen, Zeit für einen Kaffee oder ein paar Fotos. Es gibt noch so unendlich viel zu erzählen über das Viertel, über die Place de Tertre, über das Moulin Rouge, über Picasso und Van Gogh, sogar über ein Weinfest, das am zweiten Oktober-Wochenende im Montmartre-Viertel stattfindet und wegen dem sogar mehrere Straßen gesperrt sind.

Wie ein echter Pariser

Paris-Besucher, die die Stadt in einer 2CV kennenlernen wollen, haben die Qual der Wahl. Natürlich gibt es die klassischen Touren für Paris-Neulinge mit Attraktionen wie den Champs Elysées, dem Eiffel-Turm oder der Opéra. Solche Klassiker, sagt Eric, würden vor allem von Amerikanern und Asiaten gebucht, die noch nie zuvor in Europa waren und die Stadt im Schnelldurchgang kennenlernen möchten. Längst hat das Unternehmen aber auch mythische Touren, Nachttouren und Überraschungstouren im Angebot. Die Preise richten sich nach der Dauer und der Zahl der Passagiere. Für die zweistündige Fahrt „Insoupçonnée de l’Est“ beispielsweise sind 89 Euro (zwei Personen im Auto) beziehungsweise 69 Euro (drei Personen) zu zahlen.

An der Place Vendôme legen Eric und Jean-Paul den zweiten Zwischenstopp an diesem Vormittag ein. Während die Gäste die „Döschewos“ verlassen, um Fotos vom renovierten Grandhotel Ritz zu machen, wenden sich viele andere Touristen von der Nobelherberge ab, um Fotos von – genau – den 2CVs zu schießen. Auch fast dreißig Jahre nach dem Produktionsstopp ziehen die Enten Menschen an und Blicke auf sich. Wie sagt es Eric in einer weiteren leicht philosophischen Anwandlung: „Gäste, die eine oder zwei Stunden mit uns durch die Stadt fahren, sind von den Touren angetan und begeistern sich für unsere 2CVs. Am Ende fühlen sie sich wie echte Pariser.“


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