Designerin Tania Baumeister-Hanff

Von Luxemburg an die Spree

Bei ihren Kreationen hat Designerin Tania Baumeister-Hanff stets das Kaufverhalten der Kunden im Blick.
Bei ihren Kreationen hat Designerin Tania Baumeister-Hanff stets das Kaufverhalten der Kunden im Blick.
Foto: Zalando/Claudius Pflug

von Juliane Rump

Die Fashionwelt hat viele Facetten. Für Außenstehende wirkt sie häufig wie ein undurchdringbares Mysterium, in dem sich champagnertrinkende Paradiesvögel der High-Society tummeln. Über solche Klischees kann Lead-Designerin Tania Baumeister-Hanff, die in Heiderscheidergrund bei Esch/Sauer aufwuchs, nur schmunzeln. „Diese Vorstellungen über das Modebusiness haben wenig mit unserem Alltag zu tun. Natürlich umweht die Fashion Weeks etwas glamouröses und viele Designer und Marken inszenieren sich dementsprechend. Das ist aber wirklich nur ein Bruchteil des Gesamtpakets“, erklärt die gebürtige Luxemburgerin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt.

So bricht auch ihre eigene Lebensgeschichte mit den gewöhnlichen Modemythen: Nicht die Hochglanzseiten der Modemagazine oder eine ausgeprägte Freude am Shopping waren Auslöser für ihren Berufswunsch, vielmehr ist die entflammte Leidenschaft Tanias Mutter zuzuschreiben. Mit Anfang 20 war diese von Serbien nach Luxemburg migriert und kaufte sich im Großherzogtum von ihrem ersten Gehalt eine Nähmaschine, mit der sie sich das Schneidern selbst beibrachte und damit begann, eigene Kleidungsstücke anzufertigen. Die vielen gemeinsamen Stunden zwischen Stoffen, Schnittmustern und Nadeln sind an der Tochter nicht spurlos vorbeigegangen – und nach der Schule stand für Tania fest: Ich werde Modedesignerin.

Schnell war der jungen Frau klar, wohin sie diese berufliche Ambition unweigerlich führen sollte. „Berlin war damals, 2002, die aufregendste Stadt, was die Fashionwelt anging. Gerade erst hatten sich dort zwei Modemessen, die Bread & Butter und die Premium, etabliert. Es herrschte Aufbruchstimmung“, erinnert sich Tania. Als die Luxemburgerin dann auch noch an der Modeakademie ESMOD aufgenommen wurde, nahmen die Dinge ihren Lauf: „Meine Eltern haben sich immer ein bisschen Sorgen gemacht, dass ich nach dem Studium keine Arbeit finden würde, sodass ich mich frühzeitig um einen Job gekümmert habe“, erklärt sie. So landete Tania noch während des Abschlussjahres einen Volltreffer und bekam eine Zusage von Mustang – Europas ältester Jeansmarke –, wo sie direkt im Anschluss einsteigen konnte.

Vom Start-up-Spirit gepackt

„Für mich war die Stelle bei Mustang ideal. Zum einen habe ich mich schon immer mehr für Streetwear als für Haute Couture interessiert. Zum anderen war es für mich eine tolle Möglichkeit, hinter die Kulissen eines großen Modeunternehmens zu schauen, einen Einblick in die verschiedenen Bereiche zu bekommen und noch einmal von der Pike auf zu lernen, wie eine Kollektion und eine Marke entstehen“, schwärmt die Wahl-Berlinerin. Nach einem Jahr Assistenz, wurde ihr direkt ein eigener Bereich zugeteilt; so war sie zunächst für Blusen und Hemden und später für Hosen und Röcke zuständig.

Ob die Passform der Konfektionsgrößen stimmt, wird im Atelier am Modell überprüft.
Ob die Passform der Konfektionsgrößen stimmt, wird im Atelier am Modell überprüft.
Foto: Zalando/Svenja Krüger

Nach einer weiteren Station beim Hamburger Unternehmen Tom Tailor, wo sie den Bereich „Young Fashion“ aufbaute, fand die junge Designerin 2011 schließlich den Weg zu Zalando, wo sie nun als Lead-Designerin für das Tochterunternehmen zLabels tätig ist. „Der Einstieg bei Zalando war wirklich eine aufregende Zeit für mich“, erinnert sich Tania. „Das Unternehmen war damals gerade mal zwei Jahre alt und ich spürte sofort diesen Start-up-Spirit. Alle waren motiviert und mit großer Leidenschaft bei der Sache und man merkte deutlich, dass die Firma wirklich innovativ sein will. Meinen Kollegen und mir wurde viel Vertrauen entgegengebracht und wir hatten jede Menge Freiheit und Entfaltungsspielraum, neue, eigene Kollektionen zu entwickeln“.

Heute ist Tania bei zLabels für drei Eigenmarken zuständig: Kiomi, Zalando Essentials und Anna Field. Ihr zur Seite stehen drei Designerinnen, die Expertinnen auf unterschiedlichen Spezialgebieten sind. Während eine von ihnen beispielsweise für den Bereich Blusen und T-Shirts verantwortlich ist, widmet sich eine andere ausschließlich den Hosen. Zu den Aufgaben von Tania als leitender Designerin gehört dabei auch, Trends und Themen für die nächste Saison aufzuspüren. Gerade an diesem Teil ihrer Arbeit wird deutlich, wie tief die Digitalisierung auch die Modewelt durchdrungen und bereits grundlegend verändert hat.

Digitalisierung trifft auf Kreativität

„Als ich studiert habe, waren neben den Magazinen die Modenschauen die wichtigsten Informations- und Inspirationsquellen“, erklärt Tania. „Heute schaut man sich erst einmal alles online an, verfolgt Fashionshows im Internet und durchstöbert die Blogs von Influencern und Bloggern, die oft sehr viel näher an unseren Zielgruppen dran sind und daher eine enorme Bedeutung für uns haben.“

Das Tempo der Produktionsabläufe hat sich, wie in vielen anderen Branchen, erhöht und ermöglicht den Marken schneller und flexibler auf Trends zu reagieren. Darüber, dass ihr irgendwann die Kreativität ausgehen könnte, macht sich Tania keine Sorgen: „Als Designerin muss man eigentlich jeden Tag kreativ sein. Anregungen hole ich mir nicht nur bei den Modeblogs, sondern auch durch Kunst und Interior Design" – damit scheint sie in Berlin, als Quelle der nie versiegenden Inspiration, an genau dem richtigen Ort zu sein. „Inzwischen haben wir viele internationale Künstler in Berlin, die sehr viel Kreativität mitgebracht haben.“

Teamarbeit: Über Farben, Muster und Schnitte wird gemeinsam beraten.
Teamarbeit: Über Farben, Muster und Schnitte wird gemeinsam beraten.
Foto: Zalando/Svenja Krüger

In den Augen der Designerin kann es die deutsche Hauptstadt längst mit den internationalen Modemetropolen aufnehmen: „Wenn man es traditionell angeht, muss man natürlich nach London, New York und Paris. Da sind die klassischen Modenschauen und die inspirieren auf die bekannte Art und Weise, aber in Städten wie Seoul, Berlin oder Tokio findet man deutlich mehr Streetwear und den direkten Kontakt zu den Endkunden. Hinzu kommt die ganze Szene drum herum, der Lifestyle, die Subkultur“, stellt sie fest und fährt fort: „In Berlin hatte ich schon als Studentin die Gelegenheit, in der Modewelt – etwa bei der Fashion Week – mitzumischen. Das wäre in New York ohne große Kontakte nicht denkbar gewesen. Kreative Menschen haben hier viel mehr Möglichkeiten, sich zu verwirklichen.“

Inspiration findet Tania aber nicht nur in ihrer Wahlheimat. Als Lead-Designerin ist sie viel in der Welt unterwegs, sucht neue Stoffe aus, besucht internationale Modeschauen. Als junge Mutter ist es ihr wichtig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Hier kommt ihr der familienfreundliche Ansatz von Zalando entgegen: „Reisen werden meistens drei Monate im Voraus geplant, sodass mein Mann und ich uns gut absprechen und alles organisieren können. Außerdem habe ich jederzeit die Freiheit, von zu Hause aus zu arbeiten oder meine Tochter mit ins Büro zu nehmen, wenn beispielsweise die Kita ausfällt. Für solche Fälle wurden im Unternehmen sogenannte Eltern-Kind-Zimmer eingerichtet. Einmal im Jahr findet ein Familienfest statt und es ist immer schön, bei der Gelegenheit dir Kinder der Kollegen kennenzulernen.“

In der Winterkollektion 2017/18 befindet sich unter anderem dieser von Tania Baumeister-Hanff entworfene Mantel.
In der Winterkollektion 2017/18 befindet sich unter anderem dieser von Tania Baumeister-Hanff entworfene Mantel.
Foto: Zalando

Der Austausch mit den Kollegen ist Tania generell wichtig: „Für mich ist jede Kollektion das Ergebnis einer Teamarbeit, an der sehr unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Bereichen beteiligt sind“, erklärt sie. Wichtig sind dabei auch die Analysen, die ihnen die Online-Verkäufe liefern und welche ihnen konkrete Einblicke in die Vorlieben und Bedürfnisse der Kunden geben: „Stellen wir beispielsweise fest, dass ein neues Kleid nach einer Woche schon fast ausverkauft ist, müssen wir schnell reagieren und überlegen, wie wir es nicht nur nachproduzieren, sondern auch in neuen Variationen anbieten können.“ Dabei liegt der Fokus nicht immer nur auf einem einzigen Projekt – meist erweisen sich die Beteiligten als wahre Multitasking-Talente und jonglieren mit verschiedenen Kollektionen gleichzeitig.

Für Tania eine abwechslungsreiche Herausforderung, denn ein eintöniger Berufsalltag steht für sie nicht zur Debatte. Einer Sache ist sie aber in all den Jahren im Modebusiness treu geblieben: „Ich habe nach wie vor ein Faible für Jeans und werde nicht überdrüssig, sie zu entwerfen und neue Modelle zu entwickeln. Der Jeansstoff bietet einfach unendliche Möglichkeiten“, schwärmt sie.

Über die Frage, für wen sie den gerne mal ein schönes Kleidungsstück designen würde, muss sie nicht lange nachdenken. „Das ist eindeutig Sofia Coppola – ich finde sie hat eine wahnsinnig starke und spannende Persönlichkeit, absolut interessant. Sie ist ein sehr kreativer Mensch und ihre Filme sind super gemacht“, meint Tania über die amerikanische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin, und fährt fort, „ihr würde ich liebend gerne mal ein Outfit für eine Premiere entwerfen. Das dürften dann auch ausnahmsweise ein Kleid und keine Jeans sein.“