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Des Widerspenstigen Zähmung
Lifestyle 6 Min. 30.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Auf Flusskreuzfahrt

Des Widerspenstigen Zähmung

Grün so weit das Auge reicht: Weinreben, Korkbäume und Wacholderbüsche schmücken das 927 Kilometer lange,
mäandernde Dourotal.
Auf Flusskreuzfahrt

Des Widerspenstigen Zähmung

Grün so weit das Auge reicht: Weinreben, Korkbäume und Wacholderbüsche schmücken das 927 Kilometer lange,
mäandernde Dourotal.
Foto: Shutterstock
Lifestyle 6 Min. 30.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Auf Flusskreuzfahrt

Des Widerspenstigen Zähmung

Nathalie RODEN
Nathalie RODEN
Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben gleitet die MS Miguel Torga durch das Dourotal im Norden Portugals, das seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Der wilde Fluss von einst zeigt sich dabei mittlerweile von seiner gemächlichen Seite.

von Nathalie Roden

Es ist 8 Uhr morgens. Vorhang auf für den Albtraum eines jeden Klaustrophobikers: Gut 20 Minuten lang sind die Passagiere der frisch getauften MS Miguel Torga umschlossen von feuchtem Mauerwerk. Wer sich vergewissern möchte, dass er nicht noch am Träumen ist, muss nur die Hand aus seinem bodentiefen Zimmerfenster strecken. Die nass glänzende Betonwand der Crestuma-Schleuse liegt zum Greifen nah.

Alle anderen gehen duschen und grübeln darüber nach, wie der Kapitän es so früh am Morgen wohl geschafft hat, das 11,4 Meter breite und 80 Meter lange Schiff ohne Anzuecken in diese schmale Sackgasse zu manövrieren. Die erste Schleuse auf dem Weg flussaufwärts von Porto am Atlantischen Ozean Richtung Regua befördert das jüngste von insgesamt fünf auf dem Douro verkehrenden Mitgliedern der CroisiEurope-Flotte rund 14 Höhenmeter nach oben.

Die MS Miguel Torga
Die MS Miguel Torga
Foto: Denis Merck

Eine angenehme Weite tut sich vor dem Schiff auf. Der Morgennebel hängt noch wie ein schwerer, nasser Schleier über den grünen Hügeln, die sich links und rechts des sich windenden Flussbettes auftürmen. Vereinzelt bricht sich ein kleiner Wasserfall durch die Felsen Bahn. „Man könnte glatt meinen, wir wären mitten im asiatischen Urwald, nicht wahr?“, haucht eine Passagierin und lässt den Blick schweifen. Die wenigen Reisenden, die sich noch vorm Frühstück auf das Sonnendeck gewagt haben, klappen eilig ihre Krägen hoch. Der Frühlingswind zerzaust das eben noch frisch frisierte Haar, während im Hang gegenüber ein Pferd mit wallender Mähne zwischen blühenden Mandel- und Olivenbäumen trabt.

Im Bordrestaurant drei Etagen tiefer schwappen immer wieder Wellen gegen die Panoramafenster. Gegessen wird aus der Entenperspektive, denn die Brüstungshöhe liegt nur knapp über dem Wasserspiegel. Von hier aus schaut man hoch zu den gelegentlich vorbeigleitenden Ruderern.

Raue Abenteuerromantik

Früher hätten sich die Athleten mit ihren langen filigranen Skiffs vermutlich nicht bis aufs Wasser gewagt. Zahlreiche, reißende Stromschnellen und tückische, felsenreiche Passagen stellten bis ins 20. Jahrhundert selbst für die erfahrensten Flussfahrer eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar.

Vor allem die mit Portwein beladenen „Rabelos“ hatten mit den Launen des temperamentvollen Flusses zu kämpfen. Doch der Wasserweg war inmitten der unwegsamen Gebirgslandschaft über Jahrhunderte streckenweise die einzige Verbindung zwischen den kleinen Uferdörfern und der Handelsstadt Porto. Also trotzte man den Naturgewalten – wobei die Weinfässer aus Sicherheitsgründen immer nur teilweise befüllt waren. Kenterte das Boot, ging die süße Fracht zumindest nicht gleich in den Fluten unter.

Wer hier lebt ist grundsätzlich hart im Nehmen. Auch wenn die Winzer zum Transport ihrer Portweinfässer mittlerweile komplett auf Lastwagen umgestiegen sind und die „Rabelos“ nur noch touristische Bedeutung haben. Das Wetter variiert in dieser Region zwischen überraschend frostigen Minusgraden im Winter und flirrenden 45 Grad im Hochsommer.

Die Weinberge mit ihren kargen Schieferböden weisen teilweise schwindelerregende Neigungen von bis zu 70 Prozent auf. Hier ist also nach wie vor gute alte Handarbeit bei der Traubenlese gefragt. In den über Tausende Kilometer mit Steinmauern eingefassten Terrassenanlagen und den holprigen Straßen, die sich in engen Serpentinen den Hang hochwinden, steckt der Schweiß mehrerer Winzergenerationen. Ein Ende der Konstruktionsarbeiten ist nicht in Sicht.

Sich treiben lassen

Der Fluss selbst hat dank fünf Staudämmen mittlerweile deutlich an Temperament verloren. Nicht aber an Charme. Mit jedem Kilometer, den sich die MS Miguel Torga flussaufwärts schlängelt, wird die Landschaft ein wenig wilder, das Flussbett schmaler, die Landschaft zerklüfteter – und der Puls der Passagiere ruhiger. Gelegentlich dringt das Bellen eines Streuners oder das Scheppern einer Schaufel vom Ufer herüber. Wer heutzutage über den Douro schippert, für den hält das Tal neben süffigem Wein und idyllischen Auenlandschaften mit mediterranem Flair ansonsten einen wohligen Überfluss an meditativer Stille parat. Die Adrenalinkicks, wie sie früher gang und gebe waren, muss man sich heute woanders suchen.

Ein besonderes Erlebnis: Die Carrapatelo-Schleuse ist mit 35 Metern Höhenunterschied die größte in Europa.
Ein besonderes Erlebnis: Die Carrapatelo-Schleuse ist mit 35 Metern Höhenunterschied die größte in Europa.
Foto: Nathalie Roden

Ricardo Simoes, Kapitän der MS Miguel Torga, scheint das fast zu bedauern. „Der Oberlauf nahe der spanischen Grenze gefällt mir besonders“, erzählt der 37-Jährige, während er hastig das Horn betätigt, um ein entgegenkommendes Schiff zu grüßen. Ein Strahlen huscht über sein Gesicht. Für ein paar Sekunden steht an seiner Stelle ein Zehnjähriger. „Dort ist die Landschaft noch wilder. Man hat weder Funk- noch Internetverbindung, so dass man ausschließlich auf sich selbst und seine Terrainkenntnisse angewiesen ist, um sicher an den Steinen vorbeizumanövrieren.“

Unter seiner Glatze zeichnet sich ein dunkler Stoppelschatten ab, die buschigen Brauen verdüstern den Blick und in den Ohrläppchen glitzern Brillantstecker. Der Verschnitt zwischen Meister Proper und Pirat sitzt vor fünf Monitoren: Auf dem Schirm flimmern Radar- und diverse Überwachungsbilder. Gesteuert wird die MS Torga nicht via Steuerrad, sondern über drei unspektakuläre rote Drehknöpfe.

Dem Himmel entgegen

Die Sonne hat sich mittlerweile einen Weg durch die Wolkendecke gebahnt und lässt die Wellen glitzern. Ein schöner Kontrast zu den unzähligen Grünschattierungen inmitten derer kubistische Luxusneubauten neben verlassenen Steinhäusern ein lauschiges Plätzchen gefunden haben. Greifvögel ziehen über den benachbarten Baumwipfeln seelenruhig ihre Kreise. Und am Horizont winken gigantische Windräder mit ihren imposanten Rotorblättern. Don Quijote lässt grüßen.

Doch es ist natürlich nicht der spanische Romanheld der an der nahe gelegenen Schleuse Carrapatelo, der größten Europas, namentlich zu Ehren kam, sondern der Robin Hood Portugals, welcher der Legende nach im 19. Jahrhundert in einem nahe gelegenen Bauernhof gefangen genommen wurde – und letztendlich doch entkam. Ihre Fallhöhe beträgt 35 Meter.

Umso beeindruckender die Einfahrt durch das schwere Guillotine-Tor: Man hat das Gefühl als würde man im stählernen Bauch eines gigantischen Frachtschiffes verschwinden. Über 150 Leiterstufen müssten Waghalsige von Bord aus hochklettern. Zwischen der MS Torga und der Schleusenwand, die eine bemerkenswerte Kühle abstrahlt, liegen nur mehr 30 Zentimeter. Das Wasser rauscht in kräftigen Strahlen die Wand hinunter, begleitet vom klagenden Singen des Metalls, das an Walgesänge erinnert. Ein fast schon bedrohliches Szenario.

Doch über den Köpfen der Passagiere zeichnen sich die Silhouetten eines Schwalbenschwarms ab. „In Portugal gelten sie als Glücksbringer“, meint Reisebegleiterin Matilda. Nachdem erst am Morgen zuvor die Champagnerflasche erfolgreich am Bug zerschellt ist, dürfte die Reisegesellschaft also auf der sicheren Seite sein. „Bislang habe ich noch nie einen Unfall gehabt“, schwört auch der Kapitän und klopft eilig auf Holz.

Wem dennoch kurz etwas bang zumute ist, der macht aus der Not eine Tugend und hilft seiner Zuversicht schluckweise nach. „Meine Damen und Herren, wir bitten Sie zur restlichen Durchfahrt in die Bar, wo wir den Aperitif für Sie vorbereitet haben.“

Informationen zur MS Miguel Torga

Seit Anfang April verkehrt die in Namur gebaute MS Miguel Torga auf dem „goldenen Fluss“ im Nordwesten Portugals. Die Strecke der sechs- bis achttägigen Douro-Kreuzfahrten reicht von Porto am Atlantischen Ozean bis zur spanischen Grenze – und zurück. Das „5-Anker-Klasse“-Schiff aus der französischen CroisiEurope-Familie verfügt neben einem Bordrestaurant, einer Panorama-Lounge und einem Pool auf dem Sonnendeck über 66 großzügige Kabinen, die sich über drei Decks verteilen. Somit finden neben der 32-köpfigen Crew insgesamt 132 Passagiere auf der MS Miguel Torga Platz. Diverse Ausflüge – darunter auch die Möglichkeit zum Hiken und Biken – und Abendanimation, wie etwa Fado-Konzerte, sorgen für Abwechslung. Die Inneneinrichtung des Schiffes ist zeitgemäß und mit der moderner Luxushotels vergleichbar. In Luxemburg vertreibt Neptun Cruises aus Esch/Alzette die Produkte von CroisiEurope.


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(ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung des nachfolgenden Credits.) Foto: Tui Cruises