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Dem Aletschgletscher ganz nah
Lifestyle 4 Min. 25.09.2019

Dem Aletschgletscher ganz nah

So sieht Gletscherschwund aus: Die glatten Felsen waren vor einigen Jahrzehnten noch von Eis bedeckt.

Dem Aletschgletscher ganz nah

So sieht Gletscherschwund aus: Die glatten Felsen waren vor einigen Jahrzehnten noch von Eis bedeckt.
Foto: Frank Weyrich
Lifestyle 4 Min. 25.09.2019

Dem Aletschgletscher ganz nah

Auf einer Bergwanderung in den Walliser Alpen in Richtung Konkordiaplatz kann man auf den Spuren der Erdgeschichte wandeln.

Von Frank Weyrich 

Der Klimawandel ist in aller Munde, der Meeresspiegel steigt und die Gletscher schmelzen. Wenn es also eines zusätzlichen Grundes bedarf, um eines der herausragendsten Naturschauspiele aus der Nähe zu betrachten, dann ist jetzt der Augenblick, um sich den Aletschgletscher wortwörtlich zu „erwandern“.

Der „Große Aletschgletscher“, wie er offiziell heißt, ist der größte und längste Gletscher der Alpen. Auch wenn er gegenüber seiner maximalen Ausdehnung Mitte des 19. Jahrhunderts um sage und schreibe 27 Prozent geschrumpft ist, so sind seine heutigen Ausmaße nach wie vor beeindruckend. Mit seinen knapp 23 Kilometern Länge würde er eine Strecke von Belval bis zum Flughafen Findel bedecken oder von der hauptstädtischen Place d’Armes bis nach Schieren. An seiner stärksten Stelle ist er immerhin noch 900 Meter tief. Wissenschaftler haben zudem ausgerechnet, dass seine gesamte Eismasse elf Milliarden Tonnen ausmacht. Seine Lage mitten in der Schweizer Bergwelt sorgt zudem für eine außergewöhnliche Kulisse.


Die fotoscheuen Schafe würdigen das Matterhorn keines Blickes. / Foto: Frank WEYRICH
Das Matterhorn im Blick
Eine Wanderung in den Walliser Alpen am Fuß eines Schweizer Wahrzeichens verspricht spektakuläre Aussichten.

Startpunkt Fiescheralp

Den besten Zugang zu diesem Naturwunder hat man auf der Seite des Kantons Wallis. Auf Berner Seite erlaubt zwar der Aufstieg mit der Jungfraubahn bis auf das Jungfraujoch ebenfalls spektakuläre Sichten auf den Gletscher, aber nur die Walliser Seite erlaubt eine Bergwanderung vor beeindruckendem Panorama. Die beiden autofreien Bergdörfer Bettmeralp und Fiescheralp bieten sich als Startpunkt für eine Rundwanderung an. Beim Anstieg wandert man über Kuhweiden, wo die Glocken um den Hals der Kühe keinen Zweifel aufkommen lassen, dass man sich in der Schweiz befindet. Auch ein Murmeltier kann man mit etwas Glück erspähen. Auf der Hohbalm auf 2 490 Meter Höhe angekommen, kann das Spektakel beginnen. Hier erhascht man einen ersten Blick auf den Gletscher. Falls man vom Aufstieg nicht außer Atem ist, so verschlägt einem der Anblick des Eisflusses sicherlich die Sprache. Auf dem kleinen Wanderweg, der dem Gletscher hoch oben folgt, hat man Gelegenheit, Spalten und Séracs (Türme aus Gletschereis) zu beobachten. Ameisen gleich erspäht man weit unten auf dem Eis andere Wanderer.

Vorbei an der „Roti Chumme“ nähert man sich neuen Ausblicken. Kurz vor dem Märjelensee öffnet sich das Gletschertal und gibt den Blick frei auf den Konkordiaplatz. Dieser ist aber nicht etwa ein Platz wie wir ihn aus Städten kennen. Es ist die Bezeichnung für den Zusammenfluss der drei Quellgletscher Großer Aletschfirn, Jungfraufirn und Ewigschneefeld. Hier, auf 2 700 Meter Höhe, beginnt offiziell der Große Aletschgletscher. Wo es soviel nach vorne zu sehen gibt, vergisst man leicht den Blick zurück. Doch auch nach hinten lohnt es sich zu schauen. Weit unten im Tal türmt sich die Endmoräne des Gletschers, wo man vor lauter Gestein kaum noch Eis erspäht. Und noch weiter in der Ferne steht majestätisch der wohl bekannteste Berg der Schweiz: das Matterhorn.

Am Märjelensee angekommen, wundert man sich ob der Ausmaße des Gewässers. Der See verdient eher den Ausdruck Weiher als See und doch hat er vor 150 Jahren die Bewohner der Täler in Angst und Schrecken versetzt. Sieht er heute ganz nach Postkartenidylle aus, so war seine größte Ausdehnung durchaus eindrucksvoll. Bis zu anderthalb Kilometer lang war er und vor allem über 70 Meter tief. Damals war er ein echter Randsee, weil der Gletscher bis hierher reichte. Seine unvorhersehbaren Überschwappungen führten noch 1878 im weit entfernten Rhonetal zu katastrophalen Überschwemmungen. Erst als der Gletscher sich zurückzog, kehrte Ruhe ein. Gleich nebenan befindet sich das Gasthaus Gletscherstube, wo sich Wanderer stärken und erholen können.

Auf Tuchfühlung mit dem Gletscher: Durch die blaue Höhle verschwindet der Gebirgsbach im Eis.
Auf Tuchfühlung mit dem Gletscher: Durch die blaue Höhle verschwindet der Gebirgsbach im Eis.
Foto: Frank Weyrich

Bevor es wieder zurück geht, lohnen sich aber noch zwei Abstecher: Dem Bächlein folgend gelangt man bis an den Rand des Gletschers. Der Gebirgsbach verschwindet durch eine meterhohe Höhle in den Tiefen des Eises. Die Höhle selbst leuchtet in einem schaurig-schönen Blauton, der von dem Eispanzer ausgeht. Weiter oben ergibt sich ein ganz anderes Schauspiel: Auf der sogenannten Platta hat man den besten Blick auf den Gletscher und den Konkordiaplatz. Dahinter leuchtet in der Sonne die Bergstation des Jungfraujochs.

Durch den Tunnel zum Kühboden

Der Heimweg hält aber noch eine weitere Überraschung bereit. Der Wanderweg mündet urplötzlich in einen Tunnel. Der Tälligrat-Tunnel ist rund einen Kilometer lang und wurde angelegt, um die Ortschaften im Tal mit Trinkwasser zu versorgen. So wandert man denn auch die ganze Zeit neben einem dicken Rohr bis man auf der anderen Seite wieder ans Tageslicht kommt.

Bis nach Fiescheralp ist es nun nur noch ein Katzensprung. Die zahlreichen Kühe, die einem unterwegs begegnen, liefern eine Erklärung für den Namen, den der Ort bis vor wenigen Jahren trug: Kühboden. Aber dieser rustikale Name scheint nicht so recht in das Marketingkonzept gepasst zu haben.

Die Rundwanderung kann von eiligen Wanderern in gut vier Stunden zurückgelegt werden. Wer aber diese einmalige Umgebung genießen will und möglichst viele Eindrücke mit nach Hause nehmen möchte, der sollte sich Zeit nehmen und ruhig einen ganzen Tag einplanen. 


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