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Das Multitool von VW

Das Multitool von VW

Das Multitool von VW

Das Multitool von VW


von Claude FEYEREISEN/ 31.03.2020

Er bleibt das Schweizer Taschenmesser unter den Familientransportern: der Multivan 6.1. Seine Stärken liegen aber woanders, als bei Beschleunigung und Maximaltempo.

Jeder Lamborghini-Fahrer wäre neidisch gewesen: Nicht nur die Kinder – wenn sie denn wachstumsmäßig dazu in der Lage waren - drückten sich an den Fensterscheiben des VW Multivan die Nasen platt, als dieser in der Garagenzufahrt des trauten Heims parkte, auch die vielkindrigen Väter aus der Nachbarschaft stellten eine bis dato nicht bekannte Auto-Begeisterung unter Beweis. Ob sie sich den Multivan einmal näher anschauen dürften, fragten sie. Damit war der Startschuss für das Autofestival im Wohngebiet gefallen. 

Sieht nicht nur aus wie ein Auto, fährt auch wie ein Auto: der VW Multivan.
Foto: Pierre Matgé

Autofestival einmal anders

Die elektrische Schiebetür wurde sogleich für gut befunden, gleiches galt für die elektrische Heckklappe, da sich beide wuchtige Öffnungsvorrichtungen beim Multivan ansonsten nur mit konsequentem Körpereinsatz bedienen lassen. Die nächste Testaufgabe galt dem Verstauen eines Erwachsenen-Fahrrads ohne Abnehmen des Vorderrades: Es passt gerade so hinein, allerdings muss dazu die Dreier-Rückbank entweder nach vorne oder nach hinten geschoben werden, je nachdem ob man das Rad im Heck oder aber durch die seitliche Schiebetür im Passagierabteil verstauen möchte. 

An dieser Stelle des spontanen Praxistests unter Nachbarn wurde denn auch die Verwandlungsfähigkeit des Multivan-Innenraums deutlich. Die Dreier-Bank sowie die beiden (aufpreispflichtigen) Einzelsitze in Reihe zwei lassen sich nahezu beliebig im durchgängigen Schienensystem verschieben. Grenzen werden lediglich durch ein gewisses Mindestmaß an Beinfreiheit gesetzt, sollten denn zeitgleich mit sperrigen Gütern auch Passagiere befördert werden müssen.

Für Kurzweil beim Personentransport sorgen derweil die drehbaren Einzelsitze, so dass man sich, falls gewünscht, wie in einem Zugabteil gegenübersitzen kann. Ergänzt wird diese dialogfördernde Sitzkonfiguration durch einen in der Schiebetür verstauten Klapptisch, der sich binnen Sekunden aufstellen und in einer Führungsschiene auf der linken Fahrzeugseite einrasten lässt. Allerdings rät der Hersteller tunlichst davon ab, sich dieses Features während der Fahrt zu bedienen – aus Sicherheitsgründen. 

Trucker-Feeling

Auf den Fahrersitz muss man sich regelrecht schwingen, oder man nutzt tatsächlich die Trittstufe, um einigermaßen elegant einzusteigen. Die Sitzposition ist nämlich ausgesprochen hoch, ähnlich einem Lieferwagen, auf dem der Multivan ja auch basiert. So stellt sich denn auch binnen Sekunden ein gewisses King-of-the-Road-Feeling ein. 

Hat man es sich bequem gemacht, die links und rechts am Sitz angebrachten Armlehnen heruntergeklappt und die üppig bemessenen Außenspiegel justiert, erinnert nur mehr wenig an die Nutzfahrzeugverwandschaft des Multivan. Das Armaturenbrett ist derart hochwertig gestaltet, dass man sich in einem Personenwagen wähnt. Verstärkt wird dieser High-end- Eindruck durch die (aufpreispflichtigen) Gimmicks wie das volldigitale Cockpit oder das markentypische Navigationssystem mit Touchscreen. 

Der Zünd-Schlüssel

Um 20 Jahre zurückversetzt fühlt man sich aber beim Anlassen des Motors, weil zunächst einmal ein veritabler Zündschlüssel – mit Bart – in ein nicht weniger echtes Zündschloss gesteckt werden will! Nach dem Drehen des Zündschlüssels nimmt der Vierzylinder-Turbodiesel mit zwei Litern Hubraum und 150 PS nahezu vibrationsfrei seinen Dienst auf. 

Das TDI-Aggregat macht denn auch vergleichsweise wenig Aufhebens von seiner Arbeit, einzig in höheren Drehzahlbereichen brummt der Motor deutlich – immer dann, wenn das DSG-Getriebe die Gänge neu sortiert, um den immerhin 2,1 Tonnen (Leergewicht) schweren Klotz wieder auf Trab zu bringen. 

Die optionale Zwei-Farben-Lackierung lässt den Multivan weniger wuchtig erscheinen.
Foto: Pierre Matgé

In der Praxis schlägt sich der 150-PS-Multivan besser, als es das Datenblatt vermuten lässt. Das Drehmomentplateau von 340 Newtonmeter im Drehzahlbereich von 1500 bis 3000 U/Min erweist sich im Alltag als vollends ausreichend. Allzu vehementes Losfahren quittiert der frontgetriebene Multivan sogar mit durchdrehenden Rädern und ausbleibendem Vortrieb. Also: Besser gleich die 4Motion-Version mit Allradantrieb bestellen.

150 PS reichen aus

Die 150-PS-Maschine passt bestens zum ruhigen Charakter des Multivan, der allein schon ob seiner stattlichen Breite von 1,90 Meter nur bedingt für die Kurvenhatz auf Landstraßen taugt. Die gelassene Gangart liegt ihm da schon eher, und auf der Autobahn zieht er bis knapp über die höchstzulässige Geschwindigkeit von 130 km/h stoisch seine Bahn. Gemäßigt gefahren, hält sich der Dieselkonsum in Grenzen: Angesichts der zu bewegenden Masse ist der Testverbrauch mit 8,3 Litern je 100 Kilometer durchaus vertretbar und liegt nur knapp über dem WLTP-Herstellerwert von 8,0 Litern.

Ab 130 km/h aber steigt der Verbrauch exponenziell. Zudem wird dem Multivan jenseits von 150 km/h seine Kastenform zum Nachteil. Bis zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit von 182 km/h vergeht eine kleine Ewigkeit. Wer also mit einem Multivan auf der Autobahn mit Fahrzeugen mit weniger Fassungsvermögen mithalten will, dem sei zu der Version mit Doppelturbo-TDI und 199 PS geraten, hier sind dann maximal 201 km/h möglich. 


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Fahrwerksseitig geht der Multivan auf Nummer sicher, schiebt in zu schnell angegangenen Kurven über die Vorderräder, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Wer gerne ein wenig zügiger unterwegs ist und das Wanken der Karosserie einschränken will, dem sei -  wie bei unserem Testwagen – zum optionalen Dynamikfahrwerk mit 20 Millimeter Tieferlegung geraten.

Treuer Freund

Innerhalb von fünf Tagen und 500 Kilometern Testfahrt entwickelte sich der 150-PS-Multivan in der für Ottonormalverdiener gerade noch so erschwinglichen Trendline-Ausführung mit strapazierfähigen Textil-Sitzbezügen und dem pflegeleichten Kunststoff-Fußboden zum treuen Begleiter. Aufgrund der mannigfaltigen Individualisierungsmöglichkeiten des Multivan in Form von Ausführungen, Sonderserien, Ausstattungspaketen und Einzeloptionen lässt sich der Kaufpreis problemlos in den sechsstelligen Euro-Bereich hieven. 

Ist der finanzielle Spielraum jedoch begrenzt, so sollte man sein Geld unbedingt in folgende Zusatzausstattungen investieren: die LED-Frontscheinwerfer, die Drei-Zonen-Klimaanlage, das Fahrer-Assistenz-Paket, Parksensoren samt Rückfahrkamera, die elektrisch betätigte Schiebetür, die elektrische Heckklappe, die Anhängerkupplung, das DSG-Getriebe und den Vierradantrieb. 

Derart ausgestattet, erweist sich der Multivan für rund 60.000 Euro Listenpreis als das nahezu perfekte Familienfahrzeug für bis zu sieben Personen und reichlich Gepäck. Da kann kein SUV mithalten.

Der Abschied fällt schwer

Entsprechend schwer fiel der Abschied. Weniger für die Nachbarn, als für den eigenen Nachwuchs, der seit dem Entschwinden des Multivan den Erwerb eines eben solchen einfordert. Trüge man also dem Wunsch von Tochter und Sohn Rechnung, wären damit auch sämtliche Platzprobleme bei der Urlaubsfahrt vom Tisch. 

Auch bräuchte man sich nicht mehr die Frage nach der Angemessenheit und Sozialverträglichkeit eines SUV zu befassen: Im Multivan sitzt man noch höher, erntet aber keine missbilligen Blicke von anderen Verkehrsteilnehmern mit Weltverbesserungsanspruch. 

Und, mit Geld nicht zu bezahlen: Der Multivan zieht mehr Blicke auf sich als ein Lamborghini, kostet aber  weniger! 


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