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Christian Benedict: „Im Schlaf reift man mental“
Lifestyle 6 Min. 14.11.2019

Christian Benedict: „Im Schlaf reift man mental“

Schlafforscher Dr. Christian Benedict stammt aus Hamburg und ist Leiter einer Forschungsgruppe an der Universität Uppsala in Schweden.

Christian Benedict: „Im Schlaf reift man mental“

Schlafforscher Dr. Christian Benedict stammt aus Hamburg und ist Leiter einer Forschungsgruppe an der Universität Uppsala in Schweden.
Foto: Stefan Tell
Lifestyle 6 Min. 14.11.2019

Christian Benedict: „Im Schlaf reift man mental“

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Der deutsche Schlafforscher Christian Benedict erklärt im Interview, warum ausreichend Ruhe wichtig ist und wie man dazu kommt.

Christian Benedict arbeitet an der Universität Uppsala in Schweden am Institut für Neuro-Wissenschaften. Dort ist er in Forschung und Lehre tätig. Außerdem hat der 42-Jährige ein Buch geschrieben, das sich mit dem Thema Schlaf befasst. Warum dieser so wichtig ist und was eigentlich nachts mit einem passiert, wenn man im Bett liegt, darüber hat der Wissenschaftler mit dem „Luxemburger Wort“ gesprochen.

Christian Benedict, hat unsere Gesellschaft ein Schlafproblem?

Bestimmte Dinge, die zu Schlafproblemen führen können, sind in unserer Gesellschaft heute häufiger anzutreffen, zum Beispiel Übergewicht. Das kann dazu führen, dass man Atemaussetzer im Schlaf hat, die sogenannte Schlafapnoe. Dann auch unsere Alltagsgewohnheiten: Natürlich hatten wir früher auch Nachtschichten, Kinder, Stress, berufliche Herausforderungen. Aber mit der digitalen Revolution haben Computer und Smartphones Einzug in den Alltag gehalten. Man hat die Möglichkeit, rund um die Uhr mit anderen in Kontakt zu treten. Das ist einerseits erfreulich, aber hinsichtlich des Schlafes nicht. Nach der Arbeit sollte man sich ja eigentlich erholen. Wenn man dann verfügbar ist, hat man diese Erholung nicht.

Dr. Christian Benedict mit Minna Tunberger: „Schlaf ist die beste Medizin“. Eden Books, ca. 224 Seiten, ISBN 978-3-95910-230-8, € 16,95.
Dr. Christian Benedict mit Minna Tunberger: „Schlaf ist die beste Medizin“. Eden Books, ca. 224 Seiten, ISBN 978-3-95910-230-8, € 16,95.
Foto: Hersteller

Warum müssen wir überhaupt schlafen?

Alles, was wir am Tag erleben, bedarf einer Nachbearbeitung. Und das passiert im Schlaf. Wenn man schläft, dämpft man den äußeren Einfluss, man konzentriert sich nicht mehr auf das, was sich um einen herum befindet. Man muss nicht mehr die ganze Zeit Sinneseindrücke sammeln, interpretieren und sein Verhalten anpassen. Der Körper hat Zeit, sich auf sich zu konzentrieren. Das Gehirn verarbeitet die Eindrücke, die wir am Tag gesammelt haben und sortiert, was besonders wichtig ist und gefestigt werden muss, weil es eine Relevanz für uns hat. Und es löscht, was nicht wichtig ist. Damit schaffen wir Freiraum für neues Lernen am nächsten Tag.

Das heißt, schlafen ist auch eine Art Weiterbildung für das Gehirn?

Der Schlaf gibt uns die Möglichkeit, neue Dinge, die wir erlernt haben mit bestehendem Wissen, mit unserer Erfahrungen abzugleichen. So erkennen wir neue Muster, finden Lösungen für Probleme des Tages. Man schafft im Schlaf einen Fundus an Erfahrungen und reift mental. Außerdem gibt es Studien, die belegen, dass Schlafen unser Gehirn gesund hält. Im Wachzustand wird im Gehirn viel Energie verbrannt und dabei entstehen Abfallstoffe. Diese Nebenprodukte dürfen nicht im Gehirn bleiben, weil sie dort zu Erkrankungen führen können. Im Schlaf wird Hirnflüssigkeit durch das Hirngewebe gepumpt und die Abfallprodukte weggespült. Die Frage ist, ob man damit sogar manchen Erkrankungen des Gehirns vorbeugen kann. Wer schlecht oder zu wenig schläft, hat zum Beispiel ein höheres Risiko für eine Alzheimererkrankung.

Woher weiß man, wie viel Schlaf man braucht?

Wenn man frei hat, kann man schon mal schauen, wie lange man ohne Wecker schläft. Das Problem dabei ist, dass man sich im Urlaub tagsüber anders verhält als im Alltag. Wenn ich im Schlaf den Tag verarbeite, spielt es ja auch eine Rolle, wie mein Tag gestaltet war. Jede Nacht des Schlafes passt sich dem Tag an. Trotzdem bekommt man so zumindest ein Gefühl für die Länge. Schaut man sich Studien an, sind wohl sieben bis neun Stunden optimal. Aber es gibt auch Studien, die sagen, dass die Schlafqualität eine wichtige Rolle spielt. Was nutzen mir neun Stunden Schlaf, wenn er schlecht ist? Wer weniger als 80 Prozent der Zeit, die er zum schlafen im Bett ist, schläft, hat eine höhere Sterblichkeit und ein höheres Risiko für Volkskrankheiten als die, die mehr als 80 Prozent der Zeit schlafen. Insgesamt gilt aber: Nicht jeder braucht die gleiche Zeit.

Kann man zu lange schlafen?

Langschläfer, die typischerweise länger als neun Stunden schlafen, haben ein hohes Risiko früher zu sterben oder für Adipositas oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber die meisten von ihnen haben Grunderkrankungen, die überhaupt erst dazu führen, dass sie lange schlafen. Die Reflux-Erkrankung beispielsweise. Das ist ein Säurerückfluss aus dem Magen, der zu Sodbrennen führt und den Schlaf negativ beeinflussen kann. Dann bleibt man eher länger liegen, um sich zu erholen. Der Körper versucht den schlechten Schlaf mit der Ausdehnung der Schlafdauer zu kompensieren.

Wer nicht einschlafen kann, zählt oft Schäfchen. Hilft das wirklich?

Es gibt viele Dinge, die man da tun kann. Schäfchen zählen kann kontraproduktiv sein, weil man sehr fixiert darauf ist. Jetzt bin ich schon bei 200 und schlafe immer noch nicht! Es hängt natürlich ein bisschen von der Persönlichkeit ab. Man sollte versuchen, seinen Fokus von anderen Dingen wegzulenken. Kleine Kinder schlafen zum Beispiel, wenn man den Föhn oder den Staubsauger einschaltet. Das ist das Phänomen der sogenannten „White Noise“, eine monotone Geräuschkulisse, die die Aufmerksamkeit einfängt und dazu führt, dass man sich nicht auf andere Dinge konzentriert. Jetzt kann man natürlich nicht mit dem Staubsauger im Bett einschlafen. Aber man kann Atemübungen machen, meditieren, eine To-Do-Liste für den nächsten Tag schreiben. Das alles hat etwas mit Schlafhygiene zu tun.

Das heißt, guter Schlaf will vorbereitet werden?

Unser Gehirn liebt Abläufe, die es kennt. Viele sind sehr fokussiert auf die halbe Stunde, bevor man sich schlafen legt. Aber wenn man sich überlegt, was den Schlaf reguliert, dann muss der ganze Tag schon richtig gestaltet sein. Durch alles, was ich am Tag mache, baue ich einen Schlafdruck auf. Wenn ich eine Schwelle überschritten habe, spüre ich, dass es Zeit zum Schlafen ist. Daneben gibt es aber noch die innere Uhr, die bestimmt, wann der Druck umgemünzt werden kann in Schlaf. Wenn man morgens Tageslicht bekommt, ist das für die innere Uhr ein Signal wach zu sein. Am Abend, wenn es dunkel ist, weiß die innere Chefuhr im Hirn, die durch die Augen Lichtinformationen bekommt, dass es Zeit zum runterfahren ist.

Also ist die Lösung, zur richtigen Zeit das Licht an- und auszuschalten?

Es kommt auf das Licht an. Viele Leute im Büro bekommen künstliches Licht, das sind oft nur 200 Lux. Wenn man rausgeht und es bewölkt ist, bekommt man 5 000 bis 6 000 Lux, wenn es sonnig ist sogar 100 000. Die innere Uhr braucht einen Lichtstimulus am Morgen. Aber abends haben wir dann wieder viel artifizielles Licht. Auch durch Handys. Das macht es schwieriger für unseren inneren Rhythmus zu verstehen, wann es Tag und wann es Nacht ist. Was man also eigentlich machen sollte: Ordentlich viel Tageslicht in den Morgenstunden bekommen.

Welchen Einfluss haben Ernährung und Sport?

Sport am Morgen und am Nachmittag vor 16 oder 17 Uhr hilft der inneren Uhr. Später Sport verschiebt sie nach hinten. Beim Essen ist es auch so. Wer am Tag isst, schläft abends besser. Und es ist auch nicht schlimm, nicht ständig aktiv zu sein. Man braucht auch mal Langeweile, das fördert die Kreativität. Und es schafft außerdem Raum für Reflexion. Man braucht am Tag Pausen. Nicht unbedingt lange und in der Stille, einfach ein kurzer Spaziergang, bei dem man für sich ist und mal abschaltet. Wenn man so schon ein bisschen Ballast abwirft, nimmt man auch weniger am Abend mit ins Bett.


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Hört sich an, als sei Schlaf ein sehr komplexes Thema ...

Das Problem ist: Mehr Sport machen oder gesünder Essen sind Dinge, die kann man aktiv tun. Beim besser Schlafen ist das schwierig. Man kann einladende Voraussetzungen schaffen, aber der Schlaf kommt immer noch zum Menschen. Man sollte aber auch nicht immer gleich alles infrage stellen. Manchmal schläft man einfach phasenweise schlecht. Wenn das dann aber auf Dauer der Fall ist, also etwa dreimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten, dann ist es wohl Zeit, zum Arzt zu gehen. Weil der Schlaf so wichtig für viele Funktionen ist, kann ein schlechter Schlaf auch ein Spiegel von Problemen im Körper sein.

Also ist Schlaf kein Allheilmittel?

Schlaf ist wichtig, aber er ist nicht der einzige Faktor der ausmacht, ob man gesund bleibt. Es heißt nicht, solange ich gut schlafe, spielen andere Dinge keine Rolle. 


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