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Charme der Kontraste
US-Filmregisseur Wes Anderson übernahm die Gestaltung der Bar Luce in der Fondazione Prada, die ihre Gäste zurück in die späten 1950er-Jahre führt.

Charme der Kontraste

Foto: Jessika Maria Rauch
US-Filmregisseur Wes Anderson übernahm die Gestaltung der Bar Luce in der Fondazione Prada, die ihre Gäste zurück in die späten 1950er-Jahre führt.
Lifestyle 4 Min. 29.11.2018

Charme der Kontraste

In Mailand wurde der Espresso erfunden, die Designmesse Salone del Mobile ist die weltweit größte und wichtigste ihrer Art, sie ist Hauptstadt der Mode, der Wirtschaft und des architektonischen Brutalismus.

von Jessika Maria Rauch

Im Film „Benvenuti al Nord“ des neapoletanischen Regisseurs Luca Miniero heißt es, dass man sich in Mailand während des Abendessens begrüße und gleichzeitig verabschiede, um Zeit zu sparen. Vor allem im Vergleich zu Süditalien ist die nördliche Metropole in der Region Lombardei zweifelsohne die geschäftstüchtigste und schnelllebigste Stadt des Landes. Wirtschaftsunternehmen, die Börse, Banken – in Mailand regiert das Geld, der AC Milan und eine ganz eigene Ästhetik. Architektur-Fans schätzen den milaneser Brutalismus, der ab den 1950er-Jahren Einzug hielt und markante Bauwerke wie den Torre Velasca hervorgebracht hat. Die „graue Stadt“ wird allerdings zunehmend grüner. Neben einigen Parks bringt im modernen Stadtviertel Porta Nuova der preisgekrönte Hochhauskomplex „Bosco Verticale“ die Natur zum Beton.

Zu den klassischen architektonischen Sehenswürdigkeiten gehört gewiss der Dom, der nach dem Petersdom im Vatikan und der Kathedrale von Sevilla eine der größten Kirchen Europas ist. Auch ein Besuch in der Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie lohnt sich, mindestens aus kunsthistorischer Sicht. Sie steht auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes und ist insbesondere berühmt für Leonardo da Vincis Abendmahl.

Design- und Modewochen

Der erste wichtigste Termin des Jahres ist die Mailänder Modewoche Ende Januar, gefolgt von der Designwoche im April. Ein internationales Publikum reist zu Ereignissen wie diesen in die zweitgrößte Stadt Italiens, zur Möbel- und Designmesse Salone del Mobile waren es im Frühjahr 2018 stolze 435 000 Besucher aus 188 Ländern.

Ausgefallenes Interior-Design findet man in Mailand in zahlreichen Stores.
Ausgefallenes Interior-Design findet man in Mailand in zahlreichen Stores.
Foto: Jessika Maria Rauch

Im Mittelpunkt des Geschehens steht vor allem das Designviertel Brera mit Studios, Boutiquen und einer lebendigen Gastronomieszene, die das ganze Jahr über einen Besuch wert sind. Beliebter Treffpunkt für die Kreativszene und zugleich Geburtsstätte des über Mailand hinaus berühmt gewordenen Cocktail Negroni Sbagliato ist die in den 1950er-Jahren eröffnete Bar Basso an der Via Plinio im Viertel Città Studi östlich des Zentrums. Anders als beim klassischen Negroni aus Florenz wird beim „falschen“ Negroni Spumante mit Wermut und Campari gemischt, nicht Gin.

Auch in Sachen Mode ist Mailand neben Florenz und Rom die wichtigste Stadt des Landes: Weltbekannte Häuser wie Armani, Dolce & Gabbana, Versace oder Trussardi haben hier ihren Hauptsitz. Im Shoppingviertel Quadrilatero della Moda unweit des Doms, in der Galleria Vittorio Emmanuele, an der Via Montenapoleone und der Via della Spiga, um nur einige zu nennen, sind alle bekannten Luxus- und Streetwear-Marken vertreten. Prada baute seit seiner Gründung im Jahr 1913 in Mailand ein ganzes Imperium inklusive einer gleichnamigen Kunststiftung und dem vor einigen Jahren akquirierten Traditions-Feinbäcker Marchesi auf. Die Fondazione Prada liegt südöstlich des Zentrums auf dem Gelände einer ehemaligen Schnapsdestillerie, die dank des niederländischen Architekten Rem Koolhaas zu einer regelrechten Kleinstadt mit Goldturm wurde und in der Installationen und Werke zeitgenössischer Kunstschaffender von weltweitem Renommee gezeigt werden.

Mondänes Flair genießt man in der Villa d'Este am Comer See.
Mondänes Flair genießt man in der Villa d'Este am Comer See.
Foto:Jessika Maria Rauch

Vielseitige Kaffeekultur

Selbst die hauseigene Bar der Kunststätte ist Kunst per se. Filmregisseur Wes Anderson sagte einst über die von ihm designte Bar Luce, dass sie zwar auch ein gutes Filmset sei, aber ein noch besserer Ort, um einen Film zu schreiben. Der 1950er-Jahre-Flair in Bonbon-Farben lädt ansonsten zum entspannten Verweilen und Verkosten des hausgemachten Konfekts ein. Für die Kaffeepause nach italienischer Art sucht man am besten eine typische Bar auf, wo die Italiener ihren Caffè – damit meinen sie Espresso – mehrmals am Tag und für gewöhnlich am Tresen genießen.

Besuch aus den USA

Starbucks-Gründer Howard Schultz war bei seinem ersten Mailand-Besuch im Jahr 1983 nachhaltig von der Barkultur der Stadt inspiriert und führte die amerikanische Kaffeehaus-Kette Starbucks seit der Übernahme im Jahr 1987 zu internationalem Erfolg. Vielen drängte sich jüngst die Frage auf, ob nun ausgerechnet Italien eine Filiale gebraucht hätte und so wurde die Eröffnung der „Starbucks Reserve Roastery“ an der Piazza Cardusio im Herbst dieses Jahres durchaus kritisch beäugt – und zwar nicht nur von den Italienern. In der Tat ist die „Starbucks Reserve Roastery“ jedoch in jeder Hinsicht anders: Sie ist Rösterei, Café, Bar und Shop auf 2 500 Quadratmetern im historischen Palazzo der Post, serviert werden kreative Spezialitäten mit zuweilen exotischen Kaffeesorten im ungewöhnlichen Mix.

Eine umstrittene Neuheit in Mailand: die Starbucks Reserve Roastery.
Eine umstrittene Neuheit in Mailand: die Starbucks Reserve Roastery.
Foto: Jessika Maria Rauch

Nostalgisch geht es in der Pasticceria Cova zu, die auf eine zweihundert Jahre alte Tradition zurückblickt. Bei Cucci werden Caffè und Patisserie seit rund 80 Jahren serviert. Im Anschluss an einen Besuch lohnt sich der Spaziergang im benachbarten Viertel Navigli entlang der Kanäle, die bereits in der Antike als Verkehrswege genutzt wurden.

Mondänes Flair genießt man in der Villa d'Este am Comer See.
Mondänes Flair genießt man in der Villa d'Este am Comer See.
Foto: Jessika Maria Rauch

Ausflug an den See

Das als „Mailänder Scala“ bekannte Opernhaus Teatro della Scala gilt als Weltbühne für Star-Ensembles und Solisten, Tickets kosten nicht selten bis zu 300 Euro und sollten im Voraus reserviert werden. Gleich nebenan befindet sich das erste Restaurant von Gualtiero Marchesi, der wie Paul Bocuse Anfang des Jahres 2018 verstarb. Seine Variante des Traditionsgerichts „Risotto alla Milanese“ mit echtem Blattgold, das auf einem von ihm selbst designten Villeroy-&-Boch-Teller serviert wird, war bereits zu Lebzeiten des gebürtigen Mailänders zu einer kulinarischen Ikone geworden. Beliebtes Ausflugsziel ist der Lago di Como, der schon nach 45 Zugminuten von der Stazione Centrale erreicht werden kann. Orte wie Bellagio und Sehenswürdigkeiten wie die Villa Balbianello können bequem mit dem Boot von Como aus erreicht werden und versprühen dank mediterraner Flora Urlaubsflair. Für das glamouröse See-Erlebnis nächtigt man in der Villa d’Este und lässt sich mit dem Riva-Boot chauffieren. Zweifelsohne ein George-Clooney-Moment. Der Hollywood-Schauspieler erhöhte einst den Beliebtheitsgrad des Sees, als er die Villa Oleandra erwarb.


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