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Bei Rittern und Olympioniken
Lifestyle 3 Min. 18.11.2018

Bei Rittern und Olympioniken

Rund um Seefeld lässt sich die Schneepracht auf vielfältige Weise genießen - etwa beim Ski-Langlauf.

Bei Rittern und Olympioniken

Rund um Seefeld lässt sich die Schneepracht auf vielfältige Weise genießen - etwa beim Ski-Langlauf.
Foto: Stephan Elsler
Lifestyle 3 Min. 18.11.2018

Bei Rittern und Olympioniken

Seefeld in Tirol, erprobter Gastgeber olympischer Winterspiele, richtet vom 19. Februar 2019 an die nordische Ski-WM aus. Doch auch für nicht ganz so Sportliche ist der Ort als Ausflugsziel geeignet.

von Hanne Walter

Ein Loch klafft im Boden. So groß, dass es einen Menschen verschlingen kann. Am Gesteinsrand künden tiefe Handspuren vom verzweifelten Kampf um Halt, um nicht in den Höllenschlund zu fahren. Besucher schaudern bei diesem Anblick in Seefelds Klosterkirche. Beugen sich dennoch weit dem Ort des Grauens entgegen und glauben die Geschichte trotzdem nicht. Bis Pfarrer Egon Pfeiffer einen gut verwahrten Schlüssel hervorzieht und aus einem kleinen Geheimschrank das Heiligtum holt, das nur wenige zu sehen bekommen: die Bluthostie.

Ritter Oswald als Touristenmagnet

Im 14. Jahrhunderts herrschte Ritter Oswald der Milser selbstgerecht und gewalttätig auf dem Schlossberg bei Seefeld. Während der Osterkommunion im Jahr 1376 forderte er vom Priester eine große Hostie, denn die kleine sei seiner unwürdig. Ängstlich gehorchte der Geistliche. Doch die Hand Gottes reagierte umgehend. Sie öffnete den harten Fels unter dem Altar, als wollte er den Ritter verschlingen. Als Oswald schon mit den Füßen versunken war, griff er verzweifelt nach dem Altarstein. Doch auch der wurde wachsweich und verewigte für immer den Abdruck der fünf Finger. Die Hostie hatte sich derweil auf des Ritters Zunge blutig verfärbt.

Ritterfrau Dorothea von Starkenberg bezweifelte das ihr Zugetragene: „Eher werde ich glauben, dass dieser dürre Stamm Rosen trage ...“ Worauf prompt drei Röslein aus dem dürren Holze sprossen und die Dame dem Wahnsinn verfiel. Sie floh in die Berge. Ihr Gatte indes zog sich zur Buße in das Kloster Stams zurück, wo selbst er nach zwei Jahren verblich.

Zehntausende Pilger fluteten fortan Seefeld, um den Ort des Wunders zu bestaunen. So mutierte der maßlose Ritter zur Initialzündung für den örtlichen Tourismus. Denn Erzherzog Maximilian I. stiftete gut hundert Jahre später den Bau eines Klosters, um die einnahmeträchtige und anhaltende Wallfahrt auch fürderhin zu befördern. Augustinermönche betrieben neben der Holzwirtschaft und der Fischerei ein Hospiz und eine Brauerei, denn die Pilger waren durstig. Und gesundheitsbewusst. Schließlich war Bier in Zeiten von Pest und Cholera das einzige keimfreie Getränk, da es mit abgekochtem Wasser hergestellt wurde. 1586 überschrieb Erzherzog Ferdinand von Tirol die Burg Schlossberg mit all ihren Besitztümern der Pfarrei Seefeld.

Gut 200 Jahre später ersteigerte ein Urahn der ortsansässigen Familie Seyrling das säkularisierte Kloster. Und da schon die Augustinermönche jeden Gast aufs Freundlichste willkommen hießen, führte die Familie diese Tradition fort und baute über die Jahrhunderte die ehrwürdigen Gemäuer zu einem Fünf-Sterne-Hotel aus. Der Tradition geschuldet heißt es „Klosterbräu“, schließlich erhebt es sich über dem originalen Gärkeller und dem Refektorium, nutzt Klostergang und Mönchschlafstätten, für die vor fünfhundert Jahren zwangsverpflichtete Bauern jeden Stein einzeln aus dem Karwendelgebirge heranschleppen mussten.

Die idyllische Gemeinde Seefeld ist im kommenden Frühjahr Austragungsort der Nordischen Ski-WM.
Die idyllische Gemeinde Seefeld ist im kommenden Frühjahr Austragungsort der Nordischen Ski-WM.
Foto: Heinz Holzknecht

Perle der Alpenregion

Die Olympiaregion Seefeld gehört nebst elf weiteren namhaften Bergregionen zum Besten, was die Alpen bieten – „Best of the Alps“, lautet daher auch das international gültige Qualitätssiegel. Die Lage ist tatsächlich schwer zu toppen: Auf dem sonnigen Hochplateau schwebt Seefeld mit seinen vier Schwestergemeinden förmlich in 1 200 Metern Höhe. Drumherum fügen sich der Naturpark Karwendel, das Landschaftsschutzgebiet Wildmoos, das mächtige Wettersteingebirge sowie der Hohen Munde zu einer beeindruckenden Naturkulisse, die auf 650 Kilometern markierten Wander-, Berg- und Klettersteigrouten samt sechzig Hütten und Almen entdeckt werden kann.

Im Winter wird aus Seefeld mit seinen 279 Kilometer perfekt präparierten und mehrfach ausgezeichneten Loipen zwischen 1 200 und 2 064 Metern Seehöhe eines der bekanntesten Langlaufgebiete. 37 Pistenkilometer, 35 moderne Lifte und Seilbahnen, 142 Kilometer geräumte Winterwanderwege, Eislaufplätze und Eisstockbahnen, acht Rodelbahnen und eine vollelektronische Biathlonanlage komplettieren das Angebot.

Ritter Oswald hat es nur zu höchst fragwürdigem Ruhm gebracht. Die wahre Berühmtheit von Seefeld ist Toni Seelos. Er ist der Erfinder des immer noch praktizierten Parallelschwungs und wurde damit vierfacher Skiweltmeister. Seine Erfahrungen haben unzählige große und kleine Läufer sicher die Pisten hinunter geleitet, denn er trainierte sowohl die deutsche als auch die französische Nationalmannschaft und jede Menge Anfänger in seiner Skischule.

Eine der beiden neuen Skisprungschanzen wurde nach dem 2006 verstorbenen Lokalmatador benannt. Vom 19. Februar 2019 an messen sich hier bei der Nordischen Ski-WM die internationalen Stars. Sollte dann Frau Holle gerade keine Lust haben, es üppig schneien zu lassen, sind weniger die Schneekanonen zur Aushilfe gefragt. Vielmehr wird sich das in Seefeld praktizierte sogenannte Snowfarming abermals auszahlen. Mit diesem „Schneemanagement“ werden seit 2015 zum Ende des Winters rund 6 000 Kubikmeter Schnee ohne Einsatz von Chemie am Hang der Sprungschanzen konserviert. Dieser gerettete Schatz reicht, um eine 1,5 Kilometer lange und sechs Meter breite Loipe präparieren zu können.


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