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Fahrerloses China
Lifestyle 5 Min. 09.07.2021
Autonome Mobilität

Fahrerloses China

Einblick in die Staatsfabrik in Guiyang, wo Stadtbusse produziert werden.
Autonome Mobilität

Fahrerloses China

Einblick in die Staatsfabrik in Guiyang, wo Stadtbusse produziert werden.
Foto: Fabian Kretschmer
Lifestyle 5 Min. 09.07.2021
Autonome Mobilität

Fahrerloses China

Im Bereich des „autonomen Fahrens“ will das Reich der Mitte ganz vorne mitmischen - und hat bereits mehrere Testreihen gestartet.

Von Fabian Kretschmer

Mit breitem Lächeln begrüßt Li Hongda – blaue Funktionärsjacke, rotes Parteizeichen am Revers – die ausländischen Journalisten. Wir befinden uns auf dem Firmengelände von „Cherry&Wanda“, einem staatsnahen Busproduzenten. Mit seinen fensterlosen Hallen, verlassenen Gehwegen und verrosteten Autokarosserien erinnert das Areal an ein bankrott gegangenes Filmstudio. Nebel und Nieselregen sorgen für zusätzliche Tristesse – und die unverputzten Häusersiedlungen am Horizont signalisieren tiefste Provinz. 

Doch genau hier, im südwestlichen Guiyang, locken satte Regierungssubventionen für die fahrerlose Zukunft. „Steigen Sie ein“, sagt Li und bittet in die neueste Errungenschaft der Chinesen: einen autonomen Stadtlinienbus, der eigenständig durch die Teststrecke manövriert. „Wir können zwar nie wissen, welche Gesetzesregulierungen in der Zukunft kommen werden, aber bis auf weiteres investieren wir alle unsere Ressourcen in einen möglichst fortgeschrittenen autonomen Bus“, sagt der Manager selbstbewusst. 

Doch bislang wirken die Versuche der Chinesen noch etwas holprig: Der Bus fährt nur eine primitive Teststrecke ab, die Geschwindigkeit ist gedrosselt und zur Sicherheit bleibt stets ein Fahrer hinterm Lenkrad. 

Peking hat Vorreiterrolle

Die federführenden Entwicklungen im Bereich autonomes Fahren finden nämlich nicht in der Provinz statt, sondern 3.000 Kilometer weiter nördlich: Peking hat bereits Ende 2017 als landesweit erste Stadt damit begonnen, selbstfahrende PKW auf öffentlichen Straßen zu testen. Schon damals wurden Abschnitte von 105 Kilometern freigegeben.

China, der mit Abstand größte Automarkt der Welt, konnte bei Verbrennungsmotoren niemals international konkurrieren.

Da die Regulatoren den Autobauern eine strenge Dokumentation abverlangen, lässt sich der Fortschritt der Branche gut in Zahlen widerspiegeln: 2019 fuhren allein in Peking fahrerlose Autos über eine Million Kilometer ab. 2020 wurden sie zudem im Kampf gegen die Covid-Pandemie eingesetzt, etwa als Essens- und Medizinlieferant für das Haidian-Krankenhaus. 

Mittlerweile haben 27 chinesische Städte Teststrecken freigegeben, auf denen mehr als 70 heimische und internationale Firmen mit einer Flotte von rund 600 selbstfahrenden Autos experimentieren. Das Ziel der Regierung ist es, bis 2025 flächendeckend „Robotaxis“ und fahrerlose LKWs kommerzialisiert zu haben. Die für nächsten Februar geplanten Olympischen Winterspiele in Peking sollen als Schaubühne dienen, um der Welt die technologischen Fortschritte aus Fernost zu präsentieren. 

Doch insgesamt betrachtet steht die Branche noch vor massiven Herausforderungen. Im „Autonomous Vehicles Readiness Index“, eine jährlich von KPMG herausgegebenen Studie, rangiert China unter allen 30 untersuchten Ländern lediglich auf dem 20. Platz. Darin werden zwar die rasanten Fortschritte der Volksrepublik gelobt, doch gleichzeitig der chaotische Verkehr auf chinesischen Straßen bemängelt: „Das macht es komplizierter und herausfordernder für autonomes Fahren“, sagt Philip Ng von KPMG China. Letztendlich bräuchte es wohl für fahrerlose PKW auf chinesischen Autobahnen eine eigene Spur. 

Kommerzialisierter Dienst

Führender Player auf dem chinesischen Markt ist mit Abstand das Internet-Imperium Baidu, welches zunächst als Online-Suchmaschine groß geworden ist. Bereits im vergangenen Jahr hat Baidu erste „Robotaxis“ auf Pekings Straßen eingeführt. Zunächst mutete dies mehr wie ein PR-Gag an: Interessierte mussten jede Fahrt zunächst reservieren und wurden stets von einem menschlichen Chauffeur hinterm Lenkrad abgesichert. Seit Mai jedoch wurde der Dienst ausgeklügelter: Erstmals werden die „Robotaxis“ als kommerzieller Service für zahlende Kunden angeboten, und statt Kontrollfahrer wacht nur mehr ein menschliches Auge via Remote-Zugriff. 

Allerdings sind die Fahrzeuge bislang nur in einem bestimmten Kiez innerhalb der Hauptstadt zugelassen. Die mittelfristige Vision Baidus ist jedoch durchaus ambitioniert: Derzeit betreibt der Tech-Konzern 200 autonome Fahrzeuge, darunter eine kommerzielle Busstrecke im westchinesischen Chongqing. Bis Jahresende 2023 möchte man 3.000 „Robotaxis“ auf die Straßen von 30 chinesischen Städte gebracht haben. Dies fügt sich ein in die von der Zentralregierung in Peking vorgegebene Zielsetzung, dass bis 2025 die Hälfte aller verkauften Autos mit selbstfahrender Technik ausgestattet sein soll. 

Noch liegen die USA vorn 

„Wir sehen China eigentlich sehr gut entwickelt beim Thema autonomes Fahren“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des „Center of Automotive Management“ der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Paderborn. Weltweit führe zwar das Silicon Valley, insbesondere in Form der Google-Tochter Waymo. Doch nach den großen amerikanischen Playern folgen schon bald Baidu und das in Guangzhou ansässige Pony.ai. 

„Ein großer Vorteil, den chinesische Unternehmen haben, ist die starke Unterstützung der Regierung“, sagt Experte Bratzel. Damit meint er nicht nur die flächendeckenden Subventionen, sondern vor allem eine offene und rasch angepasste Gesetzgebung. Zudem gibt es stets den politischen Druck auf die meist staatsnahen Betriebe, im Ziel der nationalen Interessen gemeinsam zu kooperieren und Ressourcen zu bündeln. Insbesondere Lokalregierungen wollen sich bei Zukunftstechnologien als führender Wirtschaftsstandort profilieren.

Ein großer Vorteil, den chinesische Unternehmen haben, ist die starke Unterstützung der Regierung.

Stefan Bratzel, Direktor des „Center of Automotive Management“

„Autonomes Fahren ist die Zukunft“, sagt etwa der Regierungsbeamte Sun Wen von der Stadtverwaltung in Nanjing: „Wir sind sehr erpicht darauf, die Technologie einzusetzen, um das Leben der Leute zu verbessern“. Man verspreche sich vor allem mehr Verkehrssicherheit sowie eine effizientere -planung. 

Transport von Büroangestellten 

Unweit von Nanjings futuristischem Stadtzentrum entstand auf einer Insel im Jangtse-Fluss eine der ersten Teststrecken des Landes. Auf Straßenabschnitten von über 15 Kilometern, assistiert von 500 5G-Basisstationen, chauffieren längst unbemannte Busse des Start Ups „WeRide“ täglich hunderte Angestellte zwischen den gläsernen Bürogebäuden hin und her. Bis zu 40 Stundenkilometer dürfen die Vehikel bereits fahren, sie kommen längst ohne eingebaute Lenkräder oder Gaspedale aus. Im Fachjargon spricht man vom vierten von insgesamt fünf Automatisierungsgraden: Das System fährt komplett selbstständig, nur müssen die Straßen zuvor für die Software kartographiert werden. 


(v.l.n.r.) François Bausch, Anke Rehlinger, Elisabeth Borne, Andreas Scheuer und Etienne Schneider
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„Wir wollen, dass die Regierung unsere Busse einsetzt – etwa in Industrieparks oder touristischen Sightseeing-Orten“, sagt Wang Yan, die für „WeRide“ Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Eine weitere große Anwendungsnische sieht die Chinesin bei den „letzten drei Kilometern zwischen U-Bahnstation und Haustür“, für die künftig autonomen Busse eingesetzt werden sollen. Dass dies bald möglich wird, daran arbeiten bei „WeRide“ 400 Angestellte. Fast neun von zehn sind Ingenieure. 

Derzeit arbeitet die chinesische Regierung noch an einer landesweiten Gesetzgebung für autonomes Fahren. Bis dahin sind die einzelnen Lokalregierungen jedoch implizit dazu angehalten, im rechtlichen Graubereich die Technologie mit aggressivem Testen weiter voranzutreiben – vornehmlich, um im wirtschaftlichen Wettkampf mit den USA die Pole Position zu erhaschen. In der ostchinesischen Provinz Zhejiang etwa wird an einem Autobahnabschnitt gearbeitet, wo menschenlose PKWs bis zu 150 Kilometer pro Stunde fahren dürfen und gleichzeitig via Fernladegeräte, die auf der Straßenoberfläche installiert werden, ihre Batterien aufladen können. Solche Vorstöße werden allein schon deshalb von der Regierung gefördert, weil man aus Fehlern in der Vergangenheit gelernt hat: China, der mit Abstand größte Automarkt der Welt, konnte bei Verbrennungsmotoren niemals international konkurrieren. Bei der mobilen Zukunft hingegen möchte man ganz vorne mitmischen.

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