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Auf Spurensuche im Dschungel
Mittlerweile werden in den Ruinen von Palenque pro Jahr rund 900.000 Besucher gezählt.

Auf Spurensuche im Dschungel

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Mittlerweile werden in den Ruinen von Palenque pro Jahr rund 900.000 Besucher gezählt.
Lifestyle 4 Min. 07.09.2018

Auf Spurensuche im Dschungel

Im Südwesten Mexikos lockt der Urwald Lacandón mit den Hinterlassenschaften der Maya inmitten des Lebensraumes von Brüllaffen, Papageien und Ozelots.

von Jonathan Ponstingl

Hinter einer Biegung lichtet sich der Wald. Undurchdringbares Gestrüpp, Spinnennetze und Gesteinsbrocken bleiben zurück und geben den Blick frei auf eine asphaltierte Straße – und auf die Pforte nach Palenque, jene antike Maya-Stadt, die es mit ihren Pyramiden und Tempeln mitten im Urwald von Chiapas locker mit ihren berühmten Schwestern Chichén Itzá und Teotihuacán aufnehmen kann.

Der Urwald Lacandón durchzieht den Südwesten Mexikos; die Grenze zu Guatemala ist in der Nähe, eine große Stadt nicht. Früh morgens hat Reiseführer Paco die Gruppe an der einzigen Kreuzung in El Panchán erwartet. Das Dorf im Dschungel liegt auf halber Strecke zwischen der Ruinenstadt Palenque und der gleichnamigen modernen Stadt. Wobei modern in diesem Fall bedeutet, dass sich lieblose Straßen durch einen Moloch aus Beton und Müll ziehen.

In El Panchán trifft sich die Szene geneigter Abenteurer und Aussteiger sowie jene, die daraus Profit schlagen. Wie Paco, der seinen Job in einer Bank aufgegeben hat, um sich seiner Leidenschaft zu widmen: dem Wald. Wenn er keine Touristen auf Trampelpfaden zwischen den Bäumen herumführen kann, arbeitet er für die lokale Initiative, die sich für einen respektvollen Umgang mit dem Dschungel einsetzt. In Palenque haben sie begriffen, dass der Lacandón-Wald ihr größtes Potenzial darstellt – auch ökonomisch.

Wanderung durch den Dschungel

Ein zerfleddertes Vogelbestimmungsbuch dient Paco als Zeigestock. Er deutet geradeaus auf eine grüne Wand aus kranhohen Bäumen und Strauchgewächsen. Ein Weg ist nicht zu erkennen. Das stört Paco nicht, mit forschen Schritten teilt er die Wand und verschwindet dahinter wie Harry Potter am Bahnhof Kings Cross. Die Reisenden folgen ebenso ungläubig. Die Geräusche des Dorfes sind verstummt, ein kontinuierlicher Klangteppich aus Insektenzirpen und den Rufen der Vögel legt sich unter die Szenerie. Und es ist bemerkenswert dunkel.

Immer wieder kreuzen Bachläufe den Weg, handtellergroße Spinnen mit schlanken Beinen sitzen auf den Steinen im Wasser und nehmen ein Sonnenbad. Überall raschelt es. Paco schnappt mit der Hand nach vorne und zieht ein zappelndes Reptil aus einem Blätterhaufen nach oben. „Ein Diamantgecko. Die leben hier überall.“ Das braungescheckte Tier mit dem blauen Schwanz hält still, bis ihn Paco wieder in die Freiheit entlässt. Der Wald wird nun dichter. Schlingpflanzen baumeln in die Gesichter, Lianen seilen sich von den Bäumen ab.

Nach vier Stunden im Wald lichtet sich das Blattwerk, und besagte Straße bietet wieder halbwegs ebenen Untergrund. Dahinter: der Eingang zur Ruinenstadt Palenque. Vorbei am Totenkopftempel und weiter hinein in das 15 Quadratkilometer große Areal. Kahl geschlagene Flächen spannen sich zwischen den Tempeln mit aufwendigen Stuckreliefs, Wohnstätten und Ballspielplätzen der antiken Maya. Drum herum: undurchdringlicher Wald in allen Facetten von Grün.

Palenque ist ein zurückgezogenes Refugium fernab der restlichen Zivilisation, ein menschenarmer Raum, auch heute noch. In der Blütezeit der Maya war der Ort ein Stadtstaat von überregionaler Bedeutung und ist heute ein gigantisches Zeitzeugnis der antiken Mayakultur inmitten einer Region untergegangener Weltreiche. Neben den Maya erstreckte sich auch das Kolonialreich der Spanier einst über die Region.

Seit dem neunten Jahrhundert sind die Tempel verlassen, und der Dschungel holte sich die beeindruckenden Steinformationen zurück, bis sie Archäologen fast eintausend Jahre später wieder ausgruben. Immer noch hat Palenque nicht all seine Geheimnisse preisgegeben: Nicht alle Gebäude sind vollständig ausgegraben. Wohl aber beeindruckende Anlagen wie der Sonnentempel, der Kreuztempel und der gigantische Palast im Herzen der Stadt, El Palacio, von dem aus die antiken Herrscher ihr Mayareich im Südwesten des heutigen Mexiko regierten. Der Templo de las Inscriptiones ist so etwas wie das Mausoleum von Pakal, einem der bedeutsamsten Regenten der Stadt, unter dem auch die meisten der heute sichtbaren Gebäude errichtet wurden.

Traumhafte Wasserfälle

Von Palenque aus bringt am folgenden Tag ein Bus die Gruppe bis zum Wasserfall Misol-Ha. Ein gigantischer Schleier aus Wasser schießt 35 Meter eine Abbruchkante herab und formte über die Jahre einen natürlichen Swimmingpool zu dessen Füßen. Über einen glitschigen Schleichpfad gelangt man hinter die Kaskade und blickt durch einen weißen Vorhang auf den Dschungel, in dem nicht nur Tiere leben. Misol-Ha ergießt sich mitten im Kernland der Zapatisten, einer regionalen Formation aus Menschen überwiegend indigener Abstammung, die sich für stärkere Rechte von Mexikos indigener Bevölkerung und mehr autonome Selbstverwaltung einsetzt. Insbesondere in den 1990er-Jahren erregten sie internationale Aufmerksamkeit, als sie mehrere Städte in Chiapas besetzten und der mexikanischen Regierung den Krieg erklärten.

Noch eindrucksvoller als Misol-Ha sind die Wasserfälle namens Agua Azul. Wie ein in den Wald gestürzter Regenbogen ziehen sich natürliche Streifen aus Grün, Türkis, Orange und Weiß über die Lichtung. In die Felsen hat das Wasser kleine Becken geschliffen, über die sich der Strom langsam herabwindet und in einer großen natürlichen Senke mündet.

Zurück in El Panchán rückt die Dämmerung an. Es wird merklich kühler. Mexikaner und neugierige Touristen strömen in einige der wenigen Bars und lassen den Tag ausklingen in einem Staat Mexikos, der sich aufgrund seiner Abgeschiedenheit seine Authentizität bewahren konnte. Und das trotz der artenreichen Urwälder, des erfrischenden Hochlandes der Sierra Madre de Chiapas, der prächtigen Kolonialstädte und stummen Zeitzeugen der Maya.


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