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Auf den Spuren der Berglöwen
Ein Paradies für Langläufer.

Auf den Spuren der Berglöwen

Foto: Ram Malis
Ein Paradies für Langläufer.
Lifestyle 5 Min. 09.01.2019

Auf den Spuren der Berglöwen

Die kanadischen Rocky Mountains sind ein Winterwunderland für Langläufer. Es streifen noch immer Luchse, Pumas und Wolfsrudel durch die Berge, und im Winter stoßen Skifahrer manchmal auf ihre Spuren im Schnee.

von Winfried Schumacher

Wie weit sind die Wölfe entfernt? Laura Rance reckt die Antenne ihres Empfangsgeräts noch höher, aber es ertönt kein Signal. Es ist früh am Morgen in den kanadischen Rocky Mountains, im Banff-Nationalpark herrscht eine fast unheimliche Stille. Nur einige hundert Meter weiter suchen Wapiti-Hirsche unter der Schneedecke nach Fressbarem. Hinter ihnen ragt das majestätische Felsmassiv des Mount Rundle auf. „Sie können nicht weit sein“, sagt die Parkrangerin. Erst vor wenigen Tagen wurde das Wolfsrudel in der Gegend gesehen. Rance kann mit ihrem Ortungsgerät die Tiere aus einiger Entfernung aufspüren. Eines der Tiere trägt ein Funkhalsband.

Durch den Banff-Nationalpark streifen noch immer Wölfe, Luchse und Pumas. Wer auf den Langlaufpisten des Schutzgebiets den Winterwald erkundet, stößt bisweilen auf ihre Fährten im Neuschnee. Je weiter man auf Skiern ins Innere des Unesco-Welterbes im Westen der Provinz Alberta vorstößt, umso dichter rückt der verschneite Zauberwald an die Piste und hat einen bald ganz verschluckt. Nur Bärenspuren sucht man vergeblich. Die Grizzlys und Schwarzbären halten in der kalten Jahreszeit Winterruhe.

Auge in Auge mit den Wildtieren

Der Banff-Nationalpark ist der älteste und meistbesuchte Nationalpark Kanadas. Mehr als vier Millionen Touristen besuchten den Park im vergangenen Jahr. Im Winter bevölkern in- und ausländische Gäste die Abfahrtspisten der Skigebiete. Sie gehören zu den beliebtesten Kanadas. Die Lifte von Lake Louise oder des bis zu 2 770 Meter hoch gelegenen Sunshine Village sind von November bis Mai geöffnet. Dann sind im Nationalpark Après-Ski-Partys statt stillem Winterzauber angesagt.

„Mit der Anzahl der Besucher steigt auch das mögliche Konfliktpotenzial mit Wildtieren“, sagt Saundi Norris. Die Biologin ist im Nationalpark zuständig für das Zusammenleben von Mensch und Tier. Meist klappt das reibungslos, doch vor allem im Winter, wenn Eis und Schnee die Bergbewohner auf der Suche nach Nahrung ins Tal und in die Nähe menschlicher Siedlungen zwingt, kommt es manchmal zu unheimlichen Begegnungen.

Ein Vorfall wie 2001, als ein Puma eine Langläuferin tötete, gilt jedoch als absoluter Ausnahmefall. „Wir haben Jahr für Jahr Hunderte positive Begegnungen mit Wildtieren“, sagt Norris, „aber diejenigen, die es in die Schlagzeilen schaffen, sind leider nur die negativen.“ Dass Menschen ins Visier der Berglöwen geraten, ist äußerst selten. In den letzten hundert Jahren gab es nach offiziellen Angaben nur 25 tödliche Puma-Angriffe in ganz Nordamerika.

Rund um Banff führen Wildkorridore oft nicht weit von Supermärkten, Schulen und Kindergärten vorbei. Panisch wird beim Auftauchen von Wölfen und Pumas aber niemand. Ihre Fährten werden im Winter von Norris' Mitarbeitern gezählt und ausgewertet. „Manchmal sind wir auch auf Skiern im Hinterland des Nationalparks unterwegs und zeichnen dort die Wildspuren auf“, sagt Norris. „Ich liebe es, da draußen in der Wildnis zu sein!“

Abgeschiedene Idylle

Anders als auf den Abfahrtspisten der drei Skigebiete, die im Park liegen, herrscht auf den Langlaufloipen kaum Andrang. Noch weniger Wintersportler zieht es in den Yoho-Nationalpark jenseits der Grenze zu British Columbia, den Peter Lougheed- und Spray Valley-Naturpark. Das wilde Bergpanorama von Kananaskis Country war bereits Kulisse für großes Kino. Hier wurden Teile von „Brokeback Mountain“ und „The Revenant“ gedreht.

Abfahrtspisten gibt es reichlich in drei Skigebieten.
Abfahrtspisten gibt es reichlich in drei Skigebieten.
Foto: Ram Malis

Naturliebhaber haben in Kananaskis die Winterwunderwelt der Rocky Mountains ganz für sich allein. Wer es abenteuerlich mag, kann sich auch eine eigene Route von Hütte zu Hütte zusammenstellen. Einige der Unterkünfte sind im Winter nur auf Skiern zu erreichen.

Auf dem Bryant Creek Trail im Spray Valley umgibt den einsamen Langläufer eine schneeflockenumsäuselte Stille. Etwa eineinhalb Stunden südlich von Banff trifft man dort – wenn überhaupt – auf nur wenige gleich gesinnte Skifahrer.

An diesem Wintermorgen ist es aber ganz still im Bergwald. Von Weitem ist nur hin und wieder das leise Glucksen von Tannenhühnern zu vernehmen. Fast lautlos plätschert der dunkle Bryant Creek vorbei an filigranen Eis- und Schneeinseln dem alles überragenden Cone Mountain entgegen. Der Berg sieht aus wie eine Pyramide, an der ein riesiger Grizzly seine mächtigen Pranken gewetzt hat. Eine einsame Büffelkopfente zieht im noch eisfreien Bach ihre Kreise. Aus den Wipfeln am Ufer grüßt sie ein Schwarm Seidenschwänze, die dort überwintern.

Die Loipe führt immer weiter in die Waldeinsamkeit zum feierlich stillen Watridge Lake. Sein im Sommer türkisblaues Wasser hat sich längst zu einer blendend weißen Schneefläche verwandelt. Noch eindrucksvoller ist der lang gestreckte Marvel Lake mit dem matterhorngleichen Mount Assiniboine als Wächter. Irgendwann verliert sich die Skispur im Neuschnee und der Entdecker muss sich seinen eigenen Weg durch die Wildnis bahnen.

Wer von der Weltabgeschiedenheit nicht genug haben kann, mietet sich eine Nacht in der Schutzhütte von Bryant Creek ein oder schlägt sich über den Wonder-Pass nach British Columbia durch. Weniger Abenteuerlustige nehmen mit der urgemütlichen Mount Engadine Lodge vorlieb. Dort kann man sich nach einer anstrengenden Skitour nicht nur am Kaminfeuer aufwärmen, sondern wird auch fürstlich bekocht. Von der Terrasse blickt man auf ein Gebirgstal mit einer Kette an Dreitausendern als Rückgrat.

„Fast jede Nacht haben wir Elche zu Besuch“, verrät Lodge-Mitarbeiter Nick Kostiuk. „Im Herbst konnten wir sogar ein Rudel Wölfe beobachten, das mit einem Grizzly um seine Beute kämpfte.“ Angst vor den Räubern vor seiner Tür hat der 25-jährige nicht, aber: „Ich habe vor einem ausgewachsenen Elch sehr viel mehr Respekt.“ Wenn bei Nacht Wolfsgeheul von den umliegenden Berghängen tönt, kriecht ein unheimlicher Schauer unter die wohlig warme Bettdecke. Ist das Knacken, das da draußen zu vernehmen ist – etwa ein Elchbulle oder gar ein Puma? Morgen in aller Frühe werden es die Spuren im Schnee verraten.


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