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ArcelorMittal-Orbit: Ein Stück Luxemburg in London
Schwindel erregend: Die Struktur ist eine einzige Spirale, die sich asymmetrisch um eine mittlere Achse schwingt.

ArcelorMittal-Orbit: Ein Stück Luxemburg in London

Foto: Birgit Pfaus-Ravida
Schwindel erregend: Die Struktur ist eine einzige Spirale, die sich asymmetrisch um eine mittlere Achse schwingt.
Lifestyle 6 Min. 19.05.2012

ArcelorMittal-Orbit: Ein Stück Luxemburg in London

Seit einigen Tagen ist es fertig: das neue Wahrzeichen Londons, der gigantische und verwirrend gestaltete Orbit-Turm auf dem Olympiagelände in London. Mit seiner ungewöhnlichen Form erntet er viel Kritik und begeistert auf der anderen Seite mit völlig neuen architektonischen Ansätzen.

(bip) - Seit einigen Tagen ist es fertig: das neue Wahrzeichen Londons, der gigantische und verwirrend gestaltete Orbit-Turm auf dem Olympiagelände in London. Mit seiner ungewöhnlichen Form erntet er viel Kritik und begeistert auf der anderen Seite mit völlig neuen architektonischen Ansätzen. Ein gutes Stück Luxemburg steckt auch darinnen: Zum einen wurde Stahl aus dem Großherzogtum darin verarbeitet. Zum anderen hat ArcelorMittal den Großteil des gigantischen Bauwerks finanziert.

Ein „nutzloser und monströser Turm im Herzen unserer Hauptstadt“, eine „teuflische Konstruktion“, ein „Schandfleck ohne Zweck“. Die Rede ist nicht vom Orbit Tower. Die Rede ist vom Eiffelturm. Kurz nach seiner Fertigstellung vor fast 125 Jahren hagelte es Kritik von allen Seiten. Und heute? Als höchstes Bauwerk von Paris prägt er das Stadtbild und gilt mit rund sieben Millionen zahlenden Besuchern pro Jahr zu den meistbesuchten Wahrzeichen der Welt. Der Turm ist eine der bekanntesten Ikonen der Architektur und der Ingenieurskunst.

„Prätentiöser Schrott“

Davon ist der Orbit Tower auf dem Olympiagelände in London noch weit entfernt. Kritisiert wird er indes auch jetzt schon wie damals sein stählerner Bruder in Paris: „Awful Tower“, „Schandfleck“, „Godzilla der Kunst“, „prätentiöser Schrott“ . Doch hat der Orbit noch mehr gemeinsam mit dem Wahrzeichen von Paris. Er soll nämlich künftig ebenso ikonenhaft über dem sonst eher flachen London thronen. Er ist auch hoch, wenn auch mit 114,5 Metern nicht mal halb so gigantisch wie sein Bruder in Frankreich (324 Meter).

Wie der Eiffelturm besteht der Orbit fast ausschließlich aus Stahl. Man kann ihn erklimmen, ob per Lift oder per Treppe. Und die größte Skulptur des britischen Königreiches transportiert etwas: Fortschritt, Macht über die Naturgesetze. Er scheint über die Schwerkraft zu triumphieren, schwingt sich rubinrot und gleichsam rhythmisch in die Lüfte, und es befällt den Betrachter Schwindel, wenn er mit dem Auge der kühnen Linienführung folgt.

Er ist ein Denkmal. Vor allem für den Stahlriesen ArcelorMittal. Unter der Federführung des weltgrößten Stahlherstellers läuft das Projekt, und zu einem Großteil wurde der Orbit auch von ArcelorMittal finanziert. Die Legende will es – und wird von den Protagonisten auch bestätigt –, dass sich ArcelorMittal-Boss Lakshmi Mittal und Londons Bürgermeister Boris Johnson auf der Herrentoilette auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Jahr 2009 trafen.

Johnson erzählte dem Multimillardär von seiner Idee, ein bleibendes Kunstwerk für den olympischen Park errichten zu lassen. Mittal sagte sofort und begeistert zu. Geld und Stahl würden von dem Industriegiganten geliefert. Das Projekt wurde offiziell ausgeschrieben. Siegerteam waren der Künstler Anish Kapoor und der Ingenieur Cecil Balmond, seit langen Jahren ein Team.

Verzerrt in konkaven Spiegeln

„Du kannst den Orbit nicht in Einzelteilen verstehen. Du musst alles sehen! Gleichzeitig guckt die Struktur auf dich herunter. Das ist der Zauber des Orbit“, erklärt Cecil Balmond begeistert bei einer Besichtigung des gigantischen Bauwerks. Alles, was man an der Struktur sehe, habe eine funktionelle Bedeutung, jede Linie optimiere die Struktur, es gebe nichts Unnötiges. In vier-Meter-Sektionen sei der Orbit vor Ort zusammengebaut worden.

„Es war komplex, aber nicht schwierig. Ich hatte einen Instinkt, dass es gehen muss.“ Und das hat dann ja auch geklappt. 35 000 Bolzen halten das Gebilde zusammen. Der Wind weht sacht durch die Stahlstreben. Künstler Kapoor lächelt fein und erklärt, warum er einmal mehr das Rubinrot RAL 3003 als Farbe wählte. „Im Olympiapark ist viel Weiß und Grün. Ich fühlte, dass es wichtig war, eine Kontrastfarbe zu wählen. Stahl muss ja ohnehin gestrichen werden. Also. Rot.“

Beim Besichtigungstermin wird fotografiert, gefilmt, staunend hinausgeschaut. Verzerrt spiegeln sich Journalisten, Politiker und Sponsoren in den konkaven Spiegeln, die Markenzeichen von Anish Kapoor sind und sich auch in anderen Werken wiederfinden. Oberbürgermeister Boris Johnson lächelt. Seine Bürger werfen ihm vor, ein Wahrzeichen zu propagieren, das mit den Menschen nichts zu tun habe. Und doch sind da Menschen, die das Stahlmonster berührt.

Der elfjährige Schüler Nagel ist mit seiner Klasse und seiner Lehrerin Kate gekommen und darf die Aussicht vom Orbit aus genießen. Die ganze Klasse steht in einem der beiden 300 Quadratmeter großen Innenräume, die von Terrassen umgeben sind. Es ist ein schöner Tag mit klarer Luft. Tagelang hatte es geregnet. Nagel ist beeindruckt. „Ich mag, dass alles rot angemalt ist. Wie unsere Schuluniform und mein Lieblingsclub Arsenal.“

Die „Stärke des Stahls“

Etwas abseits steht Lakshmi Mittal. Routiniert gibt er Interviews. „Die Schönheit des Gebäudes liegt in der Stärke des Stahls“, sagt er und sieht sehr zufrieden aus. Er selbst habe zu Beginn eine Vision eines Gebildes mit Ecken und Quadraten gehabt, sei jedoch sehr angetan von dem Werk des Künstlerteams Anish und Cecil. Seine Frau Usha sieht aus dem Fenster. Sie ist zum vierten Mal hier, seit der erste Spatenstich gemacht wurde.

„Es ist beeindruckend“, sagt sie. „Als wir das erste Mal hier waren, war gar nichts da, jetzt ist alles fertig und fantastisch.“ „Nichts da“ beschreibt es ganz gut. Der Bezirk Stratford ist vor allem ein wichtiger Umsteigeknotenpunkt zwischen der Eisenbahn, der Tube (Untergrundbahn) und dem Docklands Light Railway. Industriebrache erstreckte sich kilometerweit, bevor der Olympiapark gebaut wurde. Ein großes Einkaufszentrum prägt außer dem Olympiapark heute das Viertel. Für die Zukunft versprechen sich Johnson und die anderen Stadtoberen ein prosperierendes Stadtgebiet. 

Alles wird umgebaut

Wenn die olympische Fackel am 12. August erlischt, wird alles umgebaut. Im Frühling 2013 soll der Park dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, soll Platz für Konzerte und andere Freiluft-Veranstaltungen bieten. Das Olympiastadion wird auch zurückgebaut, damit es für den bei den Engländern so beliebten Football passt. Langfristig soll ein Wohngebiet entstehen. Über dem selbstverständlich ewig der Orbit thronen soll.

„Wir wussten, dass der Orbit polarisiert“, sagt Ian Louden, „Head of Brand“ bei ArcelorMittal. Und Andrew Altman, „Chief Executive“ bei der London Legacy Development Corporation, betont: „Es ist eine erstaunliche Struktur, Teil eines urbanen Kontextes, und das wird der Orbit auch danach bleiben.“ 18 Monate Zeit gebe man sich für die Umgestaltung nach den Spielen. Neun Kilometer Straße müssten dann gelegt, 30 Brücken umgewandelt werden. „Die Leute sollen so schnell wie möglich da rein.“ Das möchte auch der Künstler Anish Kapoor.

Er wünscht sich, dass so viele Menschen wie möglich „seinen“ Orbit erleben. „Ich möchte, dass es einen moderaten Eintrittspreis gibt. Jeder soll hinaufkönnen und das erleben.“ Doch auch das wird langfristig eine Frage des Geldes sein. Eine Fahrt zur obersten Plattform des Eiffelturms kostet derzeit übrigens 13,40 Euro.


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