Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Als die Abende lang waren
Lifestyle 3 Min. 31.03.2019

Als die Abende lang waren

Die traditionellen Motive des filigranen Scherenschnitts zeigen häufig die Tagarbeit der Bauern auf den Feldern.

Als die Abende lang waren

Die traditionellen Motive des filigranen Scherenschnitts zeigen häufig die Tagarbeit der Bauern auf den Feldern.
Foto: Hanne Walter
Lifestyle 3 Min. 31.03.2019

Als die Abende lang waren

Einst als kreativer Zeitvertreib entstanden, erlebt der Scherenschnitt im schweizerischen Pays-d'Enhaut ein Comeback.

von Hanne Walter

Winzige Schnitte mit der Schere, klitzekleine Bewegungen mit dem Cutter, dazu Geduld und eine ruhige Hand: Unter den geschickten Fingern von Doris Henchoz entfalten sich Schwarz auf Weiß stets neue Ansichten ihrer schweizerischen Heimat. Die Miniaturen der Scherenschnitt-Künstlerin fangen das Leben und die Landschaft des Pays-d'Enhaut im Kanton Waadt, einem Schattentheater gleich, ein. Damit hat sie eine Tradition wieder aufgegriffen, die in so konzentrierter Form jahrhundertelang nur in dieser Region existierte.


Der Hutmacher
Handwerkskunst ist in Italien gelebte Tradition. Einer der letzten Vertreter seiner Kunst ist der Hutmacher Ciro Russo in Salerno.

Zu dieser Gegend zwischen Gstaad in den Alpen und Montreux am Genfer See gehören die Gemeinden Rougemont, Château-d’Oex, Rossinière nebst einigen Weilern. Mit ihren saftigen Bergwiesen, stattlichen Holzhäusern, Käsereien und reicher Kultur zählen sie zu den schönsten und abwechslungsreichsten, die sich ein Urlauber nur wünschen kann. Denn ihn erwarten neben ländlichem Charme und intakter Natur alle Annehmlichkeiten der Neuzeit. Doch die haben in den Bergen ziemlich spät Einzug gehalten.

Nach der Feldarbeit

Das bäuerliche Leben war hart und der Ausbau von Verkehrswegen dauerte. Der erste Zug erreichte Château-d’Oex erst im Jahr 1905. Hatten die Ärmsten der Armen kein Geld für Gardinen oder schöne Tischdecken und Untersetzer, griffen sie nach ihrer Arbeit auf dem Feld, auf der Alm, im Garten und im Haus zu Papier und Schere und schnitten sich die Welt so, wie sie sie gerne hätten. Manchmal auch so, wie sie wirklich war: entbehrungsreich.

Und so tummelten sich die Tiere des Dorfes auf den Weiden und Almen, neigten sich die Bäume im scharfen Bergwind, wurden Feste gefeiert, Tote begraben und reihten sich das Gutshaus und die Katen aneinander, fast wie in einem Wimmelbuch. Alles derart detailverliebt und feingliedrig, dass so mancher herausgeschnittene Papierschnipsel glatt als Härchen durchgehen konnte. Was sie alle eint, sind die zarten Bordüren, mit denen ein jedes Kunstwerk gesäumt ist. Heute sind sie ein solches Charakteristikum für die Berg- und Tallandschaft, dass kaum eine Speisekarte, ein Etikett einer regionalen Spezialität oder eine Werbebroschüre ohne einen derart schmückenden Rand auskommt.

Unentbehrlich, die Motive rund um das Leben der Bauern.
Unentbehrlich, die Motive rund um das Leben der Bauern.
Foto: Hanne Walter

Der Urvater der filigranen Kunst war der Tagelöhner Jean-Jacques Hauswirth. Geboren 1809 im Saanenland, kam er als Holzfäller und Köhler in die Gegend von Rougemont. Mit kleinen, auch farbigen Scherenschnitten dankte er den Bauern für Kost und Logis. Nur wenig ist über ihn bekannt, einzig dokumentiert ist, dass ihm Château-d’Oex 1847 eine Aufenthaltsgenehmigung verweigerte. Er starb in Armut und Elend. Nur seine Kunstwerke überlebten, weil sie der Familienbibel oder dem Gesangbuch der Bauern als Lesezeichen dienten. Daher stammt auch sein Beiname „Großer der Lesezeichen“.

Über vierzig Jahre später entdeckte der Künstler und spätere Direktor des Völkerkunde Museums von Neuchâtel, Théodore Delachaux, einige von Hauswirths wunderbaren Scherenschnitten und erkannte ihren künstlerischen Wert. Inzwischen  hatten schon die ersten Feriengäste des mittlerweile bekannten Ferienorts Château-d’Oex etliche der Kleinode als einzigartige Erinnerungsstücke mit nach Hause genommen. Doch im Museum Vieux Pays-d’Enhaut sind noch immer mehr als dreißig dieser einzigartigen und ursprünglichen Kunstwerke zu bewundern.

Wieder entdeckt

Um Erhalt und Förderung des traditionellen Schweizer Scherenschnitts sorgt sich seit 1986 ein Verein, der inzwischen mehr als 550 Mitglieder zählt. Darunter auch Doris Henchoz, die 1973 ins Pays-D’Enhaut kam und einige Jahre später die Scherenschnitte für sich entdeckte. Bald entwickelte sie eine solche Kunstfertigkeit, dass sie selbst Kurse geben konnte und Besucher einlädt, sich von ihrer papiernen Liebe anstecken zu lassen.

Corinne Karnstadt hat ihren eigenen, modernen Stil entwickelt.
Corinne Karnstadt hat ihren eigenen, modernen Stil entwickelt.
Foto: Hanne Walter

Ihre Kollegin Corinne Karnstadt aus La Tine kam über ihre Arbeit bei einem Antiquitätenhändler mit Scherenschnitten in Kontakt. Aber die gefielen ihr nicht sonderlich und sie fand die Bilder vor allem zu teuer. Die Technik hingegen hatte es ihr auf der Stelle angetan – und so begann sie vor gut zwölf Jahren selbst mit der Filigranarbeit. Dabei wagt sie eine Mixtur aus traditionellen und modernen, manchmal sogar feministischen Sujets. Das ist vor allem deshalb bedeutsam, weil der Scherenschnitt ursprünglich Männersache war. Frauen hatten tagsüber Haus und Hof zu führen und abends zu nähen und zu stricken.

Mit ihrer Annäherung an das Heute kümmert sich Corinne Karnstadt auch um den Nachwuchs und gibt in Schulen höchst erfolgreich Kurse. Und so konnte ein fast verlorenes Kulturgut wiederbelebt werden, das nun gar den städtischen Müllwagen ziert. 


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

So gesund sind Gemüsechips und Energyballs
Angeblich gesunde Snacks und Süßigkeiten gibt es inzwischen reichlich. Experten sehen bei den Riegeln und Bällchen durchaus Vorteile gegenüber klassischen Keksen oder Schokoriegeln. Kalorien haben sie aber auch.
ILLUSTRATION - Zum Themendienst-Bericht von Julia Felicitas Allmann vom 20. März 2019: Nährstoffreiche Kalorienbomben: Energy Balls sind für den Körper besser als Schokopralinen. Unbegrenzt sollte man sie aber nicht naschen. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++
Wenn Träume zu Stoff werden
Die Oscar-Roben, die in Handarbeit gefertig werden, begeistern Millionen. Die Traditionshäuser Louis Vuitton und Dior gewährten während der Vorbereitungen Einblick hinter die Kulissen.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.