Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Alberto Alessi: Design als Kommunikation
Lifestyle 6 Min. 28.09.2019

Alberto Alessi: Design als Kommunikation

Alberto Alessi vor dem von ihm geschätzten Ortasee.

Alberto Alessi: Design als Kommunikation

Alberto Alessi vor dem von ihm geschätzten Ortasee.
Foto: Nicole Werkmeister
Lifestyle 6 Min. 28.09.2019

Alberto Alessi: Design als Kommunikation

Nicole WERKMEISTER
Nicole WERKMEISTER
Unternehmenschef Alberto Alessi spricht im Interview über das Kaffeekochen, außergewöhnliche Entwürfe und seine Liebe zum Weinbau.

Wenn es um stilvollen Kaffeegenuss geht, muss ein Italiener zu Wort kommen. Und wenn noch dazu italienische Designgeschichte gefragt ist, kommt eigentlich nur einer in Frage: Alberto Alessi. Das „Luxemburger Wort“ traf den ebenso charismatischen wie geduldsamen Familienunternehmer in seiner Heimat am Ortasee.

Alberto Alessi, wir sprechen uns zum „Welttag des Kaffees“, der am kommenden Dienstag gefeiert wird. Wie viel Kaffee haben Sie heute schon getrunken?

Sechs Tassen Espresso, wie immer. Ich bin zwar ein Frühaufsteher, aber ich brauche recht lange, um richtig wach zu sein. Zum Frühstück mache ich mir sechs Tassen Espresso in einer „Moka“ auf der Herdplatte. Das war es dann aber mit Kaffee für den Rest des Tages.

Ihr Unternehmen Alessi ist für seine Haushalts- und Küchenutensilien aus Edelstahl bekannt. Aber die Erfindung der „Moka“ ist ebenfalls eng mit Ihrem Unternehmen verbunden.

Unser Familienunternehmen wurde von meinem Großvater väterlicherseits, Giovanni Alessi, 1921 gegründet. Der Vater meiner Mutter, Alfonso Bialetti, hat das Prinzip der „Moka“ 1931 erfunden und später selbst eine Firma gegründet. Die Idee kam ihm, als er meiner Großmutter beim Wäschereinigen zusah. Damals wurde das in einem Gerät gemacht, das mit Dampf betrieben wurde. Eine Mischung aus Seife und Kohle wurde mit Wasserdampf erhitzt. Er fragte sich, ob dieses Prinzip auch bei der Zubereitung von Kaffee funktionieren könnte. Und das tat es.


Georges Weyer - Gründer Luxemburger Uhrenmarke LOX - Foto: Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Luxus aus Luxemburg
Georges Weyer aus Bereldingen präsentiert Loxo - eine mechanische Armbanduhr für Puristen, die ganz seinem Geschmack entspricht.

Der Charme, den Italien für viele Nordeuropäer ausübt, besteht unter anderem darin, dass man länger an Traditionen festhält. Sie haben offenbar der Versuchung widerstanden, die Produktion an einen wirtschaftlich attraktiveren Standort zu verlegen.

Unser Unternehmen ist seit seiner Gründung in Omegna, am Lago d’Orta, ansässig. Wir sind ein wichtiger Arbeitgeber für die Region und möchten das auch bleiben. Unser Spezialgebiet ist die aufwendige Verarbeitung von Edelstahl, die wir noch immer hier vor Ort betreiben. Alles, was nicht zu unserer Kompetenz gehört, wie etwa Porzellan oder Glas, lassen wir von erfahrenen Partnerunternehmen fertigen.

Die Herstellung in Europa ist unausweichlich mit höheren Kosten verbunden, die sich andere Hersteller gerne ersparen. Wie gehen Sie damit um?

Als „Italian Design Factory“ haben wir eine Tradition zu bewahren und einen Qualitätsanspruch, den wir vertreten – und wir meinen, dass unsere Rolle auch und gerade im heutigen Überfluss wichtig ist. Wir möchten dazu beitragen, das Bewusstsein unserer Konsumgesellschaft etwas zu erhöhen.

Sie sind bereits 1970 ins Unternehmen eingestiegen und können inzwischen auf fast 50 Jahre Designgeschichte zurückblicken, die sie teils mitgeprägt haben. Wie würden sie die vergangenen vier Jahrzehnte in puncto Design beschreiben?

Die 1970er-Jahre würde ich als eklektisch bezeichnen. Design war nur etwas für kunstaffine Menschen. In den 1980er-Jahren wurde Objekt- oder Produktdesign zu etwas, das auch die Masse anspricht und interessiert. Das setzte sich in den 1990er-Jahren fort. Nach der Jahrtausendwende wurde dann alles anders.

Schätze im Archiv: Prototypen der von Philippe Starck entworfenen Zitruspresse „Juicy Salif“.
Schätze im Archiv: Prototypen der von Philippe Starck entworfenen Zitruspresse „Juicy Salif“.
Foto: Nicole Werkmeister

Inwiefern? Was hat sich in Sachen Design denn seit 2000 geändert?

Das Angebot ist unglaublich groß geworden. Nicht gerade in qualitativer Hinsicht, aber in der Quantität.

Das Motto „form follows function“ scheint nicht oberstes Gesetz bei Alessi zu sein. Welches Designprinzip verfolgen Sie?

Die Funktion steht selten allein im Fokus von Produktdesign. Schuhe zum Beispiel sollten die Funktion erfüllen, dass man in ihnen gut laufen kann. Aber nicht selten bestimmt der Anspruch an Ästhetik die Form – und die Funktion wird zur Nebensache, ganz besonders bei den Damenschuhen. (lacht) Aber auch die Schönheit steht bei Alessi nicht an erster Stelle. Uns geht es vorrangig um die Kommunikation, die ein Objekt mit dem Menschen und dessen Fantasie aufzubauen vermag. Gutes Design geht in Beziehung.


Panorama - Manga Statuen aus Sandweiler : Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Manga-Helden aus Sandweiler
Mitten in Luxemburg entwickelt das Unternehmen Tsume Art Comic-Figuren im japanischen Stil - mit großem internationalem Erfolg.

Wie finden Sie heraus, ob ein Entwurf diesen Anforderungen entspricht?

Wir stehen in Kontakt mit etwa 300 Designern. Zusätzlich erhalten wir pro Jahr etwa 300 Einsendungen von Designern, die ihre Ideen und Entwürfe einschicken. Um die Vorauswahl zu vereinfachen, habe ich ein Prinzip entwickelt, das ich „die Erfolgsformel“ genannt habe.

Und woraus besteht diese „Erfolgsformel“?

Sie beinhaltet vier Parameter: Funktion, Preis, Emotion und Kommunikation, die in Balance sein müssen.

Wie gelingt es Ihnen, obwohl sie mit vielen unterschiedlichen Designern mit unterschiedlichen Stilen arbeiten, doch „typisch Alessi“ erkennbar zu machen?

Auch das ist ein Prinzip. Wir versuchen in der Entwicklung genau den Punkt zu finden, an dem wir an der Grenze ankommen, an dem das Produkt seinen höchsten ästhetischen Reiz hat, aber dennoch funktional ist. Diese Grenze kann man nicht sehen, nur erahnen und spüren. Meist gelingt das ganz gut. Manchmal gehen wir zu weit und landen einen Flop.

Einblick in die Fertigung: Edelstahl-Rohlinge vor der Weiterverarbeitung.
Einblick in die Fertigung: Edelstahl-Rohlinge vor der Weiterverarbeitung.
Foto: Nicole Werkmeister

Bei welchem Projekt ist Ihnen das passiert?

Etwa beim Wasserkessel „Hot Bertaa“ von Philippe Starck. Wir wussten, dass er in der Handhabung etwas kompliziert war. Aber er wurde einfach nicht verstanden.

Philippe Starck hat das ja zum Glück ausgeglichen ...

Ja! (lacht) Das war ganz am Anfang unserer Zusammenarbeit. Philippe Starck war damals noch nicht so bekannt wie heute. Aber er zählte zu den Designern mit viel Potenzial und ich fragte ihn, ob er ein Projekt mit uns machen wollte. Ein Tablett. Er stimmte zu, aber zwei Jahre lang passierte nichts. Dann trafen wir uns zum Essen und sprachen nochmals über das Projekt. Kurz darauf fuhr er mit seiner Familie in den Urlaub. Wenig später erhielt ich Post: ein Papier-Platzset aus einem Restaurant, in dem Starck Calamari gegessen hatte. Die Form der kleinen Tintenfische hatte ihn dazu inspiriert, etwas zu entwickeln, das später unsere Zitronenpresse „Juicy Salif“ werden sollte.

Sie müssen in der Zusammenarbeit mit Künstlern offenbar ein hohes Maß an Flexibilität und Geduld beweisen.

Nun ja, Druck bringt gar nichts. Das habe ich schon früh erkannt. Man muss sich die Dinge entwickeln lassen und die Beziehungen pflegen. Die Chemie muss in der Zusammenarbeit stimmen. Das ist das Wichtigste.


x
Interior im Bauhaus-Stil: Für immer jung
Das Bauhaus feiert 100. Geburtstag. Ein guter Grund zum Feiern - und ein noch besserer, um ein wenig frischen Wind in die eigenen vier Wände zu bringen.

Sie sind unlängst unter die Winzer gegangen und bauen Ihren eigenen Wein an. Wie kam es dazu?

Ich habe 2001 ein altes Haus mit einem schönen Grundstück mit Blick auf den See gekauft. Alessandro Mendini, mein kürzlich verstorbener Freund und Architekt, hat einige Entwürfe zur Neugestaltung gemacht, die aber alle von den Baubehörden abgelehnt wurden. Am Ende mussten wir uns sehr stark an das Bestehende halten. Mit dem Anbau von Wein wollte ich eine alte Tradition der hiesigen Gegend wieder aufleben lassen. Im 17. Jahrhundert wurde hier bereits Weinbau betrieben.

Welche Rebsorten bauen Sie an?

Pinot Noir, Chardonnay und eine Spätlese.

Haben Sie auch für den Weinbau ein Erfolgsrezept?

Die wesentlichen Bedingungen bestimmt die Natur: das Wetter. Da bin ich machtlos. (lacht) Aber natürlich habe ich mich im Vorfeld mit verschiedenen Ansätzen beschäftigt. Insbesondere mit der Anthroposophie und Rudolf Steiner, der den Demeter-Landbau begründet hat. Alles ganz natürlich zu belassen kam mir entgegen und hörte sich nach wenig Arbeit an. Letztlich ist es aber doch recht aufwendig.

Sie haben sich bei diesem Projekt erstmals auch als Designer verwirklicht.

Ja, zumindest teilweise. Bei der Entwicklung der Flaschen habe ich mich an Entwürfen von Leonardo da Vinci orientiert. Die trichterähnliche Form entspricht dem Prinzip der Pyramide und dem Goldenen Schnitt. Das könnte sich positiv auf die Entwicklung des Weins während der Lagerung auswirken. Ob sich das bewahrheitet, prüfe ich noch.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

In Mailand: Eine Woche voller Design
Einmal im Jahr wird Mailand während der Möbel- und Design-Messe "Salone del Mobile" und der parallel stattfindenden Design Week "Fuorisalone" zum Design-Universum
Viel zu sehen in Mailand: Installation "Peep Show Wallpapers" während der "Fuorisalone" Design Week 2019 im Stadtteil Tortona.