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100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: Russland feiert seinen Traditionszug
Lifestyle 3 Min. 05.11.2016

100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: Russland feiert seinen Traditionszug

Der Zarengold-Express in der Nähe des Baikalsees. Die 21-tägige Reise von Moskau nach Wladiwostok kostet mindestens 4500 Euro.

100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: Russland feiert seinen Traditionszug

Der Zarengold-Express in der Nähe des Baikalsees. Die 21-tägige Reise von Moskau nach Wladiwostok kostet mindestens 4500 Euro.
Foto: Konvushkin
Lifestyle 3 Min. 05.11.2016

100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: Russland feiert seinen Traditionszug

Das russische Road Movie auf Schienen hat auch nach einem ganzen Jahrhundert nichts von seiner Faszination eingebüßt. Eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn bleibt faszinierend und abenteuerlich.

(srt) - Von meditativer Stille ist am Jaroslawer Bahnhof in Moskau erst einmal nichts zu spüren. Erst als die Waggontüren mit einem lauten Ruck schließen, verstummt der Trubel auf dem Bahnsteig schlagartig. Langsam fährt die Lokomotive an, und ganz allmählich lässt der komfortable Zarengold-Express die weit ins Umland ausufernde Hauptstadt hinter sich.

Zwiebeltürme und Minarette

Kasan liegt eine halbe Nacht entfernt und grüßt mit leuchtenden Zwiebeltürmen und Minaretten. In der Hauptstadt der Tataren trifft Orient auf Okzident, eine Begegnung, die sich im Stadtbild eindrucksvoll widerspiegelt. Ein lang gezogener Pfiff, dann heißt es wieder Einsteigen und Platznehmen.

Weiter geht es nach Jekaterinburg, dem letzten großen Vorposten Europas, bevor der Zug den Ural und damit die Grenze zu Asien passiert – Bäume, Bäume, Bäume, in allen Größen und so weit das Auge reicht. Ganz gleich, ob links oder rechts vom Ural, die oft genannte Kontinentalscheide ist eine willkürlich gezogene Linie.

Wodkaproben, Schachpartien gegen Mitreisende, Vorträge, Vollpension und Ausflüge rund um die Zwischenhalte lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. Denn der Zarengold-Express ist kein herkömmliches Verkehrsmittel, sondern eine äußerst bequeme Kreuzfahrt auf Schienen. Vorbei an verstreuten Holzhaus-Dörfern und Mini-Weilern, die, je weiter nach Osten, in Zahl und Größe immer unbedeutender werden, sowie durch Birkenwälder und unendliche Grassteppen rattert er unermüdlich in Richtung Baikalsee.

Ein gewaltiges Binnenmeer

Klar und tief wie kein zweites Gewässer auf dieser Welt kommt der Baikalsee einem gewaltigen Binnenmeer gleich. Für viele Passagiere ist er der Höhepunkt der Reise. Weitgehend unberührte Natur, Flussauen, dichte Nadelwälder, die fast bis an die Gleise reichen, Gebirge am Horizont und die einmalige Wasserwelt machen den Reiz des Streckenverlaufs aus.

Die nun folgende Panoramatrasse auf Schienen kann locker mit traumhaften Küstenstraßen wie dem Pacific Highway 1 oder der Amalfitana mithalten. Natürlich ist hier ein Stopp direkt am See fest eingeplant, wo sich mit etwas Glück Baikalrobben sehen lassen. Auf dem Grill röstet Omul, der nur im Baikal beheimatete Salmler.

Die Gesichter an den Haltepunkten hinter Irkutsk werden asiatischer. Russisch ist kaum noch zu hören, dafür Ewenkisch, Tschuwaschisch und andere sibirische Sprachen mit exotischer Melodie. Spätestens jetzt ist Europa fern und das Ziel der Reise nicht mehr weit entfernt.

Service wie in einem normalen Hotel. Die Reisenden müssen an Bord des Zugs auf nichts verzichten.
Service wie in einem normalen Hotel. Die Reisenden müssen an Bord des Zugs auf nichts verzichten.
Foto: Ross Hiller/Lernidee Erlebnisreisen

Im Gegensatz zum Baikalsee grüßt die Brücke von Chabarowsk unspektakulär. Ganz schnörkellos steht die gut drei Kilometer lange, moderne Stahl-Brücke mit ihren Beton-Pylonen im Hochwasser des Amur – ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Vor hundert Jahren noch das letzte fehlende Puzzlestück, ist sie heute eine unter vielen entlang der langen Route. Sie funktioniert zuverlässig auf zwei Etagen – oben Autobahn, darunter Bahntrasse. Mit der Einweihung der Brücke von Chabarowsk über den Amur vollendete das Zarenreich die längste Bahnstrecke der Welt.

Urlaub in Russland ist günstig

Die Erinnerung daran ist ein nationales Großereignis: Medienberichte, Fotowettbewerbe, Ausstellungen und Vorträge in den Bahnhöfen entlang der Strecke, Dokumentarfilme in den Waggons des legendären Zuges Rossija 1/2 – der Oktober steht ganz im Zeichen des runden Geburtstags der 9288 eisernen Kilometer.

Doch nur deshalb gerade jetzt ein Land bereisen, das in den Medien immer wieder in den negativen Schlagzeilen steht? Da muss Felix Willeke, stellvertretender Geschäftsführer von Lernidee Erlebnisreisen und Transsib-Fan nicht lange überlegen: „Ein historisch schwacher Rubel-Kurs macht

Urlaube in Russland und vor allem die Ausgaben vor Ort derzeit deutlich günstiger – selbst Kaviar ist momentan relativ preiswert zu haben.“ Aber nicht nur die geringen Kosten sind für ihn ein Grund. „Das teilweise negative Image des Landes in unseren Medien sollte niemanden abschrecken. Im Gegenteil: Ich bin selbst immer wieder am Baikalsee und in vielen anderen Städten von Moskau bis Wladiwostok in Russland unterwegs und werde von den Menschen immer mit offenen Armen und großem Interesse am Leben in Europa empfangen“, verrät der Berliner im Bord-Restaurant.

Weiter zieht die Lok ihre Waggons kraftvoll hinein in die raue Taiga. Acht Zeitzonen und über 9 000 Kilometer vom Start in Moskau entfernt, rattert der Zug am nächsten Tag in den Hauptbahnhof von Wladiwostok ein. Eine salzige Brise vom Pazifik empfängt die Passagiere auf dem Bahnsteig. Die Reise endet hier, ein Reinigungsteam macht sich mit großer Eile an die Reinigung der Waggons, denn schon bald fährt die Rossija 1/2 zurück nach Europa.

Für die meisten geht es nach einer letzten Sightseeing-Tour in Russlands ganz Fernen Osten mit dem Flieger wieder zurück nach Hause – mit jeder Menge unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck. Und der Gewissheit: Auch nach 100 Jahren lebt Russlands Mythos Transsibirische Eisenbahn wie eh und je. 


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