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Zum Jubiläum großer Alben: In die Jahre gekommen
Die Beatles und ihre "Gäste" auf dem Plattencover von "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band".

Zum Jubiläum großer Alben: In die Jahre gekommen

Foto: EMI/Parlophone
Die Beatles und ihre "Gäste" auf dem Plattencover von "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band".
Kultur 14 19 Min. 01.06.2017

Zum Jubiläum großer Alben: In die Jahre gekommen

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Ein gar nicht wehmütiger Blick zurück auf Monumente der populären Musik - und auf das, was lange nach ihrer Veröffentlichung davon übrig ist. Zum Beispiel "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", das am 1. Juni 50 Jahre alt wird.

Rockalben, Bestseller zumal, sind Meilensteine. Sie sind Gradmesser und Dokumente ihrer jeweiligen Ära. Sie bezeugen den Zeitgeist, der bei ihrer Erstveröffentlichung herrschte. Und sie begründen kollektive Erinnerungen im Stile von "Wo warst Du als diese Platte zum ersten Mal im Radio lief?"

Wir werfen zum Jahrestag ihrer Veröffentlichung einen Blick auf einige wichtige Alben der Rock- und Popgeschichte - und auf das, wofür sie heute noch stehen.

Entschleunigter Ewigkeits-Pop: "Sergeant Pepper"

Schneller, höher, weiter: Die Beatles hatten in ihrer Anfangszeit ein nahezu unmenschliches Pensum aus Aufnahmen, Konzerten, Dreharbeiten und Promoterminen zu absolvieren. Als sie damit aufhörten, gelang ihnen 1967 mit „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" der ganz große Wurf, nichts weniger als eine Neuerfindung der eigenen Legende und gleichzeitig des ganzen Pop-Genres.

Von Tom Rüdell (1. Juni 2017)

Ende 1966 nahmen die Beatles sich zum ersten Mal seit sieben Jahren Zeit. Seit den Anfangstagen auf der Reeperbahn 1960 waren sie dem Zeitgeist vorneweg gelaufen und dabei immer hektischer geworden. Die mitunter skurrile „Beatlemania“ hatte Spuren hinterlassen und aus der naiven Schülerband gestresste Musikmaschinen gemacht – ausgebrannt mit Mitte 20.

In New York spielten sie vor 50 000 Fans, die vor lauter Geschrei nichts von der Musik hörten. Bei der „Bravo Blitztournee“ spielten sie in Deutschland sechs Shows in drei Tagen. Und in Manila wurden sie im Sommer 1966 fast gelyncht, weil sie die philippinische Präsidentengattin Imelda Marcos versehentlich düpiert hatten. Die Beatles zogen die Notbremse: keine Konzerte mehr, statt dessen eine musikalische Neuausrichtung.

Und die gelang gründlich: Die Beatles quartierten sich für vier Monate in den Abbey-Road-Studios ein und produzierten für die damals astronomische Summe von 50 000 Pfund ein Album der Superlative. Zum Vergleich: Ihre erste LP „Please Please Me“ war 1963 innerhalb von rund anderthalb Tagen (und für 400 Pfund) entstanden. „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“, das am 1. Juni 1967 in den USA erschien, war ein opulentes Gesamtkunstwerk, das mit Teenie-Euphorie nicht mehr viel zu tun hat.

Dafür umso mehr mit dem neuen Geist, der aus San Francisco kam und mittlerweile auch durch die Straßen von London wehte. Die Beatles hatten auf ihrer letzten Tour durch Amerika genug „Hippie-Vibes“ mitbekommen, um ein Album zum Thema Liebe und Freundschaft für eine plausible Idee zu halten. Und da sie Abstand von der eigenen Legende brauchten, erfanden sie mit der „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ eine Art Alter Ego – ein genialer Schachzug, um musikalische Freiheit zu erreichen.

'Sergeant Pepper' durfte tun, was John, Paul, George und Ringo der Popstar-Stress bislang verwehrt hatte: ausprobieren, Stile mixen, große Melodien auch angemessen ausschweifend arrangieren.

Denn „Sergeant Pepper“ durfte tun, was John, Paul, George und Ringo der Popstar-Stress bislang verwehrt hatte: ausprobieren, Stile mixen, große Melodien auch angemessen ausschweifend arrangieren. Entscheidender Faktor war dabei wie so oft George Martin. Der väterliche Freund und umtriebige Produzent der Beatles ging dieses Mal an die Grenzen der bekannten Aufnahmetechnik: zwei synchronisierte Vierspur-Rekorder, Schatzsuchen im Geräuschearchiv für „Good Morning, Good Morning“, ein vierzigköpfiges Orchester und drei Klaviere gleichzeitig beim grandiosen „A Day in the Life“, zahlreiche Gäste, zahllose Anspielungen und Insider-Gags, wie zum Beispiel der nur für Hunde hörbare Ton am Ende der B-Seite. Live nicht mehr spielbar – aber das war ja sowieso passé.

13 Songs enthält das Album, zwei weitere erschienen vorab. Die Single „Strawberry Fields Forever/Penny Lane“ nahm vorweg, was auch für das Album gilt: Sie ist ein Jahrhundertwerk des Pop. Nicht alle sehen das indes so: Zwar knackte „Sergeant Pepper“ schon bei Erscheinen die Gold-Marke. Doch unter Beatles-Fans hat die Diskussion, welches Album das beste sei, immer noch ein offenes Ende. „Eingekeilt“ zwischen „Revolver“ (1966) und dem „White Album“ (1968) wirkt „Sgt. Pepper“ in der Tat ein bisschen zerfahren und wenig kohärent. Doch der entspannte Entdeckergeist, der diesem Album innewohnt, ist ziemlich einzigartig.

Keith Richards, schon immer der konservativste der schon immer konservativen Rolling Stones, mäkelte übrigens noch 2015 genau an diesem Entdeckergeist herum: Ein "Mischmasch aus Mist" sei "Sergeant Pepper", das seien nicht mehr die Beatles gewesen, sie hätten ihre "Roots" aufgegeben. Ja, Keith, möchte man ihm sagen, das haben sie. Sonst wären sie die Stones gewesen.


"Are you kidding me?"

Am 24. September 1991 kommen – wieder einmal - zwei Meilensteine der modernen Rockmusik gleichzeitig in die Läden. Während die Red Hot Chili Peppers ihrem fünften Album „Blood Sugar Sex Magik“ eine nachhaltige und bis zum eher enttäuschenden aktuellen Album „The Getaway“ auch musikalisch ernstzunehmende Karriere folgen ließen, endete Nirvanas Laufbahn zweieinhalb Jahre nach „Nevermind“ abrupt mit Kurt Cobains Freitod.

Von Tom Rüdell (28. September 2016)

Mit einem Simpel-Riff, das ihnen selbst zu billig vorkam („Are you kidding me“, willst du mich verarschen, soll Bassist Krist Novoselic zu Cobain gesagt haben, als der seine Idee vorstellte) sprengten Nirvana 14 Tage vor der Veröffentlichung von „Nevermind“ die Grenzen des Bekannten. Die Single „Smells Like Teen Spirit“ wurde zur Hymne der neuen Grunge-Bewegung aus Seattle.

Auch wenn es ein Klischee ist und Rezensenten Klischees meiden sollen wie der Teufel das Weihwasser: „Nevermind“ ist nichts weniger als der Soundtrack einer ganzen Generation; es dürfte in der westlichen Welt kaum Menschen der Jahrgänge 1965 bis 1985 geben, die zu „Hello, hello, hello how low“ nicht gleich die Melodie und das Gitarrensolo im Kopf haben. Und der Mythos lebt: Bis heute sind 30 Millionen Stück verkauft, ein großer Teil davon sicher auch noch nach jenem unseligen 5. April 1994, als ein schwerst depressiver Kurt Cobain sich in eine andere Welt schoss.

„Nevermind“ vollzieht eine Wachablösung in der Popwelt – überdeutlich erkennbar daran, dass Nirvana im Januar 1992 ausgerechnet den amtierenden „King of Pop“ Michael Jackson vom Hitparaden-Thron stoßen. Die schlecht gelaunten, ungekämmten Strickpulli-Träger aus Seattle hatten gesiegt. Nirvana wird, mit Unterstützung des Majorlabels Geffen, für zwei Jahre zur wichtigsten Band der Welt und zieht Kollegen wie Pearl Jam oder Soundgarden mit nach oben.

Cobains Haltung teilten viele, die von der Scheinwelt des Pop und der statischen Selbstzufriedenheit der Reagan-und-Bush-Ära genug hatten.

Das Erfolgsrezept von „Nevermind“ waren große Melodien. Und clevere Arrangements, in denen sich extreme Härte mit gefühlvoller Schwermut abwechselt – Produzent Butch Vig, der beim Arrangieren half, hatte einen Weg gefunden, Cobains innere Zerrissenheit, seine grenzenlose Wut auf die Welt (und sich selbst) und seine Angst vor der Langeweile abzubilden. Eine Haltung, die viele teilten, die von der Scheinwelt des Pop und der statischen Selbstzufriedenheit der Reagan-und-Bush-Ära genug hatten.

Wer das verstehen will, kann sich zum Beispiel die hervorragende High-School-Serie „Freaks and Geeks“ (spielt 1980) ansehen. Diese holzgetäfelten, teppichbodenausgekleideten Vorstadthäuser ohne Keller, die für Europäer wirken wie von einem anderen Planeten. Der gleichermaßen enge wie oberflächliche Mikrokosmos High School, der komplett eigenen, ziemlich harten Regeln folgt. Das Teamsport-System, das ein paar wenige Stars und ziemlich viele Loser produziert.

Es ist kein Zufall, dass das von Cobain konzipierte Video zu „Smells Like Teen Spirit“  die Band beim Konzert in einer düsteren Turnhalle zeigt, angefeuert von mürrischen Cheerleadern. Die Metaphorik traf den Nerv ein weiteres Mal – der Clip wurde zum meistgespielten Video auf MTV.

Wer Suizidgedanken hat, sollte mit vertrauten Menschen darüber reden. Oft hilft bereits ein Gespräch, die Situation, zumindest für den Moment, zu verbessern. Wer darüber hinausgehende Hilfsangebote in Anspruch nehmen will, oder sich um nahestehende Personen sorgt, kann sich an SOS Détresse unter 00352-454545 wenden.   



Die Rasselbande macht ernst

Für die Red Hot Chili Peppers war es Zeit für den großen Wurf. Die vier Kalifornier standen im Ruf, eine durchaus talentierte Rasselbande zu sein – aber nach vier Alben fehlte den Funk-Rockern ein wenig die musikalische Richtung. Und 1990 reichte es nicht mehr, lediglich mit einer strategisch platzierten Socke bekleidet das Enfant Terrible zu geben.

Die Band wandte sich an Produzent Rick Rubin, der sich bereits einen brillanten Ruf als Song-Veredler und Bändiger schwieriger Charaktere erarbeitet hatte. Rubin hatte 1987 eine Zusammenarbeit mit den Peppers noch wegen ihrer Drogeneskapaden abgelehnt. Diesmal sagte er zu und schlug das legendäre „Mansion“ im Laurel Canyon als Aufnahmeort für „Blood Sugar Sex Magik“ vor. Die Villa soll in den 1920ern dem großen Illusionisten Houdini gehört haben und hatte bereits die Beatles und David Bowie beherbergt. Es spuke dort, sagte man. Kurzum: der ideale Ort. An dem schhließlich Großes entstand. (Rubin kaufte das Haus übrigens später und produzierte noch weitere Alben dort.)

Über Wochen abgeschirmt vom Showgeschäft und ohne Angst vor Gespenstern gelang mit Rubins Hilfe die Reduktion aufs Wesentliche: Cleanere Gitarren, trockenere Grooves und vor allem wieder klarere Parts von Bassist Flea, der zuletzt seinem überbordenden Talent kritiklos nachgegeben und einfach zu viel gespielt hatte. Sänger Anthony Kiedis, der selbsternannte „Sir Psycho Sexy“, lieferte dazu höchst persönliche Texte, in denen es kaum verklausuliert um seine an Sexsucht grenzende Beziehungsunfähigkeit geht („...there's a devil in my dick and some demons in my semen...“).

Das Ergebnis wird dem Albumtitel gerecht. Das finden nicht nur die Fans, die bis heute insgesamt 15 Millionen Kopien kauften – auch die Kritik schreibt dem Album nicht ganz alltägliche Qualitäten zu: „Blood Sugar Sex Magik, simply, sounds like fucking“, so Devon Powters.

Noch nach zweieinhalb Jahrzehnten funkeln die Singles „Give it away now“ und „Under the Bridge“. Aber auch der Rest des mit 17 Songs opulent geratenen Albums überzeugt. „Blood Sugar Sex Magik“ klingt urtümlicher und zeitloser als seine Vorgänger und die meisten seiner Nachfolger, ohne dabei unausgereift, inhaltlich zu leicht oder irgendwie platt zu sein.


Los Angeles' letzte Schlacht

Am 17. September 1991 erlebt die Hardrock-Welt einen spektakulären Doppelschlag: Ozzy Osbourne bringt das extrem erfolgreiche „No More Tears“ heraus. Und Guns N' Roses veröffentlichen am gleichen Tag sogar zwei Alben: Der Doppelpack „Use your Illusion I & II“ ist geprägt von gesundem Größenwahn, sprengt allerdings auch die Bank. Rückblickend scheint es fast, als hätte Los Angeles, die Hauptstadt des Glam-Rock, seine letzten Reserven mobilisiert, um der am Horizont nahenden Grunge-Welle aus Seattle etwas entgegenzusetzen. Vergeblich, wie man heute weiß: Nur eine Woche später erschien Nirvanas „Nevermind“ auf der Szene.

Von Tom Rüdell (17. September 2016)

Ozzy hatte das Schlimmste hinter sich. Ende der siebziger Jahre körperlich und seelisch schwer geschädigt bei Black Sabbath rausgeflogen, trotz Millioneneinnahmen in den Jahren vorher komplett pleite – die Drogen, der Suff, der Lebensstil. Von der Tochter seines ex-Managers, Sharon Arden, erst wieder aufs geschäftlich korrekte Gleis gesetzt, dann geheiratet.

Mit den Dramen war danach zwar nicht Schluss, 1981 starb sein Gitarrist Randy Rhoads weil er mit einem Kleinflugzeug abstürzte, am Steuerknüppel saß der zugekokste Tourbusfahrer. Und dann war da noch der Gerichtsprozess 1986, bei dem ihm nachgewiesen werden sollte, dass ein Teenager sich wegen seines Songs „Suicide Solution“ das Leben genommen hatte (die Klage wurde abgewiesen).

Trotz allem hatte Ozzy es aber geschafft, zwischen 1980 („Blizzard of Ozz“) und 1991 sechs vielbeachtete Soloalben auf den Markt zu bringen. Mit „No More Tears“ war der nordenglische Proll-Hardrocker endgültig im glamourösen Los Angeles angekommen.

Und Amerika schien ihm verziehen zu haben (bis auf Texas, wo man ihm bis heute vorwirft, besoffen und in Frauenkleidern ans Nationalheiligtum El Alamo gepinkelt zu haben). Ähnlich wie sein Kollege Alice Cooper wurde er jetzt nicht mehr als böser Geist und Verderber der örtlichen Jugend gesehen, sondern vielmehr als eine Art Geisterbahnbetreiber. Für gute Unterhaltung ist Amerika immer zu haben, und Ozzy lieferte seit Jahren zuverlässig. Leider übertrieben beide Parteien ein paar Jahre später den Entertainment-Faktor mit der Reality-Soap „The Osbournes“.

Ich bin seit fünf Monaten trocken und kann nicht beurteilen, ob die Platte gut oder schlecht ist.

„No More Tears“ ist, anders als die Vorgänger, eine modern produzierte Hardrock-Platte, deren Sound den Schritt in die Neunziger vollzieht, und die von gutem Songmaterial lebt. Bei vier Songs zeichnet zudem Ozzys Landsmann Lemmy Kilmister (Motörhead) als Co-Autor verantwortlich, der kurz vorher nach LA gezogen war. Die Band war eingespielt – obwohl Ozzy zum Durchwechseln seiner Mitmusiker neigte, war das aktuelle Lineup mit Randy Castillo am Schlagzeug und Zakk Wylde an der Gitarre schon durchgängig seit 1988 („No Rest for the Wicked“) dabei.

Ozzy selbst begann mitten in der Produktion einen Alkoholentzug, auch das sicher ein Schritt zu mehr Popularität, bekam dadurch aber Probleme mit seinem Urteilsvermögen: „Ich bin seit fünf Monaten trocken und kann nicht beurteilen, ob die Platte gut oder schlecht ist“, gab er zu Protokoll. Die Fans entschieden für ihn: „No more Tears“ verkaufte sich innerhalb der nächsten zehn Jahre alleine in den USA vier Millionen Mal („Vierfach-Platin“) - die heutigen Zahlen dürften weitaus höher liegen.

30 Songs an einem Tag

Es war wohl keine Absicht, dass am gleichen Tag mit „Use Your Illusion I & II“ eine der einflussreichsten Hard-Rock-Veröffentlichungen überhaupt anstand. Guns N' Roses hatten den Arbeitsaufwand (und ihren Drogenkonsum) falsch eingeschätzt und mussten den Termin für ihr opus magnum mehrmals nach hinten verschieben – Musiker- und Produzentenwechsel inklusive.

Axl Rose und Co. dürfte Ozzys Termin herzlich egal gewesen sein – wer 30 Songs auf einmal raushaut, schaut nicht auf die Konkurrenz. Und tatsächlich sollte sich der Größenwahn zumindest finanziell lohnen: Um Mitternacht am 17. September 1991 startete der Verkauf der beiden Alben – zwei Stunden später war in den USA die erste halbe Million verkauft. Nach einer Woche waren es 1,5 Millionen, bis heute sollen es insgesamt 35 Millionen sein. Der Doppelpack stieg auf Platz 1 und 2 in die US-Charts ein.

Interessant: „II“ verkaufte sich von Anfang an besser als „I“, das mag an dem Dylan-Cover „Knocking on Heaven's Door“ ebenso liegen wie an „You could be mine“, das damals clevererweise der Titelsong des Kinohits „Terminator II“ wurde. „I“ dagegen enthält mit „November Rain“ den „Größenwahn im Größenwahn“ - und steht exemplarisch für Axl Roses Arbeitsweise und die Entwicklung der Band. Seit 1983 soll der Bandboss an diesem Song gearbeitet haben. Geplant waren für „November Rain“ zunächst 25 (!) Minuten Laufzeit, am Ende wurden es neun – genauso wie Rose zunächst vier Alben auf einmal statt nur deren zwei veröffentlichen wollte. Kritiker sagten damals schon: Eins hätte gereicht – und wäre als Jahrhundertalbum in die Geschichte eingegangen.

So steht „Illusion I & II“ hauptsächlich für Gigantomanie in allen Bereichen: Rund sieben Millionen Fans sehen die dazugehörige Tour, die drei Jahre dauert, fast 200 Termine umfasst und diverse Supportbands wie Soundgarden, Metallica, Faith No More, Nine Inch Nails, Skid Row, Smashing Pumpkins und Body Count mit nach oben zieht.

Allerdings: „Use your Illusion“ war auch der Anfang vom Ende, denn danach kam nur noch die merkwürdige Cover-Platte „The Spaghetti Incident“ (1993) und die wieder ewig verschobene „Chinese Democracy“ (2008).


Gutgelaunte Pechvögel

Am 20. August 1991 starten die Spin Doctors mit „Pocket Full of Kryptonite“ einen kometenhaften Aufstieg und erleben nur kurz darauf einen tiefen Fall.

Von Tom Rüdell (20. August 2016)

Man kann den Spin Doctors nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben – ausgiebige Touren, Auftritte auf Festivals vom Kaliber Woodstock 94 und Glastonbury. Musikvideos, die den quietschbunten Charme der frühen „Friends“-Staffeln ausstrahlen und auf MTV (das damals tatsächlich noch Musik zeigt), rauf und runter laufen. Und ein Casting mit rund 200 Kandidaten, um nach dem dritten Album einen neuen Leadgitarristen zu finden. Dennoch geht ihre Karriere seit 1996 unwiederbringlich den Bach runter – die Verkaufszahlen brechen von buchstäblich mehreren Millionen für die ersten beiden Alben fast über Nacht auf unter 80.000 ein. 

1991 ist von diesem krassen Karriereknick, der nichts mit fehlendem Können und viel mit fehlendem Glück zu tun hat, jedoch noch lange nichts zu spüren.

Die Spin Doctors entspringen in den späten 1980er Jahren der sogenannten Jam Band-Szene New Yorks – ein bisschen Folk, ziemlich viel Blues, noch mehr Hippie-Spirit, ausgedehnte Improvisationen, musikalisch freie Liebe, jeder mit jedem, in nächtelangen Liveshows im Stil der großen Vorbilder wie Grateful Dead. Es erstaunt ein wenig, dass ausgerechnet eine Band, die im Ruf steht, sich live selten an die Setlist zu halten, am 20. August 1991 ein Album vorlegt, dass direkt auf den Punkt kommt und in 50 Minuten keine Fragen offen lässt. Und dazu mit „Two Princes“ und „Little Miss Can't Be Wrong“ noch zwei der größten Hits der frühen Neunziger mitliefert.

„Pocket Full of Kryptonite“ kam allerdings nicht übermäßig gut aus den Startlöchern: Fast ein Jahr lang passierte außer vielen Konzerten so gut wie gar nichts, bis schließlich das Radio, damals noch der X-Faktor für musikalische Karrieren, auf „Little Miss Can't Be Wrong“ aufmerksam wurde. Danach passierte um so mehr: „Pocket Full Of Kryptonite“ erreicht den „Multi-Platin-Status“ für mindestens zwei Millionen verkaufte Exemplare. Bis 1993 war die Welle auch nach Europa herüber geschwappt, hier schlägt vor allem die Single „Two Princes“ ein, das Video passt auf MTV perfekt in die Rotation.

Der Spin-Doctors-Sound ist amerikanisch, dennoch ist er bis dato ziemlich ungehört – eine eigenständige Mischung aus radiotauglich durchkomponiertem Pop, Gitarrenrock und luftigen Funk-Grooves der exzellenten Rhythmusgruppe Aaron Comess (Drums) und Mark White (Bass). Unverwechselbar wird das Paket allerdings erst durch den freien, fast schon jazzigen Gesang von Chris Barron – immer hart am falschen Ton, immer in seinem ganz eigenen Timing, aber am Ende immer genau richtig. Hier sind vier Könner am Werk, die neben musikalischer Qualität vor allem gute Laune verbreiten, eine Qualität, die einigen ihrer Zeitgenossen abgeht.

Vielleicht waren sie als einzelne Musiker auch ein bisschen zu gut – alle vier haben beachtenswerte Solokarrieren, Gitarrist Eric Schenkman arbeitete mit ex-Bandmitgliedern von Jimi Hendrix sowie mit Jack Bruce von Cream, Aaron Comess ist mittlerweile Drummer bei der deutschen Stadionrock-Legende Westernhagen. Die Optionen neben der Hauptband mögen neben den Verkaufszahlen ein Faktor gewesen sein, warum die Spin Doctors Ende der Neunziger förmlich auseinander brachen.

Das Pech kam 1999 in Form einer Stimmbanderkrankung bei Sänger Barron hinzu, der ein knappes Jahr lang keinen Ton herausbrachte. Bis 2005 war Funkstille, dann kam die Originalbesetzung wieder zusammen und ist bis heute aktiv – in deutlich kleinerem Rahmen, aber offenkundig immer noch mit großem Spaß.



Revolution ist harte Arbeit

Am 12. August 1991 stellte Metallicas fünftes Album "Metallica" die Heavy-Metal-Welt gründlich auf den Kopf.  Doch der Erfolg war teuer erkauft.

Von Tom Rüdell (12. August 2016)

Es war 1989 und James Hetfield und Lars Ulrich waren müde. Beide waren erst Mitte Zwanzig, hatten aber mit Metallica, der Band, die sie als 18-Jährige gegründet hatten, schon einiges hinter sich:

Vier stilbildende Metal-Platten seit 1983. Eine steile Erfolgskurve mit immer größeren Tourneen, die kaum Luft zum Atmen ließen. Schneller, höher, weiter. Den tragischen Unfalltod ihres talentierten Mitmusikers Cliff Burton auf dem Weg zwischen zwei Konzerten in Schweden 1986. Einen Neubeginn mit Burtons Nachfolger Jason Newsted am Bass. Und eine musikalische Entwicklung hin zu immer längeren, vertrackteren Songs im festgefahrenen Achtziger-Metal-Sound, der sie nicht mehr befriedigte. Ein Neubeginn war im Winter 1989 kein Luxus.

Düster: Das Cover des eponymisch betitelten "Metallica"-Albums, für das sich schnell der Beiname "The Black Album" einbürgerte.
Düster: Das Cover des eponymisch betitelten "Metallica"-Albums, für das sich schnell der Beiname "The Black Album" einbürgerte.

Mit dem kanadischen Produzenten Bob Rock begannen im Oktober 1990 die Arbeiten am fünften Metallica-Album.

Das Endprodukt kam, ohne Übertreibung, im Spätsommer 1991 einer Revolution gleich.

Rock, der Name ist Programm, sorgte gleich zu Beginn für klare Verhältnisse und brachte den vier Thrash-Metallern neue Flötentöne bei: Die rotzige Geschwindigkeit, das Markenzeichen der Band, war kein Faktor mehr. Es sollte grooven, nicht mehr hetzen. Die Riffs wurden schwerer, dafür wurden die Songs kürzer. Stücke, die früher zehn Minuten gedauert hätten, waren jetzt nach fünf zu Ende.

Rock verdonnerte Sänger James Hetfield zu Gesangsunterricht und diskutierte Songwriting-Grundlagen - ein Novum. Metallicas Sound wurde mit gründlicher Studioarbeit und ausgefeilter Mikrofonierung extrem verbessert. Songs wurden live in Viererbesetzung erarbeitet, anstatt einzeln nacheinander. Es  wurde wieder und wieder (und wieder - die Rede ist von bis zu 40 Takes pro Song) neu angesetzt, um die Endversion aus den besten Teilstücken zusammensetzen zu können - eine Arbeitsweise, die der Band fremd war und den vier großen Egos Hetfield, Hammett, Newsted und Ulrich massiv gegen den Strich ging.

Die Produktion dauerte ein Dreivierteljahr, verschlang eine Million Dollar und ruinierte die Ehen von dreien der vier Bandmitglieder.

Zumindest die Million sollte sich lohnen - das fertige Album, im Sinne der stilistischen Neuerfindung schlicht "Metallica" betitelt, schlug am 12. August 1991 ein wie eine Bombe. Zwar spaltete es die Metal-Szene, die zum Teil sehr unwirsch auf den neuen Stil reagierte (und, wie es ihre Art ist, bis heute reagiert).

Songs wie "Enter Sandman", "Sad But True" und die beiden Balladen "The Unforgiven" und "Nothing Else Matters" durften erst auf keiner Teenager-Party und später in keinem Mainstream-Rockradio fehlen.

Jedoch: Songs wie "Enter Sandman", "Sad But True" und die beiden Balladen "The Unforgiven" und "Nothing Else Matters" wurden nicht zuletzt aufgrund ihrer zeitlosen Produktion zu Hymnen, die erst auf keiner Teenager-Party und später in keinem Mainstream-Rockradio fehlen durften. Die Songs der Vorgängerplatten hätten das ohne diese fünfte nicht geschafft. Kurz: Das "schwarze Album" definiert harten Sound nach 1991.

Das Album erhielt durchweg gute bis sehr gute Kritiken und erreichte in zehn Ländern den ersten Platz der Albumcharts. Es folgte eine fünf (!) Jahre andauernde Tournee, die Hetfield und Ulrich noch müder machte, als sie es sowieso schon waren. Die folgenden Alben "Load" und "ReLoad" blieben dem neuen Rock-Stil treu - auch wenn Band und Produzent sich nach den aufreibenden Arbeiten am "schwarzen Album" noch geschworen hatten, nie wieder miteinander arbeiten zu wollen.

Der große Crash kam dann aber doch: 2001 verlässt Newsted die Band im Streit, ein Psychotherapeut muss das Bandgefüge kitten (schonungslos aufgezeichnet im Dokumentarfilm "Some Kind Of Monster" von 2004). Mit Robert Trujillo am Bass kann Metallica nicht an die alten (Studio-)Erfolge anknüpfen - das ist allerdings auch nicht mehr nötig, denn von der Verwaltung der eigenen Legende lässt sich offensichtlich recht gut leben.

Am 20. August: Gut gelaunte Pechvögel - "Pocket Full of Kryptonite", das Debutalbum der Spin Doctors wird 25.

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