Zum 25-jährigen Bestehen der Fondation Servais: „Literarisches Leben anspornen“
INTERVIEW: VESNA ANDONOVIC
Ein Vierteljahrhundert ist sie inzwischen alt, die Stiftung, die nach dem Luxemburger Politiker und Schriftsteller Emmanuel Servais benannt ist und seit 1992 alljährlich den Literaturpreis gleichen Namens verleiht. Im Interview zur Jubiläumfeier schaut Stiftungspräsidentin Germaine Goetzinger nicht nur zurück sondern fordert auch Anstrengungen in der Zukunft.
Emmanuel Servais hatte zu Lebzeiten in Luxemburg eine wichtige Rolle gespielt ...
Genau, als Staatsmann hat er maßgeblich im 19. Jahrhundert das Profil Luxemburgs und somit auch sein heutiges Gesicht geprägt: Er hat u. a. Luxemburg in der Frankfurter Paulskirche vertreten, an der Ausarbeitung diverser Verfassungen mitgewirkt und den Londoner Vertrag, der Luxemburg zur ewig währenden Neutralität verpflichtete, mit unterzeichnet ...
Die Stiftung ist dem breiteren Publikum vor allem durch ihren Literaturpreis bekannt ...
Ja, der Preis ist jedoch nur eine Aktivität unter vielen. Mission der Stiftung ist es, die Luxemburger Literatur zu fördern und bekannter zu machen, indem sie beispielsweise deren Erforschung unterstützt. Die „Fondation Servais“ hat z. B. den Wettbewerb „Wie liest, huet honnert An“ initiiert, aus dem später der Vorlesewettbewerb des Unterrichtsministeriums wurde, sowie mehrere Ausstellungen oder die Herausgabe von Jean Kriers postumem Gedichteband „Eingriff, sternklar“ und der Antoine-Meyer-CDs unterstützt. Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, überall dort, wo sprichwörtlich „Not“ am Mann ist, eine Hand mit anzupacken.
Die Vergabe des Preises erfolgt dabei durch eine Jury – ganz der nationalen Schreibkultur entsprechend – unabhängig von der gewählten Sprache ...
Der Preis zeichnet das „beste“ – sprich das repräsentativste, innovativste, wirkungsvollste –, in besagtem Kalenderjahr erschienene Buch aus. Diese Jury ist unabhängig vom Stiftungsverwaltungsrat und liest enorm viel, denn es werden enorm viele Bücher in Luxemburg veröffentlicht, um dann zu ihrer Entscheidung zu finden. Dass der Preis auch wiederholt an einen Autor ging, wie dies bei Pol Greisch und Guy Rewenig der Fall war, zeigt, wie lebendig die hiesige Literaturszene an sich ist.
Die Auszeichnung wird jährlich seit 1992 vergeben. Welche Entwicklung der Literatur hat sie dabei begleitet?
Die hiesige Literatur ist in dieser Zeit einen großen Schritt weiter gekommen: Wir haben viele gute Autoren, die den Vergleich zum Ausland nicht zu scheuen brauchen. Parallel hierzu hat der Literaturbetrieb sich zusehends professionalisiert. Unsere Vielsprachigkeit ist dabei ein einzigartiger Trumpf, den zahlreiche Schriftsteller kreativ ausspielen, was die Luxemburger Literatur auch für das Ausland interessant macht.
Inwieweit ist ein solcher Preis im Zuge einer schwindenden Interessengruppe für das Buch eigentlich noch zeitgemäß?
Auch wenn man sich durchaus andere Formen vorstellen kann, ist ein Literaturpreis noch immer zeitgemäß, da er auf unterschiedlichsten Ebenen wirkungsvoll ist. Erstens ist es eine Anerkennung für einen Autor und sein Werk; dazu ist es ebenfalls eine nicht zu vernachlässigende finanzielle Unterstützung. Da sie eine öffentliche Plattform bietet, die diskussionsanregend ist und u. a literarische Qualität thematisiert, trägt eine Auszeichnung neben ihrem Kanon bildenden Charakter dazu bei, den Bekanntheitsgrad zu steigern. Literarische Perlen mit einem Preis hervorzuheben, spornt das literarische Leben eines Landes an.
Zudem wird, dann und wann, ein Nachwuchspreis vergeben ...
Der nicht zwingend vergeben werden muss, es aber werden kann. Nachwuchsautoren, die noch nichts veröffentlicht haben, können uns ein unveröffentlichtes Manuskript einreichen – viele erhalten wir aber nicht. Das Preisgeld geht in diesem Fall dann aber an einen Verleger, um die Veröffentlichung zu unterstützen.
Wie steht das Wirken einer Stiftung, wie der Ihren, im Vergleich zu institutionellen Strukturen?
Unser Preis an sich ist sicherlich komplementär, da der Batty-Weber-Preis ein Lebenswerk auszeichnet. Wir arbeiten aber, bei bestimmten Projekten, des Öfteren mit staatlichen Institutionen wie z. B. dem CNL zusammen.
Wie stellt sich die Stiftung den Herausforderungen der Zukunft?
Zum Jubiläum haben wir das Thema der Digitalisierung, der Neuen Medien und des E-Books aufgegriffen und haben unsere Preisträger gebeten, einen Beitrag zu unserem „E-Gutenberg“ genannten Projekt, zu verfassen – mit einem solch konkreten Beispiel können wir uns vor Augen führen, wie sich diese Veränderungen auf Schreiber, Leser und Literaturbetrieb auswirken, die Diskussion darüber anregen und sie so ebenfalls weiterbringen.