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Zapping: Zweite Staffel von „Sense8“ : Man muss die Bilder verschwenden können
Wieder hilft ein „Sensate“ dem anderen: Will (Brian J. Smith) steht 
Wolfgang (Max Riemelt, v.) bei.

Zapping: Zweite Staffel von „Sense8“ : Man muss die Bilder verschwenden können

Foto: Netflix
Wieder hilft ein „Sensate“ dem anderen: Will (Brian J. Smith) steht 
Wolfgang (Max Riemelt, v.) bei.
Kultur 1 2 Min. 15.05.2017

Zapping: Zweite Staffel von „Sense8“ : Man muss die Bilder verschwenden können

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
„Viel zu komplex, unverständlich, ohne nachvollziehbare Geschichte“ – nicht wenige Kritiker ließen die erste Staffel von „Sense8“ bei ihrem Erscheinen 2015 gnadenlos durchfallen. Das wird der Serie und ihrer gerade erschienenen zweiten Staffel aber nicht gerecht.

Von Kathrin Schug

Doch es gab auch einige Stimmen, die der Serie das genaue Gegenteil attestierten: Ein Meisterwerk, das neue Maßstäbe im Seriengenre setzt. Die Wachowski-Schwestern, das Mastermind hinter „Sense8“, dürften diese Diskussionen eher entspannt verfolgt haben, verhielt es sich bei ihrem epochalen Kinofilm „Cloud Atlas“ doch ganz ähnlich.

Auch die Settings von „Cloud Atlas“ und „Sense8“ haben viel gemein: Während der Film seine Geschichte auf virtuose Weise parallel über mehrere Jahrhunderte erzählt, kommen in der Serie acht Erzählungen an unterschiedlichen Orten der Welt zusammen. Acht Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entwickeln eine telepathische Verbindung: Die isländische Techno-DJane taucht im Alltag eines Chicagoer Polizisten auf, eine indische Pharmazeutin findet sich im Berlin eines kleinkriminellen Safeknackers wieder, ein kenianischer Busfahrer erhält unverhofften Beistand einer südkoreanischen Kampfkünstlerin, eine transsexuelle Computerspezialistin nimmt Anteil am Leben eines schwulen Action-Schauspielers. Jeder ist mit jedem verbunden.

Klingt verwirrend? Ist es zunächst auch. Während die erste Staffel noch merklich daran krankte, die Biografien und Hintergründe der acht „Sensates“ zu erzählen und die unorthodoxe Erzählweise zu etablieren, nimmt die Serie in der zweiten Staffel deutlich an Fahrt auf: Das „Cluster“, die Gemeinschaft der acht verbundenen Seelen, entdeckt mit dem Zuschauer die Zusammenhänge ihres erweiterten Bewusstseins und macht nähere Bekanntschaft mit dem globalen Medizinkonzern BPO, der sich der Ausrottung ihrer Spezies verschrieben hat. Unvermittelt finden sich die Sensates zwischen den Fronten jenes Krieges von Homo Sapiens gegen Homo Sensorium.

Empathie als Serienthema

Vor diesem narrativen Hintergrund schwingt sich die Serie zu visuellen Höchstleistungen auf: Die Kamera sucht und findet Bilder, die in dieser Opulenz selten gesehen wurden. Die Bildgewalt der Kontinente, Städte und Naturszenen sind von ebensolcher Wucht wie die überästhetisierten Darstellungen jeder Art von Körperlichkeit – sowohl in der ausgekosteten Zurschaustellung von Gewalt als auch in den (über)sinnlichen Sex-Szenen.

Von kleinsten Details, wie der untergehenden Sonne, die sich in einem Tequila-Glas bricht, bis zu den Massenszenen feiert die Kamera die Schönheit des Lebens. Während diese Bilder in einem anderen Zusammenhang ins Selbstreferentielle oder gar Kitschige abzugleiten drohten, tragen sie hier ganz selbstverständlich das Gesamtkunstwerk „Sense8“: Die Wachowskis denken groß, nicht nur in der Komposition der Bilder, sondern auch in den Themen, die aufs Tapet kommen.

Mit dem musketierschen „einer für alle, alle für einen“ stehen die Sensates einander bei und fühlen, trauern, lachen miteinander. Empathie ist das große Thema dieser Serie und die Spezies der Sensates eine utopische Form des Miteinander-Lebens, das sich der Selbstsucht, der Vereinzelung und emotionalen Armut des Homo Sapiens entledigt hat. Mit Einschüben von Naturphilosophie, Psychoanalyse und Kulturgeschichte suchen die Wachowskis nichts weniger als die Weltformel. Ihnen dabei zuzusehen, ist eine reine Freude.

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Die zweite Staffel von „Sense8“ ist im Netflix-Abonnement verfügbar.