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Zapping: "Vinyl": Die Renaissance des Rock
Das Konzert der Punkband „New York Dolls“ wird für den Plattenboss 
Richie Finestra (Bobby Cannavale) zum Erweckungserlebnis.

Zapping: "Vinyl": Die Renaissance des Rock

Foto: HBO
Das Konzert der Punkband „New York Dolls“ wird für den Plattenboss 
Richie Finestra (Bobby Cannavale) zum Erweckungserlebnis.
Kultur 1 2 Min. 28.02.2016

Zapping: "Vinyl": Die Renaissance des Rock

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Die Erwartungen sind hoch: Martin Scorsese und Mick Jagger beleben mit der HBO-Serie "Vinyl" den wilden Geist der 1970er Jahre. Doch bei aller Verneigung vor der Rockhistorie vergessen beide manchmal den Blick für das Wesentliche: die Geschichte.

Von Pol Schock

Plattenboss Richie Finestra sitzt verschwitzt in seinem Mercedes. Er ringt nach Atem, die Augen gehen zum Autodach. Er hadert, schluchzt und trifft dann eine Entscheidung: Alles beichten. Er reißt zunächst den Rückspiegel ab, um sich darauf eine letzte Linie weißen Pulvers zu ziehen. Dann zieht er die Visitenkarte eines Detectives der Mordkommission aus dem Handschuhfach und wählt dessen Nummer auf seinem Autotelefon.

Doch just in diesem Moment strömen hysterische Kids heran. Sie rennen übers Autodach zum leer stehenden Gebäude gegenüber auf der anderen Straßenseite. Richie vergisst das Telefonat und folgt dem Geschrei der Jugend. Wie in Trance tritt er ins „Mercier Arts Center“ und wird Zeuge von hedonistischen Lustspielen während des Konzerts der „New York Dolls“. Die Geburt des Punks wird für den am Boden liegenden Plattenboss zur Epiphanie.

Die Geburt des Punk
Die Geburt des Punk
Foto: HBO

Es dauert genau fünf Minuten, dann sind die Weichen für „Vinyl“ gestellt: „Sex, Drugs & Rock'n'Roll“. Seit einer Woche läuft die neue HBO-Serie über die Musikwelt Anfang der 1970er Jahre und versetzt die Feuilletons von San Francisco bis Berlin in Aufregung. Kein Wunder: Mit Martin Scorsese und Terence Winter hat sich das Dreamteam der viel gelobten Serie „Boardwalk Empire“ sowie des oscarprämierten Films „The Wolf of Wall Street“ erneut zusammengefunden. Unterstützung beim Drehbuch bekamen die beiden von keinem Geringeren als Stones-Legende Mick Jagger.

Die Sehnsucht nach dem wilden Leben

Die Geschichte handelt von Plattenboss Richie Finestra, gespielt von Bobby Cannavale, der 1973 versucht, sein Label „American Century“ an einen deutschen Plattenkonzern zu verkaufen. Das läuft jedoch alles andere als rund. Es gibt Probleme mit einem Radiomogul, mit eigensinnigen Rockstars sowie mit der Mafia. Und vor allem gibt es ein Problem mit der Musik. Denn die große Zeit des Musikbusiness scheint passé. Zu viele durchschnittliche Künstler, zu viele faule Deals, zu viel Mainstream, zu viel Langweile.

James Jagger (l.) ist der älteste Sohn von Mick Jagger und spielt den Sänger der fiktiven Punkrock-Band Natsy Bits.Jamie Vine (Juno Temple) entdeckt das Talent des exzentrischen Punkers - und wird zu seiner Muse.
James Jagger (l.) ist der älteste Sohn von Mick Jagger und spielt den Sänger der fiktiven Punkrock-Band Natsy Bits.Jamie Vine (Juno Temple) entdeckt das Talent des exzentrischen Punkers - und wird zu seiner Muse.
Foto: HBO

„Vinyl“ kommt gerade recht. In Zeiten von Spotify, iTunes und Co., in denen mit einem Knopfdruck die gesamte Musikbibliothek der Weltgeschichte zur Verfügung steht, sehnen sich Menschen – von San Francisco bis Berlin – nach analogen fassbaren Dingen. Die Serie „Vinyl“ versetzt zurück in das Vinylzeitalter, als Musik noch handgemacht war. Die Welt war zwar nicht sicherer, aber dafür war das Leben aufregender und intensiver.

Um diese Authentizität zu vermitteln, greifen die Macher tief in die Trickkiste. „Vinyl“ ist eine laute und hektische Serie: Exzentrische Figuren treffen auf viel Musik. Es wird geschrien, gekokst, geschlagen und geküsst. Schnitt folgt auf Schnitt. In Flashbacks wird gezeigt, wie Richie Finestra zum großen Plattenboss werden konnte.

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Zudem vermischen Scorsese und Co. immer wieder Fakt und Fiktion. Gleich in der Pilotfolge werden einige Monumente der Rock- und Popgeschichte ins Szenario eingebaut: Woodstock, Led Zeppelin, Lou Reed und Andy Warhol. Es ist ein Bemühen, die Coolness und den Geist der 1970er Jahre in Musik und in Bildern einzufangen.

Das ist jedoch ein heikles Unterfangen: Denn vor lauter Huldigung und Verneigung vor der Rockhistorie vergessen Scorsese und Co. manchmal den Blick für das Wesentliche: die Geschichte. Es wird sich zeigen, ob in den Folgeepisoden der Rock im Dienste des Plots steht und nicht umgekehrt – sonst wird „Vinyl“ ein lautes Missverständnis.

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„Vinyl“ ist jeweils ab sonntagnachts via „Sky Online, Go und On Demand“ abrufbar und läuft ab dem 7. April auf Sky Atlantic HD.