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Zapping: Verräter, Maulwürfe und noch viel mehr
Kultur 2 2 Min. 12.05.2019

Zapping: Verräter, Maulwürfe und noch viel mehr

mma Appleton (Mitte) spielt die Hauptrolle „Feef Symonds“ an der Seite von Keeley Hawes (l.) und
Luke Treadaway (r.).

Zapping: Verräter, Maulwürfe und noch viel mehr

mma Appleton (Mitte) spielt die Hauptrolle „Feef Symonds“ an der Seite von Keeley Hawes (l.) und
Luke Treadaway (r.).
Foto: Getty Images
Kultur 2 2 Min. 12.05.2019

Zapping: Verräter, Maulwürfe und noch viel mehr

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Der Spionagethriller ist doch ausgelutscht - oder? Die britische Spionageserie „Traitors“ sucht trotzdem ihren Weg - und das geht auf.

Wenn man bei einer Filmsparte meinen kann, bereits alles gesehen zu haben, dann gilt das für den in nahezu allen thematischen und historischen Kontexten umgesetzten Spionagethriller. So gehört ein ausgeprägter Sinn für Originalität dazu, 70 Jahre nach dem Beginn des Kalten Krieges dieses in jeder Hinsicht strapazierte Themenmuster noch einmal für eine Produktion im Zeitalter des modernen Seriengeschäfts zu bemühen.


Und wenn man am Ende dann doch von einem gelungenen Unterfangen sprechen kann, dann bedeutet das in dem Fall zweierlei: Erstens, dass Spionagethemen trotz allem zeitlos bleiben, und zweitens, dass die Macher der betreffenden Produktion mit Qualität und Originalität aufgetrumpft haben müssen. Genau das gilt für die neue, auf einer Idee von Bash Doran beruhende und auf Channel 4 erstausgestrahlte britische Serie „Traitors“ („Verräter“).

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Sicher gibt es auch hier Maulwürfe, Verräter, Männer in Schlapphüten und zu jedem Verrat bereite ehrbare Sekretärinnen in Vertrauenspositionen, versteckte Mikrofone, nächtliche Begegnungen an nebligen Brücken sowie Morde in Treppenhäusern. Dennoch besticht „Traitors“ durch seine thematische Eigenart und dramatische Intensität. Es ist die im Jahr 1945 beginnende Geschichte der jungen Feef Symonds (Emma Appleton), der unternehmungslustigen ehrgeizigen Tochter einer nach dem Krieg verarmten Familie der gehobenen Londoner Bürgerschicht.

Durch ihre Beziehungen zu einem in der englischen Hauptstadt stationierten amerikanischen OSS-Offizier gerät sie in die Kreise des dort in einer ersten Phase eher planungslos operierenden US-Geheimdienstes, aus dem der CIA entstehen sollte und der in dem Aufspüren von vermeintlichen sowjetischen Spionen innerhalb der englischen Regierungsverwaltung sich ein neues Betätigungsfeld ausgemacht hat.

Im Netz von Angst, Träumen und Emotionen

Da Feef Symonds soeben als Ministeriumssekretärin in Whitehall einen neuen, vielversprechenden Berufsstart genommen hat, scheint sie für den hartgesottenen US-Agenten Thomas Rowe (Michael Stuhlbarg) die ideale Person zu sein, um bei der Aufdeckung eines offensichtlich im Umkreis der neuen sozialistischen Nachkriegsregierung infiltrierten sowjetischen Agenten behilflich zu sein.


Aus Naivität und Ehrgeiz wird Feef Symonds zur Verräterin am eigenen Land, im Dienst einer befreundeten, aber mit keineswegs freundlichen Methoden agierenden Nation. Bald schon verstrickt sich die für den Spionagejob nicht gemachte Feef im undurchdringlichen Netz von zu Gewalt in jeder Form bereiten Geheimdiensten sowie von ebenso undurchschaubaren menschlichen Beziehungen und Emotionen, wo sie nicht mehr zwischen echten und falschen Gefühlen unterscheiden kann. Emma Appletons solide schauspielerische Leistung passt zu einem hervorragenden Casting, aus dem u. a. Keeley Hawes in der Rolle ihrer Vorgesetzten Priscilla Garrick sowie Luke Treadaway als der idealistische Labour-Abgeordnete Hugh Fenton herausragen.

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Genau in diesen beiden letzteren Figuren kommt die sich über das vordergründige Spionage-Thema heraushebende soziale und gesellschaftspolitische Dimension der Serie zum Ausdruck. Denn in dem besonderen zeithistorischen Kontext an der Schwelle eines neue Frontenstellungen einnehmenden Kriegs der Ideologien offenbaren sich nun auch hinter über den Krieg hinaus geretteten, verkrusteten Strukturen persönliche Hoffnungen, Träume und Überzeugungen.


Insofern geht es bei „Traitors“ auch um Auflehnung gegen Klassendiskriminierung, um aus langer Bevormundung erwachendes feministisches Bewusstsein sowie um antikolonialistische und antirassistische Reflexe. Die Hinterzimmergespräche in Whitehall über das britische Palästina-Protektorat tragen das Ihre bei zum Gelingen dieses ebenso finsteren wie weit ausholenden Zeitporträts. Die nach der ersten Staffel absehbare Fortsetzung der Serie ist ein gutes Zeichen für das Spionage-Genre in seiner erweiterten und vollendeten Konzeption.

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„Verräter“ („Traitors“) ist als sechsteilige Miniserie auf Netflix abrufbar.