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Zapping: Unsere TV-Kritik: Nahe am Wahn
Aaron Paul wurde mit "Breaking Bad" erst einem breiten internationalen Publikum bekannt.

Zapping: Unsere TV-Kritik: Nahe am Wahn

Foto: AP
Aaron Paul wurde mit "Breaking Bad" erst einem breiten internationalen Publikum bekannt.
Kultur 1 2 Min. 20.11.2016

Zapping: Unsere TV-Kritik: Nahe am Wahn

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Vom Junkie zum Sektenzweifler: Aaron Paul gibt in "The Path" einen Insider, der in seiner Glaubensgemeinschaft die ihm zu einem stabilen Leben verholfen hat,

Von Daniel Conrad

Sie versprechen Halt in Zeiten, die von Katastrophen und Terror geprägt scheinen; Halt in Zeiten der persönlichen Not – endlich ein Entzug von den Drogen, endlich Stabilität in drohender Armut; Halt in einer Gemeinschaft, die sich versöhnend die Hände reicht und die Dinge gemeinsam stemmt. Schon die erste Szene der Serie des US-amerikanischen Streamingdienstes Hulu führt die Selbstaufopferung und Barmherzigkeit der fiktiven „Meyeristen“ vor.

Hugh Dancy spielt den Aufsteiger Cal.
Hugh Dancy spielt den Aufsteiger Cal.
Foto:Hulu

Das klare Ordnungssystem der Sekte gibt Gestrandeten Orientierung, und ungeachtet ihrer Ausbildungen in der „normalen“ Welt eine mögliche Karriere: den Aufstieg auf der sogenannten „Leiter“, dem Pfad in einen glückseligen Zustand, eine Art Jenseits, den „Garten“. Auch Eddie gespielt von „Breaking Bad“-Star Aaron Paul, hat das erlebt.

Nach dem Selbstmord seines Bruders fand er nicht nur den Weg in die Gemeinschaft, sondern begegnete auch seiner späteren Frau Sarah (Michelle Monaghan) dort. Sie wurde in die Sekte hineingeboren und zählt zu den wichtigsten Stimmen und Ankerpersönlichkeiten der Gemeinschaft.

Foto: Hulu

Doch mit den Jahren hat sich hinter den Kulissen der in einem eigenen Viertel abgeschottet lebenden „Meyeristen“ ein Vakuum aufgetan. Die Sekte ist an dem Punkt angekommen, dass der einstige Gründer, Namensgeber und nicht zuletzt Identifikationsfigur keine Präsenz mehr zeigt – sondern zurückgezogen mit den wichtigsten Mitgründern weit ab in Chile lebt, um den letzten Geheimnissen für den Aufstieg in den „Garten“ auf die Spur zu kommen. Alles wartet auf die Rückkehr des Gründers; und seine Visionen für die Zukunft. Das zumindest ist das, was den Anhängern erzählt wird.

In Wahrheit liegt der Gründer offensichtlich im Koma, vielleicht sogar im Sterben; nur wenige wissen um sein Schicksal. Eddie hat eine Ahnung davon, aber keine Beweise. Doch der Zweifel nagt.

Letztlich steht für ihn die Bewegung generell in Frage. Doch will er wirklich alles aufgeben, wie soll er seiner Frau begegnen, kann er seine Zweifel lange verbergen?

Dagegen sieht Cal, gespielt von Hugh Dancy, seine Stunde gekommen: Der nicht vor eigenen Seelenqualen gefeite Oberjünger fühlt sich als Thronfolger und hat eigene Ideen, wie er die Bewegung zusammenhalten und weiterentwickeln kann – zumindest scheint das der Antrieb zu sein. Für das Weiterbestehen ist ihm jedes Mittel recht – bis hin zu Folter und Gewalt.

Dichtes Psychogramm

Kaum eine Serie hat bisher so intensiv Motive aus Sekten verdichtet und aufgearbeitet wie „The Path“. Sicher, sie ist dabei nicht gerade einfach gestrickt: Die Macher erlauben sich und den Zuschauern eine Vielschichtigkeit des Themas und der Charaktere, um Motivationen, Zweifel und psychische Situationen zu fokussieren.

Hier geht es nicht um Effekte, sondern um das mehr oder minder subtile Abgleiten in Selbstaufgabe, Gewalt, Missbrauch und Wahn – die Mechanismen hinter der Macht, die perfide Manipulation und Indoktrination von Menschen und die dunklen Abgründe der Seele.

Die erste Staffel der Serie, die aktuell u. a. über Amazon Prime zu sehen ist, splittert dabei die vielschichtigen Fragen um Sekten als Grundlinien der Haupt- und Nebencharaktere auf – und schafft es dennoch, diesen Bogen und Themenkomplex fesselnd zu erzählen. Hulu hat bereits eine neue Staffel bestellt.